Jugendsprache

Wer nutzt eigentlich Worte wie triggern, snacken oder verbuggen?

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"Napflixen", "Smombie" oder "cringe" - diese Worte sollen von Jugendlichen verwendet werden, jedenfalls tauchten sie bei der Wahl zum "Jugendwort des Jahres" auf. Ein Marketing-Gag oder Realität? Nachgefragt in der Anne-Frank-Schule Linden.

Das Computerspiel läuft nicht, weil es total verbuggt ist. Da geht die Zimmertür auf: "Du musst noch für den Englischvokabeltest lernen", ruft die Mutter rein. Jens findet seine Mutter cringe, vor allem weiß sie genau, wie sie ihn damit triggert. Außerdem ist er hayvan, das macht er doch mit links. Also erstmal was snacken. Denn: YOLO.

Angeblich benutzten junge Leute all diese Worte - jedenfalls wenn man dem Langenscheidt-Verlag glauben möchte. Seit 2008 kürt er das Jugendwort des Jahres. Doch werden diese Vokabeln wirklich von Jugendlichen benutzt oder hat sich die Jury diese selbst ausgedacht? Begriffe wie guttenbergen, Arschfax oder napflixen schafften es in den vergangenen Jahren unter die Top drei - Wortschöpfungen, die man auch einem Erwachsenen zutrauen würde, der einfach cool sein möchte.

Die Gießener Allgemeine Zeitung hat bei denen nachgefragt, die es wissen müssen: Jugendliche. Die Schüler der Klasse 9d der Anne-Frank-Schule (AFS) in Linden haben sich eine Liste mit Worten angeschaut, die entweder dieses Jahr für das Jugendwort nominiert sind oder es in den vergangenen Jahren unter die Top drei geschafft haben.

Das Ergebnis fällt durchwachsen aus: 2012 etwa siegte die Abkürzung YOLO. Diese vier Buchstaben fanden sich über viele Jahre als Anfang von Spammails mit dem Titel "You only live once - probier es aus", in denen für zweifelhafte Medikamente geworben wurde. Mit der Bedeutung, etwas zu wagen, zu riskieren, eine Chance zu ergreifen, hielt der Begriff in die Alltagssprache Einzug - zumindest vorübergehend.

Fast alle in der 9d kennen die Abkürzung. Die Reaktion einer Schülerin, ob sie das noch verwendet, sagt jedoch viel aus: "Ach du Scheiße, nein!" Tatsächlich kreuzen nur drei von 22 Jugendlichen auf einer Liste an, YOLO schon mal benutzt zu haben. Ähnlich unbeliebt ist "swag", was 2011 Jugendwort des Jahres war. Und der Sieger 2015 - "Smombie" - ist mittlerweile fast vergessen und wird gar nicht mehr verwendet.

Deutschlehrer Thomas Bayer wundert das nicht: "Jugendsprache gab es schon immer." Die Begriffe verändern sich, manche Worte werden einfach unbeliebt, sind out. "Wenn ich hier mit einen Wort aus den 70ern ankomme wie ›knorke‹..." - weiter kommt er nicht, denn die Schüler fangen zu lachen an.

Andere Worte scheinen nie - zumindest an der AFS - den Durchbruch geschafft zu haben: Napflixen - angeblich die Bezeichnung für ein Nickerchen während eines Filmes - war 2017 im Jugendwort-Ranking auf Platz zwei. In Linden kennt es keiner. "Hayvan" - die Bezeichnung für jemand, der ein echtes Tier ist - schaffte es hingegen 2014 nur auf Platz drei. Dafür kennen es aber alle Schüler, ein Großteil benutzt es auch.

Erfunden scheint die Liste der Nominierten für dieses Jahr schon mal nicht zu sein. Begriffe wie snacken, triggern oder cringe kennen fast alle, gut die Hälfte verwendet sie auch und kennt deren Bedeutung. "Wenn man etwas peinliches macht, sage ich ›cringe‹. Eine komische Aktion sozusagen", erklärt ein Schüler. "Verbuggt ist, wenn etwas beim Computer nicht läuft", sagt ein anderer. Besonders hoch im Kurs steht "Bruder muss los" - wenn man aus ungünstigen Situationen wie Streit mit der Freundin oder der Deutscharbeit schnell abhauen möchte.

Deutschlehrer Bayer hat festgestellt, dass die Jugendlichen vor allem unter sich solche Begriffe verwenden. Nur selten hört er sie im Unterricht. "Aber es fließt Umgangssprache ein." Die Jugendsprache, die ihm begegnet, ist nicht swag oder cringe, sondern: Endungen werden verschluckt, Artikel ausgelassen, Präpositionen stimmen nicht. Und das "Hä?" ist allgegenwärtig: "Andere Frageworte tauchen selten auf."

Das findet sich dann auch in Texten wieder. "Sie schreiben mehr, wie sie untereinander sprechen", sagt Bayer. Eine Ursache sieht der Deutschlehrer darin, dass zu wenig gelesen werde. Die Sprache im Internet und in Musiktexten sei qualitativ oft dürftig. Ein Problem sieht der Pädagoge auch in der mittlerweile zurückgenommenen Umsetzung des Schriftspracherwerbs. In den ersten beiden Schuljahren wurde dabei nach Gehör geschrieben, Rechtschreibfehler nicht korrigiert. "Da kommt erschwerend dazu, dass ab der 3 und 4 die Grammatik gelernt werden musste", sagt Bayer. Noch heute haben Schüler und Lehrer mit den Folgen zu kämpfen.

Die Jugendlichen sollte man dennoch nie unterschätzen. Bei einem Bewerbungsgespräch würden sie etwa alle die Jugendsprache außen vor lassen, sagen sie. Und wenn ihr Deutschlehrer sich mit den Worten "Bruder muss weg" aus dem Unterricht verabschieden würde, fänden sie das nicht gut. Eine junge Frau sagt: "Zwischendurch würde ich es witzig finden, aber nicht immer."

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