Apothekerin Tanja Wilde übernahm vor zehn Jahren die "Birken-Apotheke" in Leihgestern. FOTO: PAD
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Apothekerin Tanja Wilde übernahm vor zehn Jahren die "Birken-Apotheke" in Leihgestern. FOTO: PAD

Apotheke schließt

Nach 47 Jahren ist Schluss: Die "Birken-Apotheke" in Leihgestern schließt

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Kein Arzt mehr im Ort, dafür die immer stärkere Konkurrenz aus dem Internet, nun noch durch Covid-19 ein Einbruch bei den Stammkunden: Die "Birken-Apotheke" in Leihgestern macht zu.

Apothekerin Tanja Wilde ist ein positiver Mensch, hat viel Freude an ihrer Arbeit, bedient gerne die Kunden der Leihgesterner "Birken-Apotheke". Zudem sei die Stimmung in dem eingespielten Mitarbeiterteam wunderbar. Doch als Chefin muss sie die Apotheke auch wirtschaftlich betrachten. Dabei wird deutlich, dass sich der Betrieb nicht mehr lohnt.

Dass war vor 47 Jahren noch ganz anders. Damals war der Familie Wilde aufgefallen, dass es in Leihgestern keine Apotheke gab. Diese Lücke wollte sie schließen, baute ein Haus in der Schulstraße mit der Apotheke im Erdgeschoss. Christine Wilde baute die Apotheke auf. 2010 übernahm Schwiegertochter Tanja Wilde die Apotheke.

Die wirtschaftliche Situation trübte sich in den letzten Jahren zunehmend ein. "In Leihgestern gibt es keinen Arzt mehr", sagt Tanja Wilde. Dies habe dazu geführt, dass immer mehr Kunden ihre Rezepte auf dem Heimweg von der Praxis andernorts eingelöst hätten. "Egal, von welchem Arzt man kommt, fährt man an einer anderen Apotheke vorbei." Die Birken-Apotheke zehrte von ihren treuen Stammkunden.

Die Arbeit wurde gleichzeitig nicht weniger. Salben werden vor Ort angerührt, Pillen hingegen nur noch selten hergestellt - "meist für Kinder". Medikamentenlieferungen müssen aber auch bearbeitet werden. Unter anderem muss der QR-Code jeder einzelnen Medikamentenpackung nicht nur beim Verkauf, sondern auch bei der Anlieferung gescannt werden, damit ihr Weg von der Pharma-Industrie bis zum Kunden nachvollziehbar bleibt. Wenn der Lieferant 20 Kisten voll mit Arzneimitteln bringt, wird deutlich, wie viel Arbeitszeit dies bindet.

Dazu kommen hohe Softwarekosten, zudem wird das Warenlager immer größer. "Früher hatte jeder Arzt seine speziellen Medikamentenvorlieben, heute jede Krankenkasse."

Vor allen Dingen spüren die heimischen Apotheken aber die Konkurrenz der Versandapotheken aus dem Internet. Einige Kunden würden sich online Arzneimittel bestellen, dann aber zur Beratung zu ihnen kommen.

Bereits als sich die Einführung des elektronischen Rezeptes im kommenden Herbst abzeichnete, fürchtete die Pharmazeutin, dass noch mehr Kunden ins Netz abwandern könnten. "Dann ist unser zeitlicher Vorteil vor Ort weg", sagt sie.

Dass diese Gemengelage irgendwann zum wirtschaftlichen Aus für die Apotheke in Leihgestern führen würde, war absehbar. "Wir wollten den Betrieb aber aufrecht erhalten, bis die langjährigen Mitarbeiter in Rente gehen", sagt Tanja Wilde. "Wenn man so lange zusammenarbeitet, wächst man zusammen. Das ist wie Familie."

Dann schlug im Frühjahr Covid-19 zu. Davon konnte die Apotheke nicht profitieren, im Gegenteil: Die Kundenzahlen brachen ein.

"Die älteren Leute sind nicht mehr aus dem Haus gegangen, haben ihren Kindern und ihren Enkeln die Medikamentenversorgung überlassen. Und die sind online-affiner", schildert die Pharmazeutin. Ohne die Stammkundschaft ist der Weiterbetrieb unrentabel.

Damit kommt nun nach 47 Jahren das Aus für die "Birken-Apotheke". Ein Teil der Mitarbeiter wechselt zur "Goethe-Apotheke" nach Großen-Linden, eine Mitarbeiterin wird andernorts eine Stelle antreten, andere sind noch auf der Suche. So lange sie keinen neuen Arbeitsplatz haben, will Tanja Wilde den Betrieb noch aufrecht erhalten.

Pro Jahr schließen in Deutschland rund 300 bis 400 Apotheken. Das Aus für die Leihgesterner "Birken-Apotheke" wird noch dieses Jahr in diese Statistik einfließen.

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