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Gerhard Zörb.

»Montserrat Caballé hat sich überschätzt«

  • VonStefan Schaal
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Linden (srs). Gerhard Zörb ist eine Koriphäe auf dem Gebiet der Tontechnik bei Großveranstaltungen. In den vergangenen 60 Jahren saß der Lindener beispielsweise am Mischpult, wenn Helmut Schmidt, Roy Black und Paul Kuhn auf der Bühne standen. Nun hat er ein Buch mit Anekdoten veröffentlicht, das er am kommenden Sonntag vorstellt.

Herr Zörb, haben Sie mit Künstlern, die Sie durch Ihren Beruf kennengelernt haben, auch Freundschaften geschlossen?

Ja, mit Frank Raimond zum Beispiel, das war einer der besten Entertainer. Er war so begeistert, dass er mich zweimal im Jahr für große Modenschau-Tourneen in 50 Hallen deutschlandweit engagiert hat. Freundschaften sind auch mit Schlagersängern entstanden. Mit Mary Roos habe ich vor zehn Jahren in Fernwald-Steinbach nach einem Auftritt an meiner Anlage gestanden, wir haben ein Glas Sekt getrunken. Sie hat damals 50 Jahre auf der Bühne gefeiert, ich 50 Jahre vor der Bühne.

1980 haben Sie als Tontechniker Helmut Schmidt im Wahlkampf erlebt.

Das stimmt, er war damals in Gießen bei den Hessenhallen, ein Riesenzelt war aufgestellt. Weil wir nicht wussten, wann er genau ankommt, habe ich mit meiner Gruppe, den Rebläus, gespielt, als Vorband haben wir die Leute bei Laune gehalten. 20 000 Menschen waren da, im ganzen Zelt wurde geraucht, Nebelschwaden von vorne bis hinten. Zwischen unseren Songs wurden die Leute immer ungeduldiger. Ich war heilfroh, als Helmut Schmidt dann kam.

Haben Sie sich am Rand mit ihm unterhalten?

Nur kurz zur Technik. Er war gerade heraus, schnörkellos.

Gab es Begegnungen mit Künstlern, nach denen Sie eher enttäuscht waren?

Nur ein einziges Mal. Das war ein Auftritt der Opernsängerin Montserrat Caballé in Wetzlar in der Rittal-Arena. Ich war enttäuscht wegen ihrer Selbstüberschätzung. Sie hat die Halle betreten und gesagt: »Hier brauche ich keine Technik.« Ihr Manager hat mich auch verwundert angeguckt.

Haben Sie mit der Sängerin diskutiert?

Nein. Sie muss es ja wissen, habe ich gedacht. Zur Vorsorge habe ich an der Bühne in einem Blumenkübel ein Stabmikrofon positioniert, das ist bis zu einer gewissen Grenze auch gelungen. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass das Konzert zu leise war. Hätte ein Zuhörer während des Auftritts »lauter« gerufen, wäre ich rigoros auf die Bühne gegangen und hätte ihr ein Mikrofon unter die Nase gestellt.

Stimmt es, dass der Karneval Sie zu Ihrem Beruf geführt hat?

Ja. Angefangen hat es auf einer Sitzung des Karnevalvereins »Harmonien«. Der Verein und der Wirt haben gesagt: Du bedienst die Anlage. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, beim Karneval ist das Publikum ja sehr laut, ich hatte nur Verstärker mit 16 Watt. Danach habe ich gesagt: Das nächste Mal steht da eine andere Anlage. Das war der Start, die Technik zu verbessern. Wir sind damals auch nach Wetzlar gefahren, zum Schrottplatz von Philips. Wir haben dort hochwertige Trafos und andere Bauteile gefunden.

Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben? Sehen Sie sich ein wenig auch selbst als Entertainer?

Nein. Ich möchte die Qualität des Künstlers weitertragen, damit es ein Hörgenuss wird. Das bedeutet, dass ich die Musik nicht nur nach technischen Qualitäten aussteuern darf. Die Musik muss zu spüren sein. Es geht darum, die Musik zu lieben.

Der 78 Jahre alte Gerhard Zörb präsentiert sein Buch »60 Jahre Tontechnik« (erhältlich im Schuhaus Darré und im Musikhaus Schönau) mit Fotos und kleinen Videoclips im Gespräch mit Frank Mohr am Sonntag um 16 Uhr in der evangelischen Kirche Großen-Linden. Der Eintritt ist frei.

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