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Marienmarktmeister Tim-Ole Steinberg sehnt sich wie so viele nach dem Alltag von einst.

Nur der Marktmeister ist einsam

  • vonConstantin Hoppe
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Linden (con). Ein verlorener Schlüssel, der wohl einsamste Marienmarktmeister, den es je gab und »die längste Polonaise der Welt« - all das erwartete die Narren am Samstagabend bei der Faschingssitzung des Karnevalsvereins »Harmonien« Linden (KVH). Um 19.31 Uhr startete die erste Online-Sitzung der Vereinsgeschichte - just zu dem Zeitpunkt, als sich eigentlich die TV-Halle in Großen-Linden in die Narrhalla verwandeln sollte.

Doch diesmal musste eben coronabedingt in den eigenen vier Wänden gefeiert werden. Der guten Stimmung tat das aber keinen Abbruch.

Rund 190 Jecken hatten sich zugeschaltet, als Sitzungspräsident Carsten Born das Wort ergriff. Später am Abend sollten es noch mehr werden. Born jedenfalls machte eines sofort klar. Er hoffe, dass es bei dieser einen Online-Sitzung bleiben werde, sagte er. Nächstes Jahr wolle man wieder gemeinsam schunkeln.

Ein weiterer Lindener, dem die Corona-Pandemie einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht hat, ist Tim-Ole Steinberg. Der Marienmarktmeister konnte im vergangenen Jahr seiner Aufgabe nicht nachkommen, und auch dieses Jahr sieht es nicht besser aus. Dafür sprach er in seiner Büttenrede über die Vielfalt der Besucher, die sonst alljährlich den Markt bevölkern: Sei es »der, der eigentlich etwas ganz anderes machen möchte«. Oder der, »der überall etwas trinkt«. Oder aber »der Auswärtige«, der sich vor allem durch sein rücksichtsloses Parkverhalten auszeichne. Doch alles Gemotze hin oder her, Steinberg geht es wie so vielen dieser Tage, er vermisst den Alltag mit all seinen Schrulligkeiten: »Eigentlich habe ich auf das alles richtig Bock«, sagte er. »Und hoffe, alle hier 2022 wieder im alten Ortskern begrüßen zu dürfen.«

Bei keiner Sitzung in den vergangenen Jahren durfte die Büttenrede von Peti Müllejans fehlen, auch in diesem Jahr nicht: »Alles muss heute digital sein: Digitalkamera, Digitalselfies und jetzt auch noch eine digitale Faschingssitzung - in der Home-Narrhalla«, sagte er und ließ seinen Frust auf das Coronavirus raus: »Nach Corona soll es ja keiner wagen, mich zum Maskenball einzuladen.«

Für künstlerische Intermezzos sorgten unter anderem die Tänzerinnen der KVH-Garde und die »Flamingos« - letztere paarweise in einem coronakonformen Ganzkörperkostüm. Bereits im Vorfeld groß angekündigt war der Versuch, die »längste Polonaise der Welt« (oder zumindest Lindens) im Online-Format auf die Beine zu stellen. So gingen in den vergangenen Tagen zahlreiche Videos ein, in denen sich die Narren selbst filmten. Die Beiträge wurden nun zusammengeschnitten. Es waren rund 60 - eine durchaus beachtliche Teilnehmerzahl.

Eine Sache, die sich durch die rund 90-minütige Sitzung zog, war der Sturm aufs Rathaus, mit dem die Narren normalerweise die Macht in der Stadt übernehmen und den symbolischen Schlüssel zum Rathaus erbeuten. Doch wegen der Infektionsschutzmaßnahmen war auch das in diesem Jahr nicht möglich. Deshalb rief Präsidiumsmitglied Stefan Jung kurzerhand bei Bürgermeister Jörg König an, um den Rathausschlüssel auf friedlichem Weg zu bekommen - was dann allerdings zu allerlei Verwicklungen führte, als dort niemand wusste, wo der Schlüssel zu finden sei. Doch selbstverständlich tauchte der Schlüssel nach einer Tour durch die Lindener Stadtverwaltung wieder auf. Kurz vor Ende der Sitzung hielt ihn Präsidiumsmitglied Jung jedenfalls voller Stolz in die Kamera.

Und eines kann man dem KVH nach diesem Abend attestieren: Trotz aller Umstände kam Faschingsstimmung auf. Das sich die Mühen ausgezahlt haben, zeigt auch die Resonanz der letztlich rund 220 Teilnehmer. »Super und vielen Dank!«, »Ganz, ganz toll« und »ganz großes Kino!« - waren nur einige der durchweg positiven Reaktionen.

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