Vielerorts im Landkreis Gießen erledigen Freiwillige in Zeiten von Corona Einkäufe, gerade für ältere Menschen. SYMBOLFOTO: SO
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Vielerorts im Landkreis Gießen erledigen Freiwillige in Zeiten von Corona Einkäufe, gerade für ältere Menschen. SYMBOLFOTO: SO

Corona-Krise

Lokale Hilfe gibt es im Gießener Land im Überfluss

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Mit der Corona-Krise wuchs auch die Solidarität. Plötzlich standen und stehen im Kreis Gießen viele Menschen bereit, um für andere einzukaufen. Doch die Angebote nur vereinzelt wahrgenommen.

Mit der Corona-Krise wuchs auch die Solidarität. Plötzlich standen und stehen im Kreis Gießen viele Menschen bereit, um für andere einzukaufen. Allerdings werden die Angebote nur vereinzelt wahrgenommen. Aktive werten das als ein gutes Zeichen.

Als Mitte März das öffentliche Leben heruntergefahren, alltägliche Kontakte plötzlich pr oblematisch wurden, hat das unser aller Leben verändert. Besonders galt es nun Menschen mit Vorerkrankungen und Ältere vor Corona-Infektionen zu schützen. Wesentlicher Einschnitt: Wer einer Risikogruppe angehört, sollte Einkäufe vermeiden.

Privatpersonen stehen weiter bereit

Binnen weniger Tage sprossen vielerorts im Kreis Gießen Hilfsangebote wie Pilze aus dem Boden. Vereine, Gemeindeverwaltungen, Kirchengemeinden und auch Privatpersonen boten auf verschiedenen Kanälen Unterstützung an, organisierten Einkäufe, Rezeptabholungen beim Arzt und mehr.

Zweieinhalb Monate später hat sich vieles gewandelt, der gewohnte Alltag in vielen Bereichen wieder Fahrt aufgenommen. Gerade Älteren wird aber nach wie vor empfohlen, den Gang zum Supermarkt zu vermeiden. Die lokalen Hilfen bestehen fort - doch sie werden vielerorts offenbar kaum in Anspruch genommen.

Allein 60 Freiwillige in Buseck

"Jetzt haben wir sechs Kunden, über die meiste Zeit waren es fünf", sagt Thomas Leimbach, Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Alten-Buseck. Mitte März hat er die Aktion "Buseck hilft" auf den Weg gebracht, grundsätzlich für alle fünf Ortsteile. Binnen 48 Stunden sei die Mitteilung auf Facebook über 2000 Mal aufgerufen worden, blickt Leimbach zurück. "Die Hilfsbereitschaft ging exponentiell hoch, wir haben 60 Freiwillige." Sie haben sich als ehrenamtliche "Einkaufshelden" gemeldet. Und unter den Aktiven seien längst nicht nur Menschen, die sich ohnehin in der Kirchengemeinde engagieren, sagt der Pfarrer.

"Passierscheine" für den Notfall

Anfangs sei man von negativeren Szenarien ausgegangen: "Wir hatten die Befürchtung, dass es einen Lockdown wie in Italien geben könnte" - also mit harten Ausgangssperren. Für den Fall der Fälle habe man den Helfern "Passierscheine" ausgestellt, damit sie belegen können, warum sie unterwegs sind. Doch die Ausgangssperre blieb aus, die Ausweise wurden nicht gebraucht.

Für die wenigen Fälle, in denen "Buseck hilft" in Anspruch genommen wurde, haben sich Tandems gebildet: Jedem Hilfesuchenden sei ein Freiwilliger fest zugeordnet, der meist alle ein bis zwei Wochen einen Einkauf erledigt, erläutert Leimbach. Daher bleibe der organisatorische Aufwand überschaubar. Ein weiterer Vorteil: "Über die Tandems bilden sich auch generationsübergreifende Freundschaften", sagt der Pfarrer. Teils fänden so auch Nachbarn zueinander. Die Rückmeldungen auf das Angebot seien bislang durchweg positiv: "Die Resonanz ist auch: Endlich wird die Kirche mal sichtbar."

Große Hilfsbereitschaft in Grünberg

Auch in etlichen Rathäusern im Kreis laufen derzeit die Fäden lokaler Hilfsangebote zusammen. In der Grünberger Stadtverwaltung koordiniert Melanie Högel Angebote und Nachfragen - und bestätigt den Eindruck aus Buseck: Etwa zehn Personen würden mit Einkäufen versorgt, teils regelmäßig. Die Liste der Helfer umfasse dagegen 110 Namen, wobei hinter manchen auch eine ganze Familie oder etwa eine Jugendgruppe steht. Die Hilfsbereitschaft übersteigt auch in Grünberg die Nachfrage um ein Vielfaches.

In Grünberg kooperiert die Verwaltung bei der Einkaufshilfe mit der Diakonie und der evangelischen Kirchengemeinde. Einige Helfer packen laut Högel nun bei der Grünberger Tafel mit an. Dort bestehe aktuell Bedarf an Unterstützung, weil unter den Aktiven etliche Senioren seien, die altersbedingt zur Corona-Risikogruppe gehören.

Wie lange die Aktion "Grünberg hilft" noch läuft, sei "erstmal offen", sagt Högel. Die Rückmeldungen seien jedenfalls sehr positiv, die Hilfsbereitschaft weiterhin enorm. Auch aus den Rathäusern in Lollar und Staufenberg heißt es, es habe in den vergangenen Wochen nur vereinzelte Anfragen für Einkaufsdienste gegeben.

Soziale Netz im Dorf funktionieren

Doch warum gibt es anscheinend so wenige Hilfsanfragen? Haben die Informationen darüber manche Bedürftigen vielleicht nicht erreicht? Das sei unwahrscheinlich, heißt es aus mehreren Rathäusern. Vielfach wurde auch über die Amtsblätter, teils zusätzlich mit Handzetteln darauf hingewiesen. Auch Pfarrer Leimbach aus Alten-Buseck denkt nicht, dass es eine Informationslücke gibt. Er nimmt auch nicht an, dass viele sich scheuen oder gar schämen, um Hilfe zu bitten.

In einigen Kommunalverwaltungen wird die geringe Nachfrage vielmehr als positives Zeichen gewertet: "Im ländlichen Raum hat fast jeder jemanden in der Nachbarschaft oder Verwandtschaft, der hilft", sagt Högel. Der Tenor insgesamt: Die sozialen Netze auf den Dörfern funktionieren offenbar, das hätten die vergangenen Wochen gezeigt.

Kein Mangel an "Einkaufshelden"

Viele, die zurzeit die lokalen Hilfen nutzen, werden sich wohl darauf freuen, irgendwann wieder selbst in Supermarktregalen stöbern zu können. Ein Stück Selbstständigkeit, das die Corona-Krise vorläufig verhindert. Doch bis dahin mangelt es zum Glück nicht an "Einkaufshelden".

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