11169 Kilometer – Radtour den Eisernen Vorhang entlang

Vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt Deutschlands sind es rund 1100 Kilometer. Wenn ein Radler dies zehn Mal fahren würde – dann wäre er genauso lang unterwegs wie Radko Brock aus Lollar. In fünf Monaten radelte er vom Nordkap nach Istanbul – den ehemaligen Eisernen Vorhang entlang. Er durchquerte dabei 18 Länder.

Lollar (pad). Entspannt sitzt er im Sessel im Verlagsgebäude der Gießener Allgemeinen Zeitung, breitet die Karten und einige Bilder von der Route vor sich aus. 25 Jahre nach dem Mauerfall, dem Anfang vom Ende der Teilung zwischen Ost und West, hatte er sich zum Ziel gesetzt, die ehemalige Grenze zwischen zwei politischen Weltordnungen – den Eisernen Vorhang – abzufahren. Mit dem Fahrrad. Vor einigen Jahren hat Brock bereits einmal Amerika durchquert. Doch die Radtour von Nord nach Süd ist etwas anderes: 18 Länder liegen auf seiner Strecke. Fünf Monate war er insgesamt unterwegs, durchquerte mehrere Klimazonen und Sprachgebiete.

+++ Mehr Fotos von der Tour im der Bildergalerie

Die Route selbst musste er nicht planen: EU-Abgeordneter Michael Cramer (Grüne) hatte 2005 im EU-Parlament einen Antrag gestellt, eine solche Radroute als Europa-Radweg auszuarbeiten. Cramer ist mittlerweile 5000 Kilometer der Strecke abgefahren – jedoch in Etappen. Schwierig sei derzeit die Zusammenarbeit mit Russland. "Ich setze hier aber vor allem auf eine Anerkennung des Radwegs als Europäische Kulturelle Route", sagte Cramer auf Anfrage der GAZ. Im Institut für Europäische Kulturelle Routen sei Russland auch Mitglied.

Ein Traktor in Norwegen

Am nördlichsten Punkt Europas, dem Nordkap, begann am 12. Juni seine Tour. Der Eiserne Vorhang begann zwar erst einige Hundert Kilometer ostwärts, jedoch wollte er sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, an diesem markanten Punkt zu starten. Im Norden kalt – im Süden warm – was packt man da an Klamotten ein? "So wenig wie möglich", sagt Brock. Insgesamt 70 Kilogramm ist sein Fahrrad mit Beladung schwer: Zelt, Wechselkleidung, Lebensmittel, Ersatzreifen. Letzteren braucht er nicht – nur einmal hat er auf der gesamten Strecke einen Platten.

Doch das ungewohnte Gewicht zerrt zunächst an den Muskeln und der Geschwindigkeit: Mit fünf bis acht Kilometern geht es bergauf – "bei langsamer kippt das Rad zur Seite." Frankfurt verließ er mit dem Flugzeug bei 30 Grad – am Nordkap kann man die Null wegstreichen. "Statistisch gesehen sind es 15 Grad Mitte Juni", sagt Brock, nur in diesem Sommer halt nicht. Es regnet. Am zweiten Tag schreibt er in die Heimat "Der Regen hat endlich aufgehört" – denn nun schneit es. "Bei richtig starkem Schnee ist man in zehn Minuten komplett weiß."

Zwei Kreuzungen auf 300 Kilometern

Auf die Karte braucht er nicht zu blicken – auf den ersten 300 Kilometern gibt es gerade einmal zwei Kreuzungen. Die Vegetation ist kurz, nur kleine Gewächse und Gras trotzen dem Klima. Nachts hört er in seinem Zelt die Wölfe heulen. In dieser unwirtlichen Landschaft kommt ihm ein Traktor entgegen – mit Karlsruher Kennzeichen. Am Steuer sitzt Manfred, der gerade zum nördlichsten Leuchtturm Europas will. Ein paar Tage später trifft Brock einen spanischen Radler. Dieser berichtet ihm, dass er in Südfrankreich einen Deutschen mit Traktor getroffen habe. "Unser Planet ist doch sehr klein", schmunzelt Brock.

