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Karin Zamzow am zugewachsenen Börnchen.

Lost Place

Wasser sollte „Schönheit“ verleihen - Im Wald bei Großen-Linden lag eine geheimnisvolle Quelle

  • Alexander Geck
    VonAlexander Geck
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Einst war das Börnchen im Wald bei Großen-Linden ein beliebter Treffpunkt. Sein Wasser galt gar als Schönheitsmittel. Doch nach dem Bau des Gießener Rings versiegte der Quell - und damit auch der Besucherstrom.

Linden – Wenn man sich heute auf die Suche nach dem Börnchen macht, braucht man schon genaue Ortskenntnisse im Grenzgebiet zwischen Großen- und Kleinlinden. Karin Zamzow hat sie.

Mitte der 1960er Jahre machte sie die ersten Sonntagsspaziergänge mit ihrer Familie dorthin. »Es war eine Etappe auf dem Weg zur Rindsmühle«, erinnert sie sich, als sie über die Brandsbrücke geht und auf den Waldrand in südlicher Richtung zusteuert, der die Gemarkungsgrenze darstellt.

Einmal links, am Wald entlang, dann rechts und 40 Meter in den Wald hinein, schon ist man da - zu sehen ist allerdings erstmal fast gar nichts. Nur eine zugewachsene rote Bank steht dort etwas unmotiviert am Wegesrand. Einen besonderen Ausblick hat man derzeit nicht. Aber man hatte ihn. Denn sie steht keine zwei Meter von der ehemaligen Quelle entfernt. Die aber ist so zugewachsen, dass man sie nicht einmal mehr erahnen kann.

Schlägt man sich durch das Gestrüpp und begibt sich in die Rinne hinab, ist der obere Teil der Mauer noch zu sehen. Auch die an der rechten Seite eingelassenen Stufen sind noch vorhanden, die Zamzow trittsicher hinuntersteigt. Die Rinne selbst hat die Hälfte ihrer Tiefe verloren - kompostiertes Laub, Äste, aber auch eine alte Holzkiste finden sich dort. Und: Zwei Bierdosen jüngeren Datums sind ein Indiz dafür, dass doch noch jemand um die Örtlichkeit Bescheid weiß.

Gießener Ring lässt Quelle bei Großen-Linden versiegen

Die Bezeichnung »Börnchen« ist die Verkleinerungsform von »Born«; die wiederum eine poetische Bezeichnung für Brunnen oder eben auch Quelle.

Mitte der 1960er Jahre hatten einige Männer der Gesangsgruppe »Die Raben« aus Kleinlinden beschlossen, die Quelle neu einzufassen. Die Gruppe hatte sich nach dem Krieg formiert und sang in fröhlicher Runde, etwa bei Geburtstagen oder bei Schlachtfesten, aber nicht vereinsmäßig. Mit dabei war auch Hermann Stein, der Vater von Karin Zamzow.

»Ich habe das letzte Mal im Frühjahr nach dem Börnchen geschaut«, sagt die medizinische Dokumentarin, die in Marburg arbeitet. Da habe die Vegetation noch mehr davon preisgegeben.

Ein Glücksfall für diese kleine Geschichte. Ebenso die Aufmerksamkeit und Expertise von Dagmar Hinterlang, freie Mitarbeiterin dieser Zeitung und ausgewiesene Kleinlinden-Kennerin. Als sie die Geschichte über den Bräutigamstein gelesen hatte, fiel ihr nämlich besagtes Börnchen ein. Sie arrangierte den Ortstermin mit der Zeitzeugin.

Viele Jahre hat Zamzow mit ihrem Vater, ihrer Mutter und den zwei Geschwistern Spaziergänge zum Börnchen unternommen - sonntäglich gekleidet, traf man andere Familie und unterhielt sich in gemütlicher Runde am frischen Quell.

Das Börnchen Mitte der 1960er Jahre.

Hannelore Ellermeier vom Gesangverein Harmonie erinnert sich daran, dass Anfang der 50er Jahre am Börnchen auch gefeiert wurde, möglicherweise an Himmelfahrt oder am 1. Mai. Dann wurden Kirmesbänke aufgestellt, der Wirt der Stubenwirtschaft Weidenhaus (»Monter«) kam mit einem grünen Opel und brachte Flaschenbier, für die Kinder gab es Limonade - oder »Quatsch«. Das war Himbeersirup mit Wasser. Ganz in der Nähe gab es zudem einen Schießstand des Schützenvereins, an manchen Tagen ergänzt um einen Ausschank, den »Eiche«-Wirt Franz Rathenow sen. betrieb.

Quelle bei Großen-Linden geriet in Vergessenheit

Doch neben dem gesellschaftlichen Aspekt hatte die Quelle auch eine ganz praktische Funktion. Marianne Müller (Jahrgang 1933) erinnert sich etwa daran, dass sie als Kind bei der Feldarbeit mit der Milchkanne zum nahegelegenen Börnchen geschickt wurde, um Wasser fürs Frühstück zu holen.

Die Quelle diente aber auch für Riten: So wurde in früherer Zeit an Ostermontag »vor Tau und Tag« Wasser am Börnchen geholt. Sich mit diesem Wasser zu waschen, sollte Schönheit verleihen.

Doch irgendwann war es vorbei mit dem Börnchen. Hauptursache war der Bau des Gießener Rings Anfang der 1970er Jahre. Denn der führte dazu, dass die Quelle versiegte, in Vergessenheit geriet - und im Lauf der Zeit zuwuchs.

Letzteres könnte man mit einer vereinten Aktion ohne großen Aufwand rückgängig machen. Dann hätte die einsame Bank dort auch wieder einen Zweck. (Alexander Geck)

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