Zwei Wochen erlebt Tomi Göttlich einen Traumurlaub bei Sipalay auf der Insel Lagos. Dann kommt der Corona-Lockdown dazwischen.
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Zwei Wochen erlebt Tomi Göttlich einen Traumurlaub bei Sipalay auf der Insel Lagos. Dann kommt der Corona-Lockdown dazwischen.

Corona-Lockdown auf den Philippinen

Musiker aus Linden erlebt Odyssee im Paradies - "Deutsche Botschaft war keine Hilfe"

  • vonStefan Schaal
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Tomi Göttlich aus Großen-Linden war im Tauchurlaub auf den Philippinen, als das Land den Corona-Lockdown verhängte. Er kämpfte sich durch die Provinzen, um einen Flug nach Hause zu finden. Fünf Tage saß er eingeschlossen in einem Zimmer, vor dem ein Polizist mit Maschinengewehr stand. Der Lindener macht der Deutschen Botschaft schwere Vorwürfe.

Erdnussbutter. Banane. Karamell. Das Aroma strömt aus Tomi Göttlichs E-Zigarette, während er die Augen schließt und tief einatmet. Endlich Ruhe. Endlich in der Luft. Endlich auf dem Rückflug, nach zehn Tagen Kampf. 

Der 52 Jahre alte Lindener hat sich in die Toilette eines Flugzeugs der Gesellschaft "Qatar Airways" zurückgezogen. Er hat eine Odyssee hinter sich.

Tomi Göttlich

Während seines Urlaubs auf den Philippinen hat die Regierung den Corona-Lockdown verhängt. Göttlich hat sich mit anderen Touristen durch mehrere Provinzen geschlagen, immer wieder hat er neue Reisepläne schmieden müssen. Fünf Tage saß er in einem Zimmer, während vor der Tür ein Polizist mit Maschinengewehr stand. In einem Land, in dem der Präsident inzwischen gedroht hat, jeden erschießen zu lassen, der unerlaubt das Haus verlässt.

Ein Jahr Vorbereitungszeit

Am 2. März ist Göttlich ins Paradies aufgebrochen. Zum Tauchen nahe der Stadt Sipalay auf der Insel Negros. Die Strände dort sind abgeschieden, die nächste Straße ist weit entfernt. Wer das Resort erreichen will, muss mit dem Schiff reisen. "Es ist traumhaft", sagt Göttlich. "Du rennst nur barfuß herum. Abends isst du direkt am Strand." 

Ein Jahr lang hat der Lindener, der als Dozent an der Justus-Liebig-Universität angehende Geschichtslehrer unterrichtet und als Bassist in der Metal-Band "Rebellion" spielt, den Urlaub organisiert, um die sechs Wochen freizuschaufeln. Die Freundin und die Tochter sollen einen Monat später nachreisen. "Das war der Plan", sagt Göttlich.

"Wir kommen hier nie wieder raus"

Dann aber kommt es zum Lockdown. Göttlich schließt noch seinen Kurs zum Dive-Master ab, dann sucht er nach Wegen, um nach Hause zu kommen. "Mir wurde klar, dass ich vielleicht bis Ende des Jahres dort bleiben muss, wenn es schlecht läuft."

Göttlich schließt sich mit anderen Urlaubern zusammen. Sie buchen Flüge, kaufen Tickets für Busse und Fähren. Für jede Gemeinde und jede Provinzgrenze, die sie auf dem Weg zu Flughäfen passieren müssen, beantragen sie Durchfahrtsgenehmigungen bei Bürgermeistern und Gouverneuren. Doch jeder Flug wird abgesagt. "Natürlich hat jeder irgendwann mal seinen Ausraster", erzählt Göttlich. "Dann fallen Sätze wie: Wir kommen hier nie wieder raus, wir müssen sterben."

Keine Hilfe von Deutscher Botschaft

Dass der Lindener selbst dabei nie die Ruhe verloren hat, glaubt man ihm gern. Der 52-Jährige ist die Gelassenheit in Person. Während er von seiner Odyssee Ende März erzählt, steht er in seiner Hofreite in Großen-Linden, er hat zum Grillen eingeladen. Irgendwann ist der ganze Hof von Rauch eingenebelt. "Die Baguettes brauchen noch ein paar Minuten", sagt er. Auf seinem linken Unterarm stehen Schriftzeichen aus der nordischen Mythologie. "Dem Schicksal muss voll gehorcht werden", heißt es übersetzt. "Spiel mit den Karten, die du auf der Hand hast", sagt er. "Aufregen bringt nichts."

Tomi Göttlichs Odyssee wird begleitet von strengen Polizeikontrollen.

