Streit zwischen Nachbarn um Bäume und Sträucher an Grundstücksgrenzen seien die häufigsten Anlässe für Schiedsverfahren, berichtet Schmandt.	FOTO: DPA
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Streit zwischen Nachbarn um Bäume und Sträucher an Grundstücksgrenzen seien die häufigsten Anlässe für Schiedsverfahren, berichtet Schmandt. FOTO: DPA

Krähende Gockel, Bäume auf Grundstücksgrenze

Wenn Nachbarn sich zoffen: So schlichtet Schiedsmann Roland Schmandt Streitigkeiten in Linden

  • vonStefan Schaal
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Äste, die auf ein anderes Grundstück reichen und Gockel, die morgens um fünf laut krähen: Zwischen Nachbarn kommt es immer wieder zu heftigen Streitigkeiten, die sich jahrelang hochschaukeln. In Linden schlichtet in solchen Fällen Roland Schmandt als Schiedsmann. Der Jurist, 20 Jahre lang als Rechtsanwalt tätig, kennt den großen Vorteil von Schiedsverfahren gegenüber Gerichtsprozessen.

Mord, Totschlag, Vergewaltigung: Roland Schmandt hat in seinen 20 Jahren als Rechtsanwalt mehrere schwere Verbrechen vor Gericht verhandelt. Nun sitzt er in einem kleinen Saal im Untergeschoss des Lindener Rathauses. Vor ihm haben ein Landwirt und Anwohner Platz genommen. Sie zoffen sich wegen eines Gockels, der jeden Morgen um fünf Uhr laut kräht.

Schiedsmann in Linden: Einigung in den meisten Fällen

Schmandt ist Schiedsmann der Stadt Linden. Der 56 Jahre alte Volljurist schlichtet, wenn Nachbarn sich streiten und eine Einigung aussichtslos erscheint. Seine ehrenamtliche Rolle sei mit der früheren Aufgabe als Rechtsanwalt nicht zu vergleichen, sagt er. Doch seine Arbeit hat Bedeutung. Wie seine Kollegen in den übrigen Städten und Gemeinden des Kreisgebiets hat der Lindener Schiedsmann bereits in zahlreichen Straßen für Frieden gesorgt.

Drei Jahre ist es her, Schmandt hat damals gerade sein Amt angetreten, da klingelt das Telefon. Eine ältere Frau aus Großen-Linden meldet sich und bittet ihn, als Schiedsmann einzugreifen. Bei ihr nebenan seien neue Nachbarn eingezogen, ein junges Ehepaar. »Die haben hinten ein Gartenhäuschen gebaut, seitdem ist die Grundstücksgrenze nicht mehr zu erkennen«, schimpft die Frau. »Ich glaube, die wollen das Dach des Gartenhäuschens aufstocken. Und an meiner Garage sind Risse entstanden.«

Schmandt vereinbart einen Ortstermin. Es kommt zum Gespräch zwischen den Nachbarn - und sie schließen einen Vertrag. Das Ehepaar präpariert die Grundstücksgrenze mit Schotter und Pflanzen, repariert die Garage und erklärt sich bereit, bei jeder baulichen Maßnahme auf seinem Gelände die Frau zu informieren. »Das war ein ausführlicher Vergleich«, berichtet Schmandt. »Aber es hat sich gelohnt. Sie leben jetzt friedlich nebeneinander.«

Roland Schmandt

In den meisten Schiedsverfahren komme es zu einer Einigung, sagt Schmandt. »Es hat noch keiner am Ende die Tür zugeknallt.« Das wichtigste Ziel als Schiedsmann sei, dass es zum Gespräch und zu Lösungsvorschlägen komme. Es gebe keine Beweislast und am Ende kein Urteil. Auch trage keiner eine Robe. »Ich bin ja kein Richter.«

Als Schiedsmann führe ich keine Gerichtsverhandlung. Es ist eher wie ein Wohnzimmergespräch.

Roland Schmandt

Und so sitzen sich in dem Saal des Lindener Rathauses, in dem sonst der Magistrat tagt, Nachbarn gegenüber, die über krähende Hähne und in den meisten Fällen über Bäume und Sträucher streiten, deren Äste und Zweige auf ein angrenzendes Grundstück reichen. Schmandt gibt den Beteiligten Gelegenheit, Dampf abzulassen. »Es hilft, wenn der Frust abgeladen wird. Danach kann man zur Ruhe kommen.« Schmandt ermahnt die Nachbarn allerdings auch, auf persönliche Angriffe zu verzichten. »Wir sind unter uns«, sagt er. »Wir unterhalten uns ganz normal. Es ist wie ein Wohnzimmergespräch.«

Komme es zu einer ruhigen Unterhaltung und erreiche man eine sachliche Ebene, »dann habe ich gewonnen«, sagt Schmandt. »Das klingt blöd«, fügt er lachend hinzu, als Schiedsmann sei er ja unabhängig und außerdem nicht auf einen Sieg aus. Doch klar ist, was Schmandt meint: Gelingt es dem Schiedsmann, dass die Nachbarn ihren Konflikt sachlich austragen, ist eine Einigung in Sicht - und alle Beteiligten haben gewonnen.

Schmandt selbst strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, wenn er von seinem Ehrenamt erzählt. Wie es zu den Streitigkeiten kommt, in denen er als Schiedsmann schlichtet, können ihm die zoffenden Nachbarn häufig gar nicht so recht erklären. »Das beginnt meistens mit Kleinigkeiten, irgendwann grüßt man sich nicht mehr, das schaukelt sich über Jahre hoch.« Werde er eingeschaltet, komme es allerdings schnell zu Gesprächen zwischen den Parteien.

Schiedsmann in Linden: Vereinbarung bei krähendem Gockel

2018 wurde Schmandt vom Lindener Stadtparlament zum Schiedsmann gewählt. Als sein Stellvertreter führt Uli Heymann in den Schiedsverfahren Protokoll.

Sicher, räumt Schmandt ein, ein Schiedsmann habe nicht die Autorität eines Polizisten oder eines Richters. »Aber die Leute, mit denen ich zu tun habe, zeigen mir Respekt.« Häufig gehe es bei den Streitigkeiten um Eitelkeit und Stolz. »Wenn man dann beim Schiedsmann sitzt und sich also ein Dritter in den Streit einschaltet, springen die meisten über ihren Schatten und erklären sich zu Kompromissen bereit.« Die Beteiligten erkennen auch, fügt Schmandt hinzu, welche Vorteile ein Schiedsverfahren gegenüber Gerichtsverfahren hat: »Vor Gericht gibt es immer Sieger und Verlierer«, erklärt der Lindener. »Ziel im Schiedsverfahren ist dagegen immer eine Einigung.« Schließen zoffende Nachbarn gemeinschaftlich einen Vertrag, »dann hält der Frieden auch«.

Im Fall einer Einigung fallen für die Beteiligten Gebühren von rund 30 Euro an. Zu einer Vereinbarung kommt es auch in dem Streit um den am frühen Morgen krähenden Gockel. Am Ende des Schiedsverfahrens erklärt sich der Landwirt bereit, sein Hühnerhaus etwas weiter entfernt von den Nachbargrundstücken aufzustellen. Und er richtet eine Klappe ein, die sich erst nach Sonnenaufgang automatisch öffnet. Seit dem Schiedsverfahren kräht der Lindener Gockel nur noch schallisoliert in seinem Hühnerhaus.

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