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Hans Bausch ist seit fünf Jahrzehnten Kommunalpolitiker, gehört dem Vorstand der Landschaftspflegevereinigung Gießen an, 17 Jahre lang war er auch im Vorstand des Kreisbauernverbands engagiert. FOTOS: SRS/PM

"Ich mag das Lautwerden nicht"

Seit 51 Jahren im Parlament: Hans Bausch aus Linden ist Ruhepol und Rekordhalter

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Der Lindener Hans Bausch sitzt seit 51 Jahren im Parlament seiner Stadt. Hessenweit gibt es niemanden, der sich länger ohne Unterbrechung in einer Gemeindevertretung engagiert. Kürzlich wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Eine Entwicklung der vergangenen Jahre stört ihn allerdings gewaltig.

Im Rampenlicht steht Hans Bausch so gar nicht gern. Bescheiden, ohne große Worte, nahm der 76 Jahre alte Lindener vor wenigen Tagen in der Dienstvilla des Ministerpräsidenten eine hohe Auszeichnung entgegen: das Bundesverdienstkreuz. "In zahllosen Stunden ehrenamtlicher Arbeit haben Sie sich für Ihre Heimatregion stark gemacht", sagte Finanziminister Dr. Thomas Schäfer. "Fleißig, mit hochgekrempelten Ärmeln, packen Sie seit Jahrzehnten mit an, wenn es darum geht, das Zusammenleben vor Ort nachhaltig positiv zu verändern." Neben seinem Engagement in heimischen Vereinen setzt sich Bausch im Parlament seiner Stadt ein - seit inzwischen 51 Jahren. Hessenweit sitzt niemand länger ununterbrochen in einer Gemeindevertretung.

Ein Dienstagabend, Bausch sitzt an seinem Küchentisch in Leihgestern. Der Landwirt hat tagsüber einen Lastzug mit Weizen verladen und die Maschinen des Bauernhofs gesäubert. "Mein Sohn kann das zurzeit nicht", sagt er. "Er ist vor kurzem an der Schulter operiert worden." Bausch spricht mit tiefer, sonorer Stimme. "Ein ruhiger Charakter war ich schon immer", sagt er.

Ein ungewöhnliches politisches Bündnis war im vergangenen Jahr in Linden zu beobachten. Vier Parteiverbände - die Freien Wähler, die Grünen, die SPD und die FDP - einigten sich auf einen gemeinsamen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl. Möglich machte dies vor allem der Ruhepol Hans Bausch, dem es in 51 Jahren bei Konflikten auch im Parlament immer wieder gelungen ist, zwischen den Fraktionen die Wogen zu glätten. "Mir ist eine klare Linie wichtig", sagt Bausch. "Mir geht es darum, dass man offen miteinander redet." Bausch ist ruhig, aber kein Leisetreter. Ergreift er im Parlament das Wort, argumentiert er sachlich und ohne Aggression. "Ich mag das Lautwerden nicht."

Blickt Bausch auf die vergangenen Jahrzehnte in der Kommunalpolitik zurück, fällt ihm auf: Das Miteinander unter den Fraktionen sei rauer geworden. "Das sachliche Gespräch fehlt mir." Noch mehr stört ihn aber eine andere Entwicklung: Unter der Bürgern beobachte er zunehmend ein egoistisches Denken. Immer mehr gehe es nur noch um persönliche Anliegen und nicht mehr um das Allgemeinwohl. "Dieses ich, ich, ich", beklagt Bausch.

Auf die Frage, wann ihn zuletzt einmal etwas aus der Ruhe gebracht hat, muss Bausch lange überlegen. Dann fällt ihm ein, wie ein Praktikant auf seinem Bauernhof einmal einen Schlepper zu Schrott gefahren hat. Der Student war nicht versichert, auch nach einer Klage vor dem Arbeitsgericht erhielt Bausch keinen Cent von der Versicherung. "Sie haben doch keine Ahnung", warf er wütend dem Richter vor - allerdings auch damals ohne laut zu werden, betont der Leihgesterner.

Anfang der 60er Jahre hat der in Langsdorf aufgewachsene, gelernte Schlosser noch im Dienst der Bundesbahn Dampfloks repariert und Motoren ausgetauscht. Bis er auf einem Sängerfest in Watzenborn-Steinberg seine spätere Frau kennenlernte - und 1965 in einen Bauernhof einheiratete. Mehr als 100 Hektar Land bewirtschaftet die Familie heute in Linden, inzwischen hat einer seinen beiden Söhne die Hauptverantwortung des Betriebs übernommen.

Ein Ereignis in den 70er Jahren verdeutlicht das politische Talent Bauschs. Die Großmolkerei Grieb senkte eines Tages unvermittelt den Milchpreis, ohne vorher mit den Landwirten zu sprechen. Bauer Bausch ergriff die Initiative, wandte sich an die Molkerei und schloss einen Kompromiss. Kurz darauf wurde er in ein regionales Gremium der Milchviehbauern gewählt, das mit den Molkereien die Preise verhandelt. Zehn Jahre übte Bausch dieses Amt aus, am Ende gab ihm der Geschäftsführer der Molkerei Grieb die Hand: "Sie haben mich viel Geld gekostet", sagt dieser. "Aber es war immer fair, mit ihnen zu verhandeln."

Als jüngster Gemeindevertreter Hessens rückte Bausch 1968 mit 25 Jahren ins Leihgesterner Parlament - auch mit dem Ziel, die Belange der Landwirte zu vertreten. "Für eine Wahlperiode", dachte er damals. Heute lacht er darüber und sagt: "Ich habe den Absprung nicht geschafft." Als sich neun Jahre später Leihgestern und Großen-Linden zu einer Stadt zusammenschlossen, saß Bausch dann auch dort im Parlament. Im Lindener Stadtparlament sitzt er noch heute für die Freien Wähler, die sich anfangs noch als Überparteiliche Wählergemeinschaft bezeichneten. "Ich hätte mich nie einem Fraktionszwang unterwerfen können", sagt er.

Seit 2003 ist er Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Seine Kollegen haben ihm zum 50-jährigen Jubiläum im Parlament eine gerahmte Collage mit Fotos geschenkt. Fünf Wörter haben sie zu den Bildern geschrieben: "Unaufgeregt", "kompromissbereit", "hilfsbereit", "ausgleichend" und "sachlich."

Nun, nach 51 Jahren, denkt Bausch allerdings ans Aufhören. Gesundheitliche Gründe zwingen ihn dazu. Er hat vier Herz-Operationen hinter sich, leidet unter Arthrose. "Es geht nicht mehr", sagt er.

Seine Frau hat ihm einmal im Scherz gesagt: "Du bist ja viel zu blöd. Du engagierst dich so lange in der Kommunalpolitik. Aber für dich persönlich hast du noch nie etwas erreicht." Bausch antwortete kurz und knapp: "Das möchte ich ja gar nicht." Ihm gehe es immer nur um die Sache.

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