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Literaturkritiker Denis Scheck über Reiseliteratur, schlechte Bücher und milde Urteile

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Literaturkritiker Denis Scheck stellt demnächst eine Neuausgabe von Goethes "Italienischer Reise" vor und spricht beim Jugendliteraturpreis der Ovag. Welche Tipps gibt er jungen Autoren?

Herr Scheck, Sie schreiben im Nachwort zur Neuausgabe der "Italienischen Reise", Goethe sei kein großer Sportler gewesen, "aber nur eines kann er von Jugend an richtig gut: weglaufen!" Hat es sich denn wenigstens gelohnt oder anders gefragt: Warum sollen wir heute noch seine Reisebeschreibung von 1786 lesen?

Denis Scheck:Ich habe die Künstler des strategischen Rückzugs eigentlich immer mehr bewundert als die mir denn doch immer etwas unheimlichen und zu deutschen Prinzen von Homburgs. Goethes "Italienische Reise" ist nicht nur deshalb lesenswert, weil es so erstaunliche und heute in Vergessenheit geratene Fundstücke enthält wie die Beschreibung eines frühen Fußballspiels. Das eigentliche Thema dieses immer wieder neu in Bann schlagenden Buches ist gar nicht Italien, sondern Goethe selbst.

Sie nennen die "Italienische Reise" das "wichtigste Reisebuch der deutschsprachigen Literatur". Was hat Goethe anderen Autoren wie etwa Georg Forster oder Johann Gottfried Seume voraus?

Scheck:Goethe sieht einfach mehr. Er ist freier als Forster und Seume, sowohl in intellektueller wie in materieller Hinsicht, er verfügt über Humor, eine nie erlöschende Neugier und über eine Sprache, die sowohl seinen Denkprozess mitteilt wie dessen Ergebnis. Mit anderen Worten: Goethe ist die angenehmste literarische Gesellschaft, die sich denken lässt.

Nun hat der Fotograf Helmut Schlaiß seine ganz eigene "Italienische Reise" mit dem Fotoapparat dokumentiert. Was war ihre erste Reaktion auf die Bilder?

Scheck:Ich habe noch bei der ersten Begegnung eine Aufnahme von Helmut Schlaiß gekauft, die Via Appia im Mondschein, sie hängt heute in meinem Wohnzimmer.

Goethe war, als er durch Italien reiste, schon ein Dichterfürst in spe; die jungen Autorinnen und Autoren, die am Jugendliteraturpreis der Ovag teilgenommen haben, sind literarische Anfänger. Sie sind in diesem Jahr der Laudator. Wie beurteilen Sie die Qualität der Geschichten?

Scheck:Na, der Verfasser der "Italienischen Reise" war schon so weltberühmt, dass er ein Inkognito wählte, um sich allzu lästige Fans seines Weltbestsellers "Werther" vom Leib zu halten. Ganz so drastische Maßnahmen werden die Teilnehmer des Ovag-Jugendliteraturpreises nicht ergreifen müssen.

In Ihrer Sendung "Druckfrisch" werfen Sie gerne schlechte Bücher in die Mülltonne. Als Laudator fällt ihr Urteil hoffentlich gnädiger aus.

Scheck:Ich beurteile Texte, nicht Menschen. Das wird in der Öffentlichkeit oft verwechselt. Aber gemessen an den Zumutungen, die mich von Autoren wie Susanne Fröhlich, Paolo Coelho, Sebastian Fitzek und Co. in Buchform ereilen, fallen meine Urteile erstaunlich milde aus.

Viele der Geschichten des Jugendliteraturpreises behandeln ernste Themen: Krieg, Krankheiten, Liebeskummer, Entfremdung. Ist es schwieriger, humorvoll oder ironisch zu schreiben?

Scheck:Ich würde ja eher zwischen deutschem Bierernst und Humor und Ironie unterscheiden. Angesichts einer Lebenserwartung von nicht mal 80 Jahren bei einer geschätzten Restlaufzeit des Universums von 14 Milliarden Jahren sehe ich eigentlich keine andere Möglichkeit, als auf die grausamen Zwänge unserer Existenz - wann immer möglich - mit sardonischem Gelächter zu reagieren.

Welche Tipps geben Sie jungen Menschen, die literarisch schreiben wollen?

Scheck:Heiraten Sie reich!

Sie lesen zwischen 150 und 180 Bücher im Jahr. Das geht nur, wenn man ständig mindestens ein Buch griffbereit hat. Gibt es einen Ort, an dem sie nicht lesen?

Scheck:Unter der Dusche und im Meer ist es erfahrungsgemäß eher schwer.

Zum Schluss ein Lektüretipp: Welchen aktuellen Roman sollte man unbedingt lesen?

Scheck:Ich war zuletzt sehr begeistert von Karen Köhlers "Miroloi", erschienen bei Hanser.

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