An der Finnischen Grenze bietet ihm ein Restaurantbesitzer Lachs an – köstlich. In Englisch erzählt er dem Radler vom Winter mit 20 bis 40 Grad unter Null, "but sometimes it es getting cold". Mit einem kleinen Essenspaket als Gastgeschenk überquert er die Grenze.

"Finnland ist lang"

Der Weg führt ihn nun stets weiter nach Süden. Direkt an der Grenze gibt es keine fahrbare Straße, so folgt er der der Grenze nächstgelegenen nach Süden. "Finnland ist lang", sagt Brock im Rückblick. Und kalt.Und teils etwas eintönig von der Landschaft, da "nimmt man auch manchmal während der Fahrt ein Buch zur Hand und liest". Was auf deutschen Straßen kaum vorstellbar wäre, ist dort kein Problem, da der Verkehr eine Dichte von zwei bis drei Autos pro Stunde hat.

Bis zur Landesmitte begleiten ihn Schneeschauer, dann wird es langsam milder. Rentiere kreuzen seinen Weg, stehen auf den wenig genutzten Straßen und verschwinden erst im Wald, als er sich ihnen auf weniger als 100 Meter nähert. In Suomusslami nimmt er die ersten Wintersachen aus dem Gepäck und schickt sie per Post nach Hause – zweieinhalb Kilo weniger Gewicht. Immer wieder trifft er andere Radler, die auch auf Tour durch Europa sind, und mit denen er ein Stück des Weges teilt.

In Südfinnland sind es schließlich teils 35 Grad, die Hitze wird von Gewittern unterbrochen. Während auf europäischer Seite die Straßen noch gut sind, ändert sich das Bild nach dem Grenzübertritt nach Russland schlagartig.

Dort sind die Straßenschäden so extrem, dass selbst Laster nur noch 20 Kilometer pro Stunde fahren. Der Weg nach St. Petersburg führt über ausgefahrene, aber dafür stark frequentierte Straßen und durch runtergekommene Dörfer hindurch. "Beim Einkaufen in den Läden hat man Angst um das Rad draußen.

" Auf der Schnellstraße geht es mangels Radwegen ins Zentrum. Doch der Weg lohnt sich, die Stadt ist sehenswert mit ihren beeindruckenden historischen Gebäuden. Nach einem Tag Aufenthalt geht es wieder gen europäische Grenze – und damit Estland.

Estland mit gepflegten Vorgärten

Der Übergang fällt sofort ins Auge. "Die Esten sind von ihrer Mentalität sehr deutsch", sagt Brock. Während in Russland in den Vorgärten das Unkraut hoch wuchs und die Häuser deutlich Spuren des Zahn der Zeit zeigten, sind diese nun sehr gepflegt. "Da fühlt man sich sehr aufgehoben." In Tallin schickt er wieder ein paar Kilogramm Gepäck nach Hause, bevor es mit einem Abstecher über die Inseln Hiuumaa und Saaremaa nach Lettland geht.

Am 45. Tagen schließlich erreicht er Königsberg, heute Kaliningrad. Er durchquert die russische Exklave innerhalb eines Tages, um kein Quartier bei der Einreise nachweisen zu müssen. Unterwegs hält er an einem Kiosk. Die Betreiber haben nur ein paar Müsliriegel im Angebot – und teilen deshalb mit dem Reisenden ihr Mittagessen. An einem anderen Tag schenken ihm niederländische Radler ein Wörterbuch. Diese herzlichen Momente, das menschliche Miteinander sind Brock vor allem im Gedächtnis geblieben.

In Polen sind Radwege anders

Ein Zwischenstopp in Danzig mit der Altstadt und den Kirchen ist natürlich Pflicht. Am eisernen Vorhang – in diesem Fall weiter die Küstenlinie – entlang führt sein Weg durch Polen. Dort bestehen die ufernahen Radwege häufig nur aus Sand – für ein Fahrrad schlechtes Terrain. "Die Polen haben wohl ein anderes Verständnis von Radwegen – für sie war das normal." Teils sind sie auch im Wasser versunken – die braune Brühe reicht fast bis zu den Satteltaschen hinauf. Da heißt es Schieben.

