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Er genieße es, mit Schülern umzugehen und deren Entwicklung vom Fünftklässler zum Erwachsenen mitzubekommen, sagt Rolf Schroth. FOTO: SCHEPP

Urgestein und "harter Knochen"

Seit 44 Jahren Lehrer in Linden: Rolf Schroth kritisiert geringe Wertschätzung für Pädagogen

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Unter seinen ehemaligen Schülern ist er als "harter Knochen" bekannt: Rolf Schroth ist seit 44 Jahren Lehrer an der Anne-Frank-Schule in Linden. Inzwischen unterrichtet er dort als Pensionär vertretungsweise. "Die Wertschätzung gegenüber Lehrern nimmt ab", bedauert er. Seine Kritik richtet sich nicht in erster Linie gegen Schüler.

Wenn Dr. Rolf Schroth im Kreis Gießen unterwegs ist, kommt er um ein Schwätzchen kaum herum – ob er sich nun beim Orthopäden behandeln lässt, einen Spaziergang unternimmt oder einkaufen geht. Schroth ist ein Urgestein. Mittlerweile sind es Tausende Menschen, die bei ihm in den Fächern Geschichte, Französisch und Latein die Schulbank gedrückt haben. Schroth ist seit 44 Jahren Lehrer an der Anne-Frank-Schule in Linden. 

2011 ist er zwar in den Ruhestand getreten. Doch noch immer übernimmt er regelmäßig vertretungsweise Unterrichtsstunden. "Aus Spaß an der Freude", sagt er. 

"Ich will, dass in meinem Unterricht gelacht wird. Aber niemand wird ausgelacht"

Der aus Wilhelmshaven stammende Schroth ist bekannt für seine schnörkellose und gleichzeitig freundliche Art und für seine gerechte Amtsführung. "Ich habe noch nicht mitbekommen, dass auf der Straße ein ehemaliger Schüler an mir vorbeigegangen ist, ohne mich zu grüßen", sagt er. Dies sei für ihn ein Zeichen der Anerkennung seiner Arbeit. 

Schroth ist ein kräftiger, 73 Jahre alter Mann mit einem herzlichen, lauten, mitreißenden Lachen. "Ich will, dass in meinem Unterricht gelacht wird", sagt er. "Aber niemand wird ausgelacht." Wer frühere Schüler nach ihm befragt, hört Geschichten von anspruchsvollen Unterrichtsstunden und Anekdoten, wie Schroth beispielsweise zu Beginn des Unterrichts auch mal das Klassenbuch in die Hände nahm und auf das Pult knallte, um für Ruhe im Klassenzimmer zu sorgen. "Macht die Schotten dicht", ruft er gerne, wenn die Fenster geschlossen werden sollen. "Ich habe die schönste Schrift im ganzen Kollegium", ist einer der häufiger geäußerten Sprüche Schroths. "Das habe ich den Kindern immer wieder eingeredet, bis sie es geglaubt haben", sagt Schroth, der auch Sprüche einstecken kann. Einmal hat er Schülern einer Klasse erzählt, dass er früher Sport gemacht hat. Aus einer Ecke kam die Frage: "Ach, Sie waren Sumoringer?" 

"Wenn jeder Dahergelaufene unterrichten kann, wofür brauchen wir dann noch ausgebildete Lehrer?" 

Zu Beginn seines Berufslebens 1976 hat Schroth die erste Gymnasialklasse der Anne-Frank-Schule übernommen. Von 1980 an hat er den gymnasialen Zweig an der Schule geleitet. In den vergangenen 44 Jahren hat er so manche pädagogische Entwicklung erlebt. Eine Sache sieht er momentan sehr kritisch: dass man dem zunehmenden Mangel an Lehrern mit Quereinsteigern begegnen möchte. "Wie weit denken Politiker?", fragt sich Schroth. Der Lehrermangel sei selbst verschuldet. "Ich kann doch vorhersagen, wie viele Schüler in sechs Jahren an die Grundschule kommen." Gleichzeitig wisse man, zu welchem Zeitpunkt wie viele Lehrer in den Ruhestand gehen. Denke er darüber nach, wie unvorbereitet man im Grunde nun den Lehrermangel angehe, "dann schüttelt es mich." 

Vor allem an den Grundschulen sei die Entwicklung hochproblematisch, sagt Schroth. "Dort sind die Kinder, die Pädagogen brauchen. Da nutzt es doch nichts, wenn ein ausgebildeter Diplom-Physiker an der Tafel steht." Die Ansicht, dass man mit Seiteneinsteigern dem Lehrermangel begegnen kann, zeige eine Geringschätzung der Lehrer auf – vonseiten der Politik. Schroth wählt bewusst markige, überspitzte Worte: "Wenn jeder Dahergelaufene unterrichten kann, wofür brauchen wir dann noch ausgebildete Lehrer?" 

"Achtung der Lehrer hat in letzter Zeit gelitten"

Schroth genießt die Erfahrung, mit Schülern umzugehen und deren Entwicklung vom Fünftklässler zum Erwachsenen mitzubekommen – und sie auf diesem Weg mit zu prägen. "Lehrer sein", sagt Schroth, "das ist Auseinandersetzung im wahrsten Sinn des Wortes." Schroth hat als Lehrer bei vielen Menschen Spuren hinterlassen, er hat Freundschaften geschlossen. Kürzlich bat ein ehemaliger Schüler Schroth, für die Hochzeit seiner Schwester – ebenfalls einst seine Schülerin – eine kleine Videobotschaft ins Handy zu sprechen.

Die Achtung des Lehrers habe "in letzter Zeit gelitten", sagt Schroth allerdings auch. Zu Anfang seiner Zeit an der Anne-Frank-Schule sei es selbstverständlich gewesen, dass Schüler die Tür aufhalten oder anzubieten, die Tasche zu tragen. "Das gibt es hin und wieder noch. Aber ich werde inzwischen an der Tür auch umgerannt." 

Schroth ist wohlgemerkt keiner, der jammert. Seinen pädagogischen Beruf versteht er als gesellschaftliches Engagement. So ist auch sein langjähriger Einsatz für den Austausch zwischen Lindener und französischen Schülern zu verstehen. Kritik übt Schroth im Gespräch vor allem an den politischen Entscheidungsträgern. Die misslungene Einführung des Abiturs nach der zwölften Klasse, G8, sei eine Katastrophe. "Und derzeit wird die eigentlich gute Idee der Inklusion im ähnlichen Hauruck-Stil über die Schulen gegossen."

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