Unmut über den erneuten Lockdown: Jan Mappes, Inhaber des Lahnpark Vital in Lollar, will jedoch nicht gegen die Schließung klagen. 	FOTO: PM
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Unmut über den erneuten Lockdown: Jan Mappes, Inhaber des Lahnpark Vital in Lollar, will jedoch nicht gegen die Schließung klagen. FOTO: PM

Kritik an Corona-Maßnahme

Gießen: Fitness-Branche verzweifelt an Lockdown – „Wirtschaftlich katastrophal“

  • vonLena Karber
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Deutschlandweit versuchen sich die Betreiber von Fitnessstudios gegen den erneuten Lockdown der Branche zu wehren. Auch im Landkreis Gießen ist das Unverständnis über die pauschale Schließung groß.

Landkreis Gießen – Jan Mappes bemüht einen Vergleich, um seine Gefühlslage nach dem erneuten Lockdown der Fitness-Branche zu beschreiben. »Das ist als ob sie in der Schule wochenlang gelernt haben und einen tollen Aufsatz schreiben, aber der Lehrer sieht das anders und gibt Ihnen eine schlechte Note«, sagt der Inhaber des Lahnpark Vital in Lollar. »Das ist demotivierend und frustrierend für uns und unsere Kunden.«

Der Bürgermeister, die Landrätin und das Gesundheitsamt hatten Mappes Arbeit zuvor mit »vorbildlich« und »hervorragend« bewertet. Schließlich hatte er nach eigenen Angaben eine hohe fünfstellige Summe in Hygienemaßnahmen investiert. Doch Flächendesinfektion, Langzeitdesinfektion, Trennwände, eine Frischluftanlage und ein umfassendes Hygienekonzept nutzten ihm am Ende nichts: Zum 2. November musste das Lahnpark Vital ebenso wie alle Fitnessstudios deutschlandweit schließen.

Corona im Landkreis Gießen: Lockdown ein Schock für die Branche

Wie in Gießen oder auch der Wetterau hat diese Entscheidung der Bundesregierung bei den Betreibern vielerorts für Unverständnis gesorgt, da sie sich, ebenso wie Mappes, in puncto Hygiene gut aufgestellt sahen. »Wir haben nicht nur dem, was verordnet war, Folge geleistet, sondern deutlich mehr gemacht«, sagt auch Christian Schwab von Pro Vita Fitness in Langgöns, der vom erneuten Lockdown überrascht wurde. »Wir hatten eher mit verschärften Maßnahmen gerechnet, was auch überhaupt kein Problem gewesen wäre«, sagt er. »Aber dass man eine komplette Schließung verordnet, ist für uns schockierend.«

Ein viel zitiertes Argument gegen den Lockdown der Fitness-Branche ist eine Studie des europäischen Branchenverbandes EuropeActive. Im Rahmen der Untersuchung waren 62 Millionen Fitnessstudio-Besuche ausgewertet worden. Das Ergebnis: eine Infektionsrate von 0,78 pro 100 000 Besuche. »Demnach fehlt für den Lockdown unserer Branche nachweislich jede Grundlage«, sagt Mappes.

Betreiber aus Lollar klagt: „Lockdown light“ trifft Fitnessstudios hart

Die Fitnessstudios, die bereits im Frühjahr viele Wochen geschlossen bleiben mussten, trifft der »Lockdown light«, wie man die erneuten Einschränkungen mittlerweile bezeichnet, mit voller Härte Der Bund hat zwar Entschädigungen in Höhe von 75 Prozent des Vorjahresumsatzes im November zugesagt, doch die Betreiber bleiben vielerorts skeptisch. »Angeblich soll es wenig Hürden geben, warten wir es ab.«, sagt Mappes. »Ich hoffe, dass die Unterstützung dieses Mal klar strukturiert und auch wirklich so einfach zu erhalten ist, wie von der Politik vorgegeben«, sagt Schwab. Doch selbst der Höchstsatz bedeute nun einmal wirtschaftliche Einbußen in Höhe von 25 Prozent.