Von der Deutschen Botschaft habe er indes keine Hilfe bekommen, berichtet er. "E-Mails wurden nicht beantwortet. Am Telefon hieß es nur: Wir können Ihnen nicht mehr sagen." Göttlich schüttelt den Kopf. "Wenn die wenigstens gesagt hätten, dass sie keinen Plan haben." Informationen habe er immer zwei Tage früher bei der österreichischen Botschaft erhalten. 

Täglich hat er sich außerdem mit seiner Freundin zu Hause beraten, die bis ein Uhr nachts aufblieb, um ihn anrufen zu können. Auf den Philippinen war es dann sieben Uhr morgens. Auch sein Reisebüro hat mit ihm Kontakt gehalten.

Bundesregierung schickt Flieger

Irgendwann erfährt Göttlich, dass die Bundesregierung am 23. März einen Flieger nach Cebu schickt, um Touristen auszufliegen. Nachts um drei Uhr sitzt er in einem Bus, um die 250 Kilometer entfernte Stadt zu erreichen. An jeder Gemeindegrenze werden er und die anderen Touristen kontrolliert, Polizisten messen die Körpertemperatur. Es sind Dutzende medizinische Untersuchungen, die Göttlich durchläuft. "Die Tests waren ein Witz." Immer sei er gefragt worden, ob er unter Fieber, Husten oder Durchfall leidet. "Bei der trockenen Luft hast du ständig Husten, leidest unter der Hitze, und die Verdauung macht dir zu schaffen. Da lügst du dreimal, danach bist du gesund geschrieben."

Auf halber Strecke heißt es "Umkehr"

Vor allem das ständige Warten sei anstrengend gewesen. "Du bist umstellt von Polizisten, sollst in der Hitze im Bus sitzen, darfst nichts zu Trinken kaufen." Nur eines hätten die Polizisten nach Diskussionen erlaubt: das Rauchen. "Die ganze Gruppe im Bus ist zu Rauchern mutiert."

Auf halber Strecke, in Dumaguete, erfährt Göttlich, dass der Flug der Bundesregierung auf unbestimmte Zeit verschoben ist. Er kommt in einem Quarantäne-Hotel in Cebu unter. Empfangen werden er und 50 weitere Touristen von einer bewaffneten Frau in Uniform. "Wir haben hier eine Polizeistation eingerichtet", sagt sie. Wer gegen die Quarantäneregeln verstoße, werde inhaftiert. "Sie verpassen dann Ihren Flieger." Göttlich erzählt: "Da hat keiner mehr gelacht." Für die Maßnahmen zum Schutz vor Corona habe er Verständnis. "Manchmal aber habe ich mich wie ein Aussätziger behandelt gefühlt. Wie das Virus selbst."

Schrecksekunde vor Abflug

Fünf Tage sitzt Göttlich in einem Hotelzimmer, Polizisten halten vor der Tür Wache. Das ständige Knattern eines Presslufthammers dringt durch das Gebäude, das Hotel wird zu dem Zeitpunkt renoviert.

Schließlich, am 29. März um 9 Uhr, steht er vor dem Flughafen von Cebu. 500 Menschen stehen Schlange, unter glühender Sonne bei 35 Grad. Nach knapp neun Stunden hat er das Boarding durchlaufen, er schießt ein Selfie und schickt es voller Erleichterung an die Familie. Plötzlich stehen Männer in Uniform vor ihm. "Es gibt ein Problem mit Ihrem Gepäck", sagen sie. Glücklicherweise sind es nur die Akkus seiner E-Zigarette, das Problem ist bald geklärt.

Ganz spezielles Mitbringsel

Um 21.30 Uhr hebt der Airbus A 380 ab. Kurz darauf sitzt Göttlich in der Toilette des Flugzeugs und atmet tief ein. Erdnussbutter. Banane. Karamell. Als er in Linden ankommt, sind Kitas und Schulen seit einer Woche geschlossen. "Eine Geisternation", sagt er. Den Kindern hat Göttlich ein Geschenk mitgebracht, als Gag. "Eine Rolle Klopapier", erzählt er. "Die haben sich gefreut."

Erfolgreich mit "Rebellion"

Tomi Göttlich spielt Bassgitarre in der bundesweit bekannten und etablierten Power-Metal-Band "Rebellion". Er war zuvor viele Jahre lang Basser der erfolgreichen Metal-Combo "Grave Digger". Der Lindener schreibt bei "Rebellion" auch die Songs. Die 2001 von Göttlich und Uwe Lulis gegründete Band hat Konzeptalben zu William Shakespeares Werken "Macbeth" und "King Lear" veröffentlicht, die Metal-Hymnen und Passagen aus den Originaltexten miteinander verknüpfen.

Nach Warten und Bangen mit 500 weiteren Touristen findet Tomi Göttlich im Flughafen von Cebu einen Weg nach Hause.

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