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"Seit März geht nichts mehr"

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Die Ortsgruppe Linden der AWO bietet wie andere im Kreis auch spezielle Angebote für die älteren Mitglieder an. Doch Spielenachmittag und Sommerfest sind in Corona-Zeiten nicht möglich. Das Vereinsleben liegt brach.

Die Rummikub-Steine liegen seit Monaten in ihrer Schachtel, die Karten werden nicht neu gemischt, zu einer Partie "Mensch ärgere dich nicht" fehlen die Menschen: Corona macht die Spielenachmittage der Arbeiterwohlfahrt in Linden unmöglich.

Der VdK und die Arbeiterwohlfahrt sind Verbände, deren Schwerpunkt auf sozialen und karitativen Angeboten liegt. Beide kümmern sich um die Schwächeren in der Gesellschaft. Doch diese sind meist gesundheitlich eingeschränkt - und gehören in dieser Zeit zur Risikogruppe.

In Linden zeigen sich beispielhaft die Probleme der aktuellen Pandemie-Lage. Der Ortsverein mit seinen rund 80 Mitgliedern steht in normalen Zeiten für eine rege Vereinsarbeit. Jedes Jahr werden etwa Lebensmittelspenden an die örtliche Tafel übergeben. "Wir fragen vorher nach, was gebraucht wird", sagt die stellvertretende Vorsitzende Erika Dick. Früher gab es noch eine Handarbeitsgruppe. Sie stellte Decken, Socken und mehr her, um diese zur Weihnachtszeit für den guten Zweck zu verkaufen. Der Erlös ging an die Sozialstation. Über die Jahre ließ die Nachfrage nach. "Es wird nicht jedes Jahr eine neue Weihnachtstischdecke gekauft, die halten halt auch einige Zeit", sagt Dick. Auch die Mitfahrerzahlen bei den Tagesfahrten gingen über die Jahre immer weiter zurück. "Die Leute wurden älter, konnten nicht mehr teilnehmen", sagt der Vorsitzende Karl-Heinz Scheidt.

Um den Mitgliedern dennoch ein Vereinsleben bieten zu können, wurden die Spielenachmittage ins Leben gerufen. Im Vereinsheim wurden Karten- und Brettspiele gespielt, ein Helferteam bereitete Kaffee und Kuchen vor. Wer nicht mehr gut zu Fuß war, wurde von einem Fahrdienst Zuhause abgeholt.

"Die Stammbesucher haben sich immer darauf gefreut", sagt Scheidt. Für manche war es neben dem Wocheneinkauf und Arztbesuchen der einzige Termin im Kalender. "Die Älteren kommen sonst nicht raus", sagt Dick.

Doch in Zeiten von Covid-19 kann der Spielenachmittag nicht stattfinden. "Mensch ärger dich nicht oder Karten spielen - wie soll das gehen?", fragt Scheidt. Man könne nicht nach jedem Zug die Figuren, nach jedem Spiel alle Karten desinfizieren. Auch selbst gebackenen Kuchen zu servieren, ist derzeit nicht erlaubt.

Zudem ist das Vereinsheim zwar geräumig, jedoch nicht groß genug, um bei mehreren Besuchern die Sicherheitsabstände einzuhalten. "Wir können auch nicht alle Fenster öffnen, dann gibt es Durchzug, und die älteren Leute frieren", sagt Dick. "Dann kommen sie gesund zu uns und gehen krank nach Hause." Nicht zuletzt gehören fast alle Besucher zur Risikogruppe, einige sind 90 Jahre alt.

Um kein Risiko einzugehen, wurde auch das diesjährige Sommerfest abgesagt. Und eine Tagesfahrt anzubieten, ist derzeit für den AWO-Ortsverband keine Option: Menschen, die schon so schwer atmen können, noch längere Zeit mit einer Mund-Nasen-Bedeckung in einen Bus oder Zug zu setzen, ergebe keinen Sinn. "Mit Mundschutz brauche ich nicht wegzufahren", sagt der Vorsitzende.

Das Vereinsleben ist komplett zum Erliegen gekommen. Dieses Jahr wird es keinen Neustart mehr geben. Mit den Mitgliedern in Kontakt zu bleiben, das sei schwierig. Bei normalen Geburtstagen werde angerufen, bei runden Geburtstagen gratuliere man an der Haustür "ohne Hand", sagt Scheidt.

Bei Telefonaten gebe es jedoch das Hindernis, dass viele Ältere nicht mehr gut hören. "Die verstehen dann nicht, was wir eigentlich wollen", sagt Dick. So sehe man sich meist nur im Supermarkt. Dort würden die Älteren ihr Bedauern äußern, dass keine Veranstaltungen möglich sind.

Bei der AWO-Ortsgruppe Linden schwingen auch Zukunftssorgen mit. Dick war bei ihrem Eintritt in den Verein das 200. Mitglied. Derzeit sind es noch 80. In den vergangenen Monaten sind fünf verstorben, darunter der Ehrenvorsitzende Kurt Bernhardt.

Jetzt ruhen die Hoffnung auf 2021, dass die Pandemie dann im Griff ist, Veranstaltungen wieder möglich sein werden. "Ansonsten werden wir versuchen, ein Treffen im kleinen Rahmen anzubieten", sagt Scheidt. "Etwa einen Stammtisch."

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