Als er dann nach weiter über 4000 Kilometern Radtour die deutsche Grenze erreicht, "ist das ein Gefühl, als würde man nach Hause kommen". Erst die Küstenlinie der Ostsee, dann das grüne Band der ehemals innerdeutschen Grenze mit seinen vielen Angeboten zur Geschichte der deutschen Teilung führt sein Weg entlang – bis er bei Fulda einen "kurzen Abstecher" nach Lollar macht. Die Aussicht auf eine warme Dusche ist "den kleinen Umweg" wert.

Weiter ging es über Thüringen, Tschechien und Österreich Richtung Balkan. "Dort gibt es im Vergleich zum Norden sehr viele Länder", so dass er regelmäßig über Grenzübergänge musste. In Serbien, Bulgarien und Griechenland wurde aber meist nur der Pass kontrolliert – durch die schmutzige Wäsche in den Satteltaschen wollten die Grenzer sich wohl nicht wühlen.

Schnee in Sofia

In Deutschland war er in den Herbst geraten – und dieser blieb für das restliche Stück des Weges sein treuer Begleiter. In Ungarn und Serbien waren es etwa 25 Grad am Tag – und Nachts nur fünf Grad. In Sofia erwischte ihn schließlich wieder der Schnee.

Und immer wieder trifft er auf Spuren des Eisernen Vorhangs, so etwa in Andau in Österreich. Es ist eine unscheinbare Brücke aus Holz, die über viele Jahrzehnte den Landwirten diente, um ihre Felder zu erreichen. Im Laufe des Ungarischen Volksaufstandes 1956 flüchteten jedoch rund 120 000 Menschen über das schmale Bauwerk, wie ihm ein Einheimscher berichtet. Am 21. November wurde die Brücke von ungarischen Soldaten gesprengt – und erst 1996 wiedererrichtet. Heute führt der Europaradweg über die geschichtsträchtige Brücke.

Kompliziert wird es an einem Grenzübergang zwischen Kroatien und Serbien, der mittlerweile meterhoch zugewachsen ist. Da blieb Brock nur der Weg über die Autobahn – was in Deutschland streng verboten ist in manch anderem Land durchaus erlaubt oder zumindest geduldet.

Aggressive bulgarische Hunde

In Bulgarien wird er einmal von einem streunenden Hund angegriffen, in Serbien rennt ihm ebenfalls einer vors Rad und ergreift die Flucht, als er von der Satteltasche erwischt wird.

Dennoch – überall warten schöne Aussichten und Perspektiven, übernachtet er Mal versteckt unter Bäumen, mal auf Felsterrassen an der Küste. In Griechenland kommt er von der Grenzlinie immer weiter ab, genießt das Panorama am Meeresufer, sein Ziel stets vor Augen: Istanbul. Nach 11169 Kilometern rollt er nach genau fünf Monaten über die imaginäre Ziellinie am Hotel – nach einer Tour durch 18 Länder. Viele Eindrücke und Erinnerungen hat er in seinen Satteltaschen dabei eingesammelt, von der Mitternachtssonne in Norwegen über rasanten russischen Straßenverkehr und den vielen freundlichen Menschen in Serbien, die den Radlern stets zuwinken. "Es ist gefühlt die Erfahrung von fünf Jahren", sagt Brock. Nun ist erst einmal Pause – bis zur nächsten Tour. Sein Fazit zum Iron Curtain Trail: "Es ist die europäische Radreise der Gegensätze: landschaftlich, klimatisch, sowie kulturell und sozial." Nun ist aber erst einmal Pause – bis zur nächsten Radtour.

Das Reisetagebuch von Radko Brock mit vielen Bildern findet sich auf seiner Homepage www.radko.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare