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Gunter Demnig verlegt den Stolperstein vor der Bahnofstraße 4.

Shofar blieb 80 Jahre stumm

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Linden (pad). Als Jeff Israel das Shofarhorn bei der Stolpersteinverlegung in der Großen-Lindener Falltorgasse erklingen ließ, war dies für die rund 200 Anwesenden ein besonderer Moment: 80 Jahre lang war das rituelle Musikinstrument still geblieben. Dass es überhaupt noch existierte, wusste bis Montagabend kein Lindener.

Gunter Demnig hatte am Dienstagmorgen wenige Minuten zuvor zwei Stolpersteine vor dem Haus Nummer 6 gesetzt. Einst wohnte dort das Ehepaar Berthold und Lina Edelmuth. Sie betrieben eine Ochsen- und Kalbsmetzgerei. Obwohl Berthold Edelmuth im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte und sogar verwundet worden war, nahmen die Nazis keine Rücksicht. Am 11. November 1938 wurde er aufgrund seiner jüdischen Abstammung verhaftet und für einen Monat im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt. Seine Kriegsinvalidenrente wurde einbehalten. Als er wieder freikam, gab es einige wenige Großen-Lindener, die das Paar, ebenso wie die anderen Juden im Ort, unterstützten und etwa Essen vorbeibrachten. Doch die Anfeindungen rissen nicht ab. Am 12. Juli 1939 floh das Ehepaar nach Frankfurt. Von dort wurde es 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Berthold Edelmuth kurze Zeit später starb. Lina Edelmuth wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Seit Dienstag erinnern zwei im Gehweg eingelassene Metallplatten an die ermordeten jüdischen Mitbürger, die einst in dem Haus wohnten. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagte Helmut Faber vom Heimatkundlichen Arbeitskreis Linden. "Wir wollen diesen Menschen ihre Namen zurückgeben."

Bald 75 000 Stolpersteine

Der Heimatkundliche Arbeitskreis griff nun ein Projekt auf, was einst die Schüler der Anne-Frank-Schule angestoßen hatten: 2008 war in Linden erstmals - übrigens für den gesamten Landkreis - ein Stolperstein gesetzt worden. Er erinnerte vor dem Haus Bahnhofstraße 4 an Klara Marx. Während in Leihgestern 2015 bereits weitere Stolpersteine gesetzt wurden, blieb in Großen-Linden die Frage offen, wo weitere jüdische Mitbürger lebten. Faber hat intensiv in Archiven recherchiert, um ihre Spuren zu finden und Schicksale nachzuvollziehen.

Neben dem Stein von Klara Marx wurde nun eine Gedenkplakette für Anna Marx in den Gehweg eingelassen. Mit 59 Jahren wurde sie nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Den alten Stein polierte Demnig nochmals, bevor er den neuen daneben setzte. "Dieses Jahr werde ich den 75 000 setzen", sagte er. In Anbetracht der Millionen durch die Rechten ermordeten Juden eine erschreckend niedrige Zahl.

Ein Haus weiter in der Bahnhofstraße 2 wohnte einst die Familie Theisebach. Sie verkaufte Manufakturwaren und Herrenkonfektionen. Bernhard und Henriette Theisebach flohen mit ihren Töchtern Hildegard und Beate am 24. März 1939 in die USA. Tante Lina Simon sollte nachkommen, doch dies gelang nicht. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Jeff und Steven Israel - die Söhne von Beate Israel, geborene Theisebach - reisten eigens zur Stolpersteinverlegung aus den USA an. Am Montagabend enthüllten sie ein Geheimnis: Die Thorarollen sowie das Shofarhorn aus Linden waren vor den Nazis gerettet worden. Mit dem Blasen des Horns wird Gott als König feierlich anerkannt. Bernhard Theisebach hatte die sakralen Gegenstände heimlich in die USA geschmuggelt. Eine der Thorarollen liegt nun in Hartford, Connecticut, die zweite ging nach Israel.

Da die jüdische Glaubensgemeinde in Großen-Linden erloschen war, durfte das Shofarhorn jedoch nicht mehr gespielt werden. Erst als es jetzt in den Ort zurückkehrte, durfte es wieder erklingen.

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