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Um Leistung, um das Abreißen von Kilometern geht es Annelie und Dietmar Reichel nicht. Ihre Maßeinheit sind Begegnungen, Gespräche, Erlebnisse.

Begegnungen, Gespräche, Erlebnisse

Zweimal die Welt umrundet: Ehepaar aus Linden legt im Ruhestand 80000 Kilometer auf dem Fahrrad zurück

  • vonStefan Schaal
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Sie fahren über steile Bergpässe in den Alpen, touren mit dem Rad nach Mailand und Venedig: Der 77 Jahre alte Dietmar Reichel aus Linden hat mit seiner Frau Annelie 80 000 Kilometer auf dem Fahrrad zurück- gelegt, seitdem er in den Ruhestand getreten ist. Um Leistung geht es ihnen allerdings nicht. Ihre Maßeinheit sind Begegnungen.

Reisen, die Welt erkunden: Wenn Dietmar und Annelie Reichel in die Ferne schweifen, träumen sie nicht etwa von Flügen oder Autofahrten. Ihr Traum liegt auf zwei Rädern: Eine Brise weht ihnen ins Gesicht, sie radeln an der Adria entlang, Möwen kreischen über ihnen. Das Ehepaar aus Linden nähert sich einer Stadt. Und dann ist sie von weitem zu sehen: die Spitze des Campanile, des Markus-turms. Gleich werden sie mitten in Venedig stehen.

Das Lindener Ehepaar ist jedes Jahr mehrfach auf großen Fahrradtouren unterwegs. 80 000 Kilometer haben sie in den vergangenen 18 Jahren zurückgelegt, seitdem Dietmar Reichel in den Ruhestand getreten ist. Ihren Traum von Venedig mit dem Fahrrad haben sie bereits einige Male in die Wirklichkeit umgesetzt.

Um die Zahl 80 000 einzuordnen: Das Paar hat die Erde damit zweimal mit dem Fahrrad umrundet. Häufig sind die Reichels in Frankreich und Italien unterwegs. Ihr Sohn bietet ihnen immer wieder an, doch mal auf seine Harley Davidson oder in sein BMW-Cabrio zu steigen und eine Tour zu unternehmen. Dietmar Reichel antwortet dann: »Ich setze mich lieber auf’s Rad.«

Um Leistung, um das Abreißen von Kilometern geht es den Lindenern freilich nicht. Ihre Maßeinheit sind Begegnungen mit anderen Menschen, Gespräche, Erlebnisse. Wenn sie Anekdoten von ihren Reisen erzählen, bricht die 74 Jahre alte Annelie Reichel immer wieder in ein raues tiefes Lachen aus, während ihr Mann, 77, ein pensionierter Polizeihauptkomissar, hell aufseufzt. »Ach«, sagt er. »Ein Traum. Ich kriege Gänsehaut.«

Auf die Frage, warum sie nicht mit dem Auto reisen, antwortet Reichel mit einer schnellen Handbewegung und einem Geräusch: »Hiuuu«. Mit dem Auto schwirre die Landschaft doch nur vorbei, sagt er. »Man hat ein Ziel, fährt hin und läuft rum. Auf dem Fahrrad aber fahre ich in die Landschaft hinein.« Seine Frau schildert kleine Beispiele: An der Mecklenburgischen Seenplatte hätten sie mal Riesenkraniche beobachtet. »Und an der Elbe habe ich gedacht: Hier riecht es doch nach Zwiebeln. Dann haben wir entdeckt, dass vor uns ein riesiges wildes Schnittlauchfeld gelegen ist. Mit dem Auto hätten wir das nie erlebt.«

Während einer Fahrradreise durch die Sächsische Schweiz passieren sie einmal ein Dorf, in dem große Feuer entzündet sind, Menschen feiern das Johannisfest. Die beiden Lindener beschließen spontan, ein paar Tage zu bleiben, sie unternehmen kleine Touren im Umland. »Irgendwann haben die Einheimischen angefangen, uns zu winken, wenn wir mit dem Rad durch das Dorf gefahren sind«, erzählt Annelie Reichel schmunzelnd - und es ist zu spüren, dass es diese kleinen Momente sind, die die Passion des Paars für ihre Radtouren ausmachen.

