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"Wir müssen draußen bleiben": Katrin von der Decken demonstriert mit einer Igelsilhouette, dass ein Stacheltier an diesem Zaun nicht weiterkommt.

Wildnis "lauert" vor der Haustür

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Linden (se). "Wir haben richtig viel gelernt", resümierte Dr. Christof Schütz, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Lindener Stadtverordnetenversammlung. Seine Partei hatte am Samstag zu einer Radtour durch Leihgestern geladen. Thema dieser Fahrt: "Was lebt vor unserer Haustür - auf den Spuren tierischer Mitbewohner in und um Linden." Die Exkursion leitete Diplom-Biologin Katrin van der Decken, die eingangs die rund 25 Teilnehmer auf die "Wildnis direkt vor der Haustür" aufmerksam machte. Die Biologin schränkte allerdings gleich ein: "Relative Wildnis. Das ist ein Lebensraum, in den eine Zeit lang nicht eingegriffen wurde". Pflanzen in Fugen und Ritzen etwa gehörten dazu, so etwa auch auf dem Fahrradparkplatz an der Volkshalle, wo zwischen den Pflastersteinen Kahles Bruchkraut wächst. "Oft sieht es vor unserer Haustür nicht naturnah aus. Wenn wir ganz genau hinsehen, entdecken wir aber Flechten, Moose, Pflanzen. Und wo Pflanzen sind, sind auch Tiere."

Neue Häuser - weniger Lebensraum

Anschließend ging es zu einem gepflegten Garten mit viel Rasen und einem akkurat gesetzten Zaun. Und genau darin liegt die Crux: Die Umzäunung ist für Tiere, wie zum Beispiel für den nützlichen Igel undurchdringlich. Diese Tiere müssen draußen bleiben und sich an anderer Stelle Nahrung und auch ein Winterquartier suchen. Mithilfe einer Igelsilhouette zeigte die Biologin, dass die Tiere in diesen Garten nicht eindringen können. Bei der nächsten Station, einer Wiese zwischen Leihgestern und Mühlberg, hatte Katrin von der Decken zwei Überschriften gewählt: "Für Blüten begeistern" und "Die anderen Bienen". "Blüten sind ein Hotspot der Artenvielfalt, Schnittstelle der Arten, Bestäubung und Nahrung/Fortpflanzung. Aus diesem Grund besitzen Blüten eine große Vielfalt an Farben Formen, Düften, Mechanismen", erläutert die Biologin. Dabei stellte sie den großen Wiesenknopf vor. Das Gewächs wird auch als Arzneipflanze genutzt. In diesem Zusammenhang erwähnte sie den Ameisenbläuling. Die Raupe dieses Schmetterlings ist auf eine bestimmte Nahrung angewiesen; das macht sie anfällig. Sie ist gefährdet u. a. durch ihre Abhängigkeit von bestimmten Pflanzen, aber auch durch die Wiesenbewirtschaftung. Hier machte die Biologin auf einen Interessenskonflikt zwischen Ökonomie und Ökologie aufmerksam. So müsse der Landwirt irgendwann einmal die Wiese mähen, um die Nahrung für seine Nutztiere zu sichern, räumte sie ein.

Im Neubaugebiet Nördlich Breiter Weg verdeutlichte die Biologin, dass mit der Errichtung neuer Häuser der Verlust von Lebensraum einhergeht. Sie schlägt daher ein tierfreundliches Bauen mit Nischen, offenen Schuppen, "Unordnung" vor. Zur letzten Station der Exkursion radelte der Tross ins Stadtzentrum Linden. Hier nahm Frau von der Decken einen Schottergarten unter die Lupe. Ein "blütenreicher, warmer Magerstandort wird zum Modetrend für ›statische Grundstückhaltung‹". Der Boden unter dem Schotter werde versiegelt. Das bedeute nur in den ersten Jahren einen geringen Pflegeaufwand. Durch den Bruch der Vernetzung (z. B. durch Vlies) fehle es dem Boden an Luft und Wasser. Zum Schluss verteilte Katrin von der Decken Samentüten an die Teilnehmer der Exkursion, denn auch Tiere können angelockt werden - am besten mit robusten, heimischen Pflanzen, die Samen bilden.

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