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Auch in Lollar (hier ein Bild der Ortsdurchfahrt) sind die Ansichten zum Krieg in Nordsyrien extrem unterschiedlich.

Ortsbesuch

So äußern sich Türken und Kurden in Lollar zum Nordsyrien-Konflikt

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Der Einmarsch türkischer Truppen im kurdisch verwalteten Nordsyrien dominiert die Schlagzeilen und polarisiert auch hierzulande. Wie wirkt sich der Konflikt auf das Verhältnis beider Gruppen in Deutschland aus? Ein Ortsbesuch in Lollar.

Türkisches Militär überquert die Grenze, fliegt Luftangriffe über bewohntem Gebiet. Zivilisten flüchten. Die Fakten lassen wenig Interpretationsspielraum zu, könnte man meinen. Doch das sieht nicht jeder so, zumindest nicht an diesem Nachmittag in einem türkischen Café in Lollar: "Das ist kein Krieg", sagt einer der Männer. Eigentlich will er sich nicht zu diesem Thema äußern, redet sich dann aber doch in Rage, wenn auch in ruhigem Ton: "Natürlich" sei er Türke, "und ich stehe zu meinem Land."

Was sagt er zu den Bildern, die die Eskalation dokumentieren? In deutschen Medien werde stets ein verzerrtes Bild gezeichnet, findet er. Wer sich gut informieren wolle, solle türkische Medien verfolgen. Die Kurden, sagt er, hätten eben keinen eigenen Staat. "Das Land gibt’s nicht - oder haben Sie eine Karte mit Kurdistan dabei?" Es ist die hier vorherrschende Meinung.

Nordsyrien-Konflikt: Verzwickte Lage

Vor zwei Wochen ließ die türkische Regierung Militär an der Grenze zu Nordsyrien zusammenziehen und kurz darauf die Grenze übertreten. Erklärtes Ziel: Der Kampf gegen die kurdische Miliz YPG und die Errichtung eines "Sicherheitskorridors". Möglich geworden war der völkerrechtswidrige Angriff erst durch den überhasteten Rückzug der US-Truppen. Die Eskalation hält die internationale Staatengemeinschaft in Schach, bringt EU und NATO in eine verzwickte Lage. Wie es mit diesem Konflikt und der Region weitergeht, scheint derzeit offen. Fest steht: Viele Kurden, auch in Deutschland, fühlen sich nun vom Westen verraten. Nachdem viele Angehörige dieser Volksgruppe ihr Leben im Kampf gegen Islamisten geopfert hätten, lasse man die Menschen dort nun im Stich - und liefere sie der Willkür des türkischen Militärs aus, so die Lesart.

Auch im Kreis Gießen polarisiert der Konflikt. Das zeigt der Ortsbesuch in Lollar, einer Kleinstadt, die von vielen Nationalitäten geprägt ist. Auch die türkische und kurdische Community sind hier stark vertreten. Es ist ein heikles Thema, das wird an diesem Nachmittag deutlich. Eines, über das viele nicht oder nur zögerlich sprechen.

Eine Handvoll junger Männer sitzt in einem anderen Lollarer Café zusammen, "alles Kumpels, alles Freunde". Sie haben ihre Wurzeln in Italien, Deutschland, der Türkei und kurdischen Gebieten. Auch Aramäer, Albaner, Bulgaren und Rumänen seien oft hier. "Natürlich ist das Scheiße, was dort passiert", sagt einer. "Aber wir kennen uns schon so lange, sind zusammen zur Schule gegangen - sollen wir uns jetzt die Köpfe einschlagen?" Politik werde hier als Thema ausgespart, "das gehört sich nicht". Er sei stolzer Kurde, sagt er, doch an einem Konflikt sei ihm nicht gelegen.

Nordsyrien-Konflikt: Vorfall in Gießen erregt die Gemüter

Es scheint, als gingen sich Kurden und Türken in Lollar teils aus dem Weg, um Konflikte zu vermeiden. Keine direkte Konfrontation - aber auch kein Dialog. Doch unter der fragilen Oberfläche des friedlichen Miteinanders sind die Fronten in den Köpfen teils verhärtet, wie sich im Laufe des Gesprächs zeigt.

Vereinzelt ist es in deutschen Städten schon zu gewalttätigen Zusammenstößen beider Gruppen gekommen. Die jungen Männer in Lollar erzürnen sich über einen Vorfall, der an diesem Nachmittag mehrmals erwähnt wird: Laut Polizei hatten sich Teilnehmer einer Kurden-Demo in Gießen von einem Autofahrer provoziert gefühlt, der die türkische Flagge und den türkisch-nationalistischen "Wolfsgruß" gezeigt haben soll. Das Auto wurde laut Polizei attackiert und der Mann angegriffen, als er sich bei Polizisten beschweren wollte. "Entweder der Typ ist ein Rassist oder er war auf Drogen", sagt einer der Männer im Café, anders könne er sich diese Provokation nicht erklären. Der Einmarsch in Syrien spalte Kurden und Türken in Lollar weiter, äußert sich ein anderer. Und dann geht es um einen Aspekt, der an diesem Nachmittag mehrfach Thema ist: Deutschland mache sich die Hände schmutzig, weil es Waffen an die Türkei liefere.

Schließlich weist einer der jungen Männer auf sein Halstuch in den kurdischen Farben rot, weiß und grün hin. "Was dort passiert, nimmt uns schon böse mit." Das Chaos in den bislang kurdisch verwalteten Regionen Nordsyriens spiele dem türkischen Präsidenten in die Hände, er wolle islamistische Kräfte stärken.

Nordsyrien-Konflikt: Rückendeckung für PKK

"Wir Kurden haben die Situation hier in Lollar im Griff und lassen uns nichts gefallen". Er stehe zu 100 Prozent zur PKK, sagt der junge Mann - einer Organisation, die sich dem Kampf für eine kurdische Autonomie verschrieben hat. Sie wird von der Türkei als Terrororganisation eingestuft und unterliegt auch in Deutschland einem Betätigungsverbot.

Das sieht der stolze Türke im anderen Café völlig anders: Die PKK sei eben keine Volksgruppe, sondern eine Terrororganisation. "Die sollen ruhig auf die Straße gehen und demonstrieren", sagt er in abfälligem Ton. Aber wer nun gegen den Einmarsch protestiere, der gehöre zur PKK. Terroristen, die weitgehend friedlich demonstrieren? Zumindest seien sie Sympathisanten, antwortet er. Es klingt nach einem einfachen, schwarz-weißen Weltbild, in dem vermittelnde Zwischentöne keinen Platz haben.

Mancher, der sich keiner der beiden Gruppen zugehörig fühlt, neigt doch eher der Sicht der Kurden zu. So auch ein Mann, der selbst einst als Fremder nach Deutschland kam. "Es gibt viele Kurden, die sich vergessen", sagt er. "Die trinken hier Tee und spielen Karten, während dort Blut fließt." Warum geht er nicht mit auf die Straße, wenn Kurden zurzeit protestieren? Er habe Angst, verrät er. "Wer arbeitet denn für mich, wenn mir einer einen Stein an den Kopf wirft?"

Zusatzinfo: Lage an CBES "total friedlich"

Wie angespannt ist die Situation zwischen Kurden und Türken an der Clemens-Brentano-Europaschule mit über 1400 Schülern? "Total friedlich", sagt Schulleiter Andrej Keller. Diesen Eindruck hätten ihm auch Schülervertreter in einer Sitzung bestätigt: Bis auf ein Wortgefecht zweier Fünftklässler seien ihm in letzter Zeit keine Auseinandersetzungen zu diesem Thema bekannt geworden.

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