Edith Höll Pfarrerin
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Edith Höll Pfarrerin

Näher bei den Menschen

  • vonPatrick Dehnhardt
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Aufgrund von Corona finden kaum noch Präsenzgottesdienste statt, Beerdigungen sind nur im kleinen Rahmen möglich. Die Krise hat aber auch positive Veränderungen angestoßen, sagt Pfarrerin Edith Höll.

Nur der engste Familienkreis hat sich um das Grab versammelt, gerade mal eine Handvoll Angehöriger. Mehr dürfen aufgrund der Pandemielage vor Ort nicht Abschied nehmen. Dennoch hören weit über 100 Menschen die Worte von Pfarrerin Edith Höll - und zwar als Videoübertragung im Internet.

Was vermutlich vor einem Jahr von manchen noch kritisch beäugt worden wäre, ist mittlerweile in der evangelischen Kirchengemeinde Großen-Linden üblich. Höll erinnert sich, dass im Frühjahr der Bürgermeister genehmigen musste, wie viele Menschen zu einer Trauerfeier kommen durften, "das war völlig abstrus". Die Pfarrerin bot den Angehörigen darum an, dass sie die Beerdigung filmen durften. So konnten langjährige Weggefährten und Familienmitglieder den Moment des Abschieds teilen - ansonsten wären sie oft von der Beerdigung ausgeschlossen gewesen.

Es ist nur ein Beispiel dafür, wie Corona die Kirchenarbeit verändert hat. "Es hat sich viel ins Schriftliche und Digitale verlegt", sagt Höll. So hat einer ihrer Kollegen etwa einen "Kindergottesdienst für Zuhause" ins Leben gerufen.

"Es ist ganz klar ein Digitalisierungsschub gewesen", bestätigt Pfarrerin Jutta Martini von der evangelischen Kirchengemeinde Grüningen. Gottesdienste würden aufgezeichnet und im Internet eingestellt. Davon würden Ältere und Kranke profitieren, die auch ohne Lockdown nicht immer in die Kirche kommen konnten. Und diese Angebote kommen gut an. Beispielsweise wurde der Krippenspiel-Film der Gemeinde über 180-mal im Internet angesehen; 70 DVDs wurden angefragt.

Solche digitalen Angebote bräuchten jedoch mehr Vorbereitung als ein normaler Gottesdienst, sagt Martini. Es gehe nicht nur um die Predigtthemen selbst, sondern auch um Fragen wie Beleuchtung und Tonqualität, Datenschutz und Musikrechte. So sollen etwa keine Lieder in Internetgottesdiensten gespielt werden, die bei einer Veröffentlichung über dieses Medium GEMA-Gebühren kosten.

Auch an Menschen ohne Computer wurde gedacht. In Linden bekamen ältere Menschen, die nicht so internet- affin sind, eine kleine Musikbox mit Bluetooth überreicht. Jede Woche erhielten sie einen neuen Stick, der auf die Box gelegt automatisch den aktuellen Gottesdienst abspielte. "Zum Teil haben die Kinder dann den ›Stickdienst‹ übernommen", berichtet Höll.

Als sich Höll kürzlich die Bilder von Ostern und Weihnachten 2019 anschaute, war das dennoch ein wehmütiger Moment. Die rappelvolle Kirche, alle Bänke besetzt. Und nun gähnende Leere. "Beim Verabschieden an der Kirchentür den Menschen nicht die Hand zu geben oder auch mal umarmt zu werden, das vermisse ich schon sehr."

Dennoch findet Höll, dass die Kirche in der Krise trotz der Abstandsregeln dichter bei den Menschen ist. "Es wurde individueller, sowohl bei den Trauerfeiern als auch den Taufen." So hätten sich bereits seit vielen Jahren Eltern für die Taufe des Kindes einen separaten Gottesdienst am Samstag gewünscht - was jedoch nicht vorgesehen war. "Nun musste es sogar diese Einzelgottesdienste geben."

Rund um Ostern habe man einen "kirchlichen Lieferdienst" angeboten, auf Anfrage habe sie Andachten in Höfen und Vorgärten im kleinen Kreis abgehalten. "Das wurde sehr gut angenommen."

Auch bei den Geburtstagsbesuchen habe sich etwas verändert. Früher sei man einer von vielen Gratulanten an einem Tag mit vollgepacktem Programm gewesen. "Jetzt war man allein mit den Jubilaren", sagt Höll. "Sie haben etwas von sich in Ruhe erzählen können. Die persönlichen Kontakte waren intensiver."

Und doch kann nicht alles kompensiert werden. Vor allem für die Kirchenchöre und Ensembles sei es eine bittere Zeit, sagt Höll. Viele konnten lange Zeit gar nicht proben, zwischenzeitlich war Singen nur in kleinsten Gruppen möglich. Im Kirchengebäude wurde - als Präsenzgottesdienste noch erlaubt waren - aus Sicherheitsgründen auf konzertante Musik gesetzt. "Ich glaube, die Menschen haben das genossen", sagt Höll.

Wenn man fragt, was den Menschen am meisten fehlt, dann ist es das Gemeindeleben, Angebote wie Freizeiten, Feste oder Ausflugsfahrten. Doch auch hier hat man versucht, kreative Wege zu gehen, um ein Stück Normalität aufrechtzuerhalten.

In Grüningen etwa versucht der Frauenkreis, Kontakt zu halten, indem sich die Mitglieder nun gegenseitig kleine Präsente vor die Tür stellen.

Einig sind sich beide Pfarrerinnen, dass die Krise die Menschen sinnbildlich enger zusammengebracht habe. "Ich habe den Eindruck, dass der Zusammenhalt in Grüningen sehr hoch ist und viele wahrnehmen, wie es ihren Mitmenschen geht", sagt Martini. Höll sagt: "Für die Menschen ist die Kirche ein wichtiger Ort geworden." FOTO: PM

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