Und das sind nur die kurzfristigen Verluste, die durch das Aussetzen der Mitgliedsbeiträge zustande kommen. Langfristigere Folgen dürfte es hingegen haben, dass die Fitnessstudios keine neuen Mitglieder akquirieren können, um die »natürliche Fluktuation« auszugleichen. »Das Problem wird nicht nächstes Jahr erledigt sein, das wird sich über Jahre auswirken«, meint Mappes.

In Langgöns hatte der erneute Lockdown seinen Schatten bereits vorausgeworfen. »Der Neumitgliederzuwachs ist aufgrund der Pandemie schon das ganze Jahr schleppend«, sagt Schwab. Einen Mitgliederrückgang von etwa zehn Prozent habe man daher bereits erwartet. Die erneute Schließung lasse diese Prognose jetzt noch einmal schlechter werden und sei »wirtschaftlich katastrophal«, sagt Schwab - zumal der November normalerweise »ein sehr starker Monat für Neumitglieder« sei.

Fitnessstudios im Landkreis Gießen: Sport aus medizinischen Gründen

Doch abgesehen vom Wirtschaftlichen, ist die Schließung der Studios wirklich so dramatisch? Mappes und Schwab glauben ja. Sie verweisen auf Forschungsergebnisse dazu, dass Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den größten Risikofaktoren bei einer Corona-Infektion gehören. »Was ist besser zur Vorbeugung gegen diese Risikofaktoren als ein gesundes und gesteuertes Training?«, fragt Schwab.

Und nicht nur für Risikopatienten, auch für Menschen mit Rückenschmerzen oder Arthrose ist Bewegung wichtig. 80 Prozent seiner Kunden in Lollar würden beim Training medizinische Ziele verfolgen, führt Mappes an. Außerdem spiele auch die psychische Komponente eine Rolle, ergänzt er und erzählt von einer 85-jährigen Kundin, mit der er kürzlich telefoniert habe. Nach einer Operation im Frühjahr komme die Frau nur schwer wieder auf die Beine. »Sie sitzt jetzt zu Hause und merkt, wie es ihr von Tag zu Tag schlechter geht«, sagt Mappes. »Und sie hat einfach Angst vor den dunklen Monaten, die jetzt vor ihr liegen.«

Beispiel Lollar: Großer Unmut über Schließungen von Fitnessstudios im Landkreis Gießen

Laut Mappes ist das kein Einzelfall. Das habe sich insbesondere am Tag vor der Schließung gezeigt. »Die Menschen standen hier tränenüberströmt und haben gesagt: Wieso nehmen sie uns das jetzt wieder weg? Das ist so wichtig für uns und ihr habt das so toll umgesetzt«, sagt Mappes.

In einigen Städten haben Fitnessstudios gegen die Schließung geklagt - doch nur in Bayern gab es bislang einen Durchbruch (siehe Box). »Ich finde den Ansatz richtig, zu sagen: Hey, das sind die falschen Branchen, die ihr gerade schließt«, sagt Mappes, der seine Energie jedoch nicht für Klagen verschwenden will. Ebenso wie sein Kollege in Langgöns legt er daher den Fokus darauf, den Mitgliedern online Workouts und Ernährungstipps zu bieten. »Unser Ziel ist es, die Mitglieder so gut es geht auf Distanz fit zu halten, damit allen der Re-Start bei der Wiedereröffnung der Sportclubs leichter fällt.«

Fitnessstudios klagen gegen Lockdown

Vielerorts haben Inhaber von Fitnessstudios gegen den Lockdown geklagt. In Bayern hatten sie damit am Donnerstag Erfolg: Dort hat der Verwaltungsgerichtshof die grundsätzliche Schließung gekippt. Zumindest Individualsport müsse auch im Fitnessstudio möglich sein. Genauere Bestimmungen gibt es jedoch noch nicht. Bereits am Dienstag hatte in Hamburg der Betreiber einer Kette mit seiner Klage einen Teilerfolg erreicht: Er bekam in erster Instanz Recht, darf jedoch vorerst nicht öffnen, da die Stadt beim Oberverwaltungsgericht Beschwerde eingereicht hat. Im Saarland hat das Oberverwaltungsgericht hingegen Eilanträge mehrerer Inhaber von Fitnessstudios abgelehnt

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