Einmal, als sie im Südwesten Frankreichs unterwegs sind, schauen sie sich in der Küstenstadt Arcachon eine Wohnung zum Übernachten an. Dietmar Reichel stellt sich als Polizist im Ruhestand vor. Der Vermieter entpuppt sich als der Polizeichef Frankreichs. Sofort sind die beiden Familien auf einer Wellenlänge. »Wir sind zusammen im Hubschrauber geflogen und Schnellboot gefahren«, erzählt Dietmar Reichel. Als die Lindener wenig später im Haus nebenan nach Wäscheklammern fragen, knüpfen sie Freundschaft mit einem älteren Ehepaar. Der Nachbar sammelt Muscheln und Schnecken, hat bei sich zu Hause ein kleines Museum eingerichtet. Einmal fragt er Dietmar Reichel, was er denn gerne esse. »Ich habe gesagt Hase. Er hat geantwortet: Oh, la lièvre. Dann ist er kurz fort, hat ein paar Hasen geschossen und uns zum Abendessen eingeladen.«

Reichels Augen leuchten, als er von diesen Begegnungen erzählt. Immer wieder seien sie nach Arcachon zurückgekehrt, erzählt er. Die Lindener haben zehn Jahre Französisch-Kurse an der Volkshochschule genommen, um sich mit ihren Freunden und Bekannten besser unterhalten zu können.

Im Ausland sind die beiden Lindener meistens in Reisegruppen unterwegs, begleitet von einem Bus. In Deutschland radeln sie zu zweit, übernachten häufig in Privatunterkünften. »Spätestens um 17 Uhr suchen wir etwas zum Übernachten. Sonst wird mein Mann nervös«, sagt Annelie.

Als sie mit einer Gruppe in Norditalien unterwegs sind und ein Kloster besuchen wollen, das aber geschlossen ist, ruft Reichel: »Dann fahr ich mit dem Fahrrad nach Mailand. Wer ist dabei?« Acht Hände heben sich. Wenige Stunden später erreichen sie die Stadtgrenze, trinken einen Espresso in einem Café, dann fahren sie mit dem Rad bis vor die Scala. »Ach«, seufzt der Lindener wieder. »Ein Traum.«

Angefangen mit ihren großen Radtouren haben die Reichels Mitte der 80er Jahre. »Unsere Tochter war acht oder neun und hat hin und wieder ein Reitlager im Münsterland besucht. Irgendwann haben wir uns gefragt: Warum fahren wir eigentlich mit dem Auto? Das war der Knackpunkt.«

So unternehmen sie eine Tour ins Münsterland - und bald darauf auch an Nord- und Ostsee, wo sie eine wichtige Lektion lernen. Als Annelie Reichels Rad ungewöhnliche Geräusche von sich gibt, suchen sie ein Fahrradgeschäft auf. Der Händler erklärt der Frau, dass ihr Rad zu schwer beladen sei: »Entweder erreichen Sie am Ende das Ziel. Oder Ihr Fahrrad.« Wenige Kilometer weiter in Glücksburg packt Annelie Reichel 15 Kilo schmutzige Wäsche in ein Paket und schickt es nach Hause. »Das habe ich mir danach bei großen Touren angewöhnt.«

Vor drei Jahren ist Dietmar Reichel auf ein E-Bike umgestiegen, aus gesundheitlichen Gründen. Auch seine Frau, die auf einen Herzschrittmacher angewiesen ist, ist mit einem elektrischen Fahrrad unterwegs. »Schön, dass wir diese Touren zusammen unternehmen können«, sagt er. Vor zwei Jahren sind sie ausnahmsweise ohne Fahrrad gereist. Zur Goldhochzeit haben sie sich eine Schiffsreise in den Oman gegönnt. Schön sei es gewesen, sagt Annelie Reichel. Dann neigt sie sich nach vorne, lacht und sagt: »Aber Radfahren ist uns lieber.«

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