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Spielerische Übungen auf dem Rücken von Haflinger Ricardo. FOTO: PAD

Therapiepferde

Therapeuten auf vier Hufen - Pferde helfen Kinderseelen

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Was wie eine klassische Reitstunde aussieht, ist Therapie. Seit mehr als 20 Jahren gibt es das Angebot in Leihgestern. Dabei treffen Kinder mit Problemen auf in Pferde vernarrte Altersgenossen.

Ruhigen Schritts läuft Haflinger Ricardo voran, dann folgen, der alte weiße Anton, Saphira und zum Schluss der putzig wirkende Pascha. Auf ihrem Rücken tragen sie vier Mädchen, Anton wird von einem weiteren am Zügel geführt. Die Mädchen vollführen Übungen auf den Pferderücken, greifen nach imaginären Äpfeln in der Luft hoch oben oder nach Früchten unten am Boden. Zwischendurch wird auch kurz getrabt.

Alles sieht aus wie eine ganz normale Reitstunde. Doch in Leihgestern steht nicht im Vordergrund, dass die Mädchen und Jungen perfekte Reiter werden. Stattdessen soll die Zeit mit den Pferden auf sie eine positive Wirkung haben, ihnen helfen. In der Mitte steht darum in Kerstin Kohrmann auch keine Trainerin, sondern eine Reittherapeutin.

Seit über 22 Jahren gibt es das therapeutische Reiten in Linden. Kristina Hänel hatte damals schon lange von solch einem Angebot geträumt. Einige Jahre nach dem Kauf einer Hofreite in Linden entschloss sie sich, den Traum in der Realität umzusetzen. War es zu Beginn noch ein Pferd, mit dem Hänel das Angebot startete, sind es heute viereinhalb: "Anton ist halb im Ruhestand."

Ruhiges Wesen notwendig

Für den Einsatz als Therapiepferd dürfen die Tiere nicht zu schreckhaft sein und müssen ein ausgeglichenes Wesen mitbringen, erklärt Hänel. In Leihgestern leben sie darum in Offenstallhaltung.

Insgesamt vier Gruppen mit je sechs Kindern nutzen das Angebot. Die Gruppen sind bunt zusammengewürfelt, erklärt Hänel: Einige Kinder haben psychische Probleme, wie Traumata nach dem Verlust eines geliebten Menschens. Manche kommen aus Pflege- oder einkommensschwachen Familien. Wieder andere haben körperliche Defizite. Und ein Teil ist einfach nur pferdevernarrt.

Zweimal die Woche bekommen die Pferde von den Therapiekindern Besuch. Jeweils zwei der vier Gruppen sind dann nacheinander zu Gast. Die erste Gruppe holt die Pferde von der Weide und putzt sie, bevor es ans Reiten geht. Die zweite Gruppe räumt die Pferdeäpfel weg und bringt die Tiere nach ihrer Reitstunde wieder zurück auf die Weide. Gerade das Striegeln steht hoch im Kurs. Die Mädchen flechten den Pferden teils kunstvolle Zöpfe in die Mähne.

Auch Jungs pferdebegeistert

Auch einige Jungen sind beim therapeutischen Reiten dabei. Diese dürfen gegenüber den Pferden eine Seite zeigen, die ihnen auch noch heute durch Rollenbilder versperrt bleibt. "Bei den Jungen fällt in der Erziehung oft das Zärtliche weg. Gegenüber Tieren dürfen sie das aber herauslassen", erklärt Hänel. "Das sind nicht die klassischen Fußballer, sondern oft die Jungs, die auf der Bank sitzen bleiben müssen." Sie wollen einfach mit Tieren Zeit verbringen.

Bei Mädchen helfe das Reiten hingegen vor allen in Sachen Selbstbewusstsein. Da Pferde von Natur aus Fluchttiere sind, müsse der Mensch ihnen Sicherheit vermitteln, erklärt Hänel. "Gerade Kindern in Pflegefamilien oder denen, die vom Leben nicht begünstigt sind, tut es unheimlich gut, dass sie so einem großen Tier den Weg zeigen können."

Die Therapeuten auf vier Hufen hätten zudem den Vorteil, dass sie eine direkte Antwort auf das Verhalten der Kinder geben würden, ohne dabei moralisch wertend zu wirken. "Die Kommunikation ist sehr dicht", sagt die Reittherapeutin Kohrmann. Da zudem nicht der Anspruch gestellt wird, eine bestimmte Leistung zu zeigen, fällt die Basis für Vergleiche weg. "Kinder ohne Handicap lernen dadurch, Rücksicht zu nehmen und sich mit denen zu freuen, die etwas für sie Neues erreichen."

Bewegung hilft bei Defiziten

Kinder mit körperlichen Defiziten profitieren von der Bewegung auf dem Pferderücken in allen drei Achsen. Dies fördert unter anderem die Koordination und den Gleichgewichtssinn. Der gravierendste Unterschied zu einer klassischen Therapie dürfte jedoch sein, dass die Kinder diese nicht als solche wahrnehmen. Sie haben einfach Freude daran, sich um die Pferde zu kümmern und zu reiten.

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