Aus gesundheitlichen Gründen darf Heiko Klaus Zecher keine Maske tragen. Ende April, als landesweit die Maskenpflicht eingeführt wurde, arbeitete er im Supermarkt zunächst ohne Mund- und Nasenschutz.
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Aus gesundheitlichen Gründen darf Heiko Klaus Zecher keine Maske tragen. Ende April, als landesweit die Maskenpflicht eingeführt wurde, arbeitete er im Supermarkt zunächst ohne Mund- und Nasenschutz.

Beschimpfungen und Beleidigungen

Ohne Maske im Supermarkt: Das erlebt ein Asthmatiker und Mitarbeiter eines Rewe-Markts in Linden

  • vonStefan Schaal
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Seit drei Monaten herrscht hessenweit Maskenpflicht in Geschäften. Für Heiko Klaus Zecher, der in einem Supermarkt in Linden Obst und Gemüse sortiert und Regale einräumt, ist das ein Problem. Zecher hat Asthma und darf keine Maske tragen. Anfangs arbeitete er ohne Mund- und Nasenschutz, doch Kunden protestierten und die Stadt schritt ein - bis doch noch eine Lösung gefunden wurde.

Linden - Der Anblick irritiert. Er löst Verunsicherung aus. Und bisweilen auch heftige Beschimpfungen. Dabei erledigt Heiko Klaus Zecher doch nur das, was er seit nun neun Jahren jeden Tag erledigt. Der 27-Jährige steht mitten im Rewe-Markt in Linden, füllt Obst und Gemüse auf, räumt Regale ein und wischt die Flure. Allerdings trägt er keinen Mund- und Nasenschutz. Es ist Ende April, die Maskenpflicht in Läden und Geschäften ist gerade eingeführt. Und Zecher steht vor einem Problem: Er darf keine Maske tragen.

Seit seiner Geburt leidet der Mitarbeiter des Supermarkts unter Asthma. Am ersten Tag nach der Einführung der Maskenpflicht habe er probiert, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen, erzählt er. »Aber ich habe keine Luft bekommen.« Zecher sagt: »Müsste ich mehrere Stunden oder einen ganzen Arbeitstag lang eine Maske tragen, falle ich um.«

Und so verzichtete Zecher nach Absprache mit seinem Chef auf eine Maske, stieß dabei aber auf Proteste von Kunden. Einige schüttelten nur wortlos den Kopf. Andere blafften, beschimpften und brüllten Zecher an. Er müsse doch eine Maske tragen. »Viele wurden laut«, erzählt er. »Das war nicht schön.« Kunden beschwerten sich außerdem beim Marktleiter und wandten sich an die Stadt.

Ohne Maske im Supermarkt: Stadt schlug vor, Mitarbeiter zu beurlauben

Alexander Marchel, Leiter des Lindener Rewe-Markts, stand vor einem Problem. »Die Stadt hat gemeint, ich müsste ihn beurlauben«, berichtet er. »Die Frage ist aber: Wie lange?« Der Mitarbeiter müsste dann seit inzwischen drei Monaten zu Hause sitzen.« Und ein Ende der Maskenpflicht ist weiterhin nicht absehbar. »Ich kann ihm nicht einfach andere Aufgaben oder nur Bürotätigkeiten geben«, erklärt Marchel.

Denn unter den knapp 50 Mitarbeitern des Markts ist Zecher ein besonderer, ein ungewöhnlicher Kollege. Er ist ein Mensch mit einer leichten Behinderung. Zu der Beschäftigung im Supermarkt kam er durch Vermittlung der Lebenshilfe und des Fachdiensts für berufliche Integration. Anfangs war es nur ein Praktikum. »Ich wollte nicht mehr in einer dieser Behindertenwerkstätten arbeiten«, sagt Zecher. »Ich wollte was anderes ausprobieren.« Es funktionierte. Aus dem Praktikum wurde zunächst ein Jahr - und schließlich eine feste Anstellung, der Behinderung und den Schwierigkeiten zum Trotz. »Die Arbeit macht mir Spaß«, sagt er. Auf die Frage, was er in seiner Freizeit macht, erklärt Zecher, er helfe vor allem seinem nicht mehr ganz so rüstigen Vater. »Und in ein paar Tagen helfe ich meinem Bruder beim Umziehen.«

Ohne Maske im Supermarkt: Beschimpfungen auch auf Busfahrt

Ab 6.40 Uhr steht Zecher jeden Morgen von Montag bis Freitag im Laden, sortiert Obst- und Gemüse, nimmt Waren an, kehrt den Hof und macht Ordnung. Morgens stellt er die Blumen zum Verkauf heraus. Die Irritationen von Kunden darüber, dass er im Laden keine Maske trägt, könne er verstehen, sagt Zecher. Auf Beschimpfungen treffe er auch immer wieder auf der Busfahrt auf dem Weg zur Arbeit. »Vor Kurzem hat im Bus ein Fahrgast von hinten stark gegen meinen Sitz getreten, weil ich keine Maske trage«, erzählt Zecher. »Was soll ich machen? Ich habe ein Attest. Und ich halte natürlich auch Abstand und nehme Rücksicht, so gut es geht.«

Im Supermarkt unterdessen haben Leiter Marchel und Zecher inzwischen eine Lösung gefunden, auch diese war mit Schwierigkeiten verbunden. Nachdem die Stadt Marchel ermahnt hat, dass Mitarbeiter unbedingt eine Maske tragen müssen, wurde für Zecher ein durchsichtiges Visier mit gebogenen Plastikscheiben besorgt.

Anfang Mai untersagte das Land Hessen noch, Gesichtsvisiere als Mund- und Nasenbedeckung in Läden und Geschäften zu akzeptieren. »Mittlerweile sind sie zum Glück erlaubt«, sagt Marchel.

In manchen anstrengenden Momenten, räumt Zecher ein, müsse er das Visier kurz anheben. Ansonsten komme er trotz Asthma und Atembeschwerden aber gut damit zurecht. Das Visier hat neben dem Schutz vor der Pandemie für ihn einen weiteren Vorteil: Beschimpfungen von Kunden muss Zecher nicht mehr über sich ergehen lassen.

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