+

1991 im Feld in Großen-Linden

Zechkumpan mit Ziegelstein erschlagen

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
    schließen

Den ganzen Tag lang sind zwei Männer im Mai 1991 zusammen unterwegs, trinken jede Menge Alkohol. Dann kommt es zum Streit, der für Helmut K. in Großen-Linden tödlich endet.

Es ist der 13. Mai 1991. Wolfgang H. ruft gegen 20.15 Uhr von einer Telefonzelle im Hüttenberger Ortsteil Hörnsheim aus die Polizei an: "Ich habe einen erschlagen", sagt der 30-Jährige zu dem Polizisten am Notruftelefon. "Ich warte hier". Als die Beamten kurze Zeit später in Hörnsheim eintreffen, treffen sie den Anrufer tatsächlich an. Als sie ihn fragen, wo und was genau passiert ist, beschreibt er den Tatort und den Weg dorthin: "In einer Wiese am Lückebach, in der Nähe des Teufelsees."

Leiche liegt auf der Wiese

Die Polizisten fahren zum Tatort und finden die Leiche des 54 Jahre alten Helmut K. aus Hörnsheim. Der Tote liegt mit eingeschlagenem Hinterkopf auf einer Wiese in der Gemarkung Großen-Linden, in der Hand hält er noch eine halbvolle Flasche Bier. Ganz in der Nähe entdecken die Beamten auch das Tatwerkzeug, einen großen, blutbeschmierten Ziegelstein. Die Ermittler haben keinen Zweifel daran, dass der Anrufer am Telefon die Wahrheit gesagt hat. Sie übergeben den Fall der Kripo.

Um die genaue Todesursache klären zu können, wird die Leiche des 54-Jährigen in die Rechtsmedizin gebracht. Die Obduktion ergibt, dass zwei der wuchtigen Schläge mit dem Backstein tödlich gewesen sind. Insgesamt hat Wolfgang H. dreimal mit dem Stein zugeschlagen, zuvor hatte er dem Opfer noch einen Faustschlag auf das linke Auge verpasst.

Tatort in Nähe des Teufelsees

Was war der Auslöser für brutale Tat? Eine Antwort auf diese Frage gibt es im Prozess gegen Wolfgang H., der sich im November 1991 wegen Totschlags vor Gericht verantworten muss.

Den ganzen Tag lang haben die beiden Männer an jenem Tag im Mai zusammen gezecht. Schon morgens treffen sie sich in K.s Wohnung in Hörnsheim zu einem ersten Umtrunk. Dann wandern sie gemeinsam über Feldwege nach Gießen-Lützellinden und über Kleinlinden nach Allendorf. Schließlich erreichen sie den Teufelsee bei Großen-Linden, idyllisch im Grünen gelegen.

Unterwegs kaufen sie noch einige Flaschen Bier. Vor Gericht erinnert sich der Angeklagte: "Als wir auf dem Weg zum See waren, da waren wir schon nicht mehr so gut zu Fuß". Die Untersuchungen ergeben später bei dem Opfer einen Blutalkoholspiegel von 2,84 Promille, beim Täter liegt der Wert bei 2,6 Promille.

Streit um die Freundin

Zunächst unterhalten sich die Zechkumpanen über Sport und die Natur. Dann wird plötzlich die Freundin von Wolfgang H. Gesprächsthema. "Die gefällt mir, deine Braut. Die würd’ ich auch gern mal vernaschen. Wenn du bei der Arbeit bist, werd’ ich mal mein Glück bei ihr probieren", soll Helmut K. gesagt haben. Die Antwort von Wolfgang H.: "Lass die Finger von ihr, sonst gibt’s Ohrfeigen!". Doch der andere redet immer weiter, schmückt aus, was er alles mit H.s Freundin anstellen wolle. "Plötzlich sah ich Bilder vor meinen Augen. Schlug erst mit der Faust, dann mit dem Ziegelstein zu", sagt der Angeklagte. Den drei Kilogramm schweren Ziegelstein hat er zufällig auf der Wiese gefunden. "Er hatte mich provoziert, ich war in meine Freundin stark verliebt".

Den tödlichen Schlag verpasst der 30-Jährige seinem Gegenüber gegen 17 Uhr. Er sagt zu ihm: "Steh auf, so schlimm ist es doch nicht!" Doch als der Täter merkt, dass Helmut K. tot ist, rennt er in Panik davon und sucht eine Gaststätte in der Nähe auf. Um 20.17 Uhr ruft er schließlich bei der Polizei an.

Täter hat Alkoholprobleme

Der Alkohol spielt nicht nur am Tattag eine große Rolle in H.s Leben. Schon als Jugendlicher hat er mit Alkoholproblemen zu kämpfen. Mit einer Therapie schafft er es schließlich, ein Jahr lang trocken zu bleiben, fängt nach einer missglückten Prüfung aber wieder mit dem Trinken an. Auch die Freundschaft zu Helmut K. beschreibt der Angeklagte als "Trinkerbeziehung".

Kennengelernt hatten sich der 54-Jährige und der 24 Jahre jüngere Wolfgang H. während einer ABM-Maßnahme. "Wir verstanden uns gut, stritten auch mal, meist ums Geld. Er war einer, der sich von mir alles bezahlen ließ, sich aber auch darüber mokierte, dass ich einen Job hatte."

Neben dem Alkohol dominierte die Beziehung zum Vater größtenteils das Leben des Angeklagten. Laut einem psychiatrischen Sachverständigen wurde der Sohn aus Abwehrreaktion gegen den Vater, einem Mitarbeiter in einem Institut der Gießener Universität, zum Versager und schließlich zum Alkoholiker.

Er konnte und wollte sich nicht den Forderungen des Vaters stellen, "etwas Besseres zu werden". In dem psychiatrischen Gutachten heißt es: "Ständige Arbeitsplatzwechsel bedingt durch den Alkoholmissbrauch führten Wolfgang H. im Laufe der Jahre ins soziale Abseits."

Sechseinhalb Jahren Haft

Seinen letzten Job hatte der 30-Jährige kurz vor dem Kapitalverbrechen aus Liebe zu seiner Freundin gekündigt: "Wir verliebten uns ineinander, und als mein Urlaub zu Ende war, sie aber noch welchen hatte, da schmiss ich einfach die Brocken hin. Ich liebte sie so sehr." Eine mögliche Erklärung dafür, dass er "Rot sah", als Helmut K. über seine Fantasien sprach.

Dies alles dürfte beim Strafmaß Berücksichtigung gefunden haben. Nach nur zwei Prozesstagen verurteilt die Schwurgerichtskammer des Gießener Landgerichts den 30-jährigen Wolfgang H. wegen Totschlags im Zustand verminderter Schuldfähigkeit zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe.

Die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr mehr gefordert. In seinem Schlusswort zeigt der Täter Reue: "Ich wollte Helmut nicht töten, aber er hatte mich mit seinen Anspielungen auf meine Freundin bis aufs Blut gereizt. Ich bereue, was ich getan habe."

FOTO: DPA

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare