Obwohl sie mit ihrem Tatplan gescheitert waren, mussten sich vier Jugendliche nun vor dem Gießener Amtsgericht verantworten.
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Obwohl sie mit ihrem Tatplan gescheitert waren, mussten sich vier Jugendliche nun vor dem Gießener Amtsgericht verantworten.

Kurioser Fall vor Gericht

Clevere Notlüge vereitelt Tankstellenraub

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Jugendliche wollen eine Tankstelle ausrauben, sie sind maskiert und bewaffnet. Dann verwirrt ein Mitarbeiter die Täter, sie suchen das Weite und werden doch gefasst. Nun mussten sich die Jugendlichen vor Gericht verantworten.

Es hätte weitaus schlimmer enden können. Doch weil der Mitarbeiter einer Tankstelle die Täter in die Irre führte, ließen vier Jugendliche am 7. April 2019 von ihrem Plan ab und suchten ohne Beute das Weite. Die Eskalation blieb aus. Und kurioserweise kamen die Angeklagten nun vor Gericht wohl auch deshalb mit einem blauen Auge davon, weil der junge Mitarbeiter geistesgegenwärtig reagiert hatte.

Wegen versuchten schweren Raubes mussten sich die vier Angeklagten am Dienstag vor dem Jugendschöffengericht verantworten. Über ihre Anwälte räumten sie im Wesentlichen ein, was Staatsanwältin Angelika van Delden ihnen in der Anklageschrift zur Last gelegt hatte: Demnach fassten sie am Tattag den Entschluss für einen gemeinsamen Raub. Die vier Jugendlichen aus Stadt und Kreis Gießen entschieden sich für eine Tankstelle in Großen-Linden. Zwei damals 14-jährige Zwillinge mit syrischer Staatsbürgerschaft sollten an der Straße und vor der Tankstelle Schmiere stehen, während ein damals 18-jähriger Syrer und ein 15-Jähriger mit pakistanischem Pass die eigentliche Tat ausführen wollten. Offenbar kundschafteten sie die Tankstelle aus, der 18- und der 15-Jährige betraten dann kurz vor Mitternacht laut Staatsanwaltschaft mit Skimasken vermummt den Verkaufsraum. Sie waren bewaffnet, führten Messer mit sich. 

Gescheiterter Tankstellenraub: Mitarbeiter überrascht Täter

In der Tankstelle bot sich den Tätern dann ein anderes Bild als erwartet: Von einem Mitarbeiter war nichts zu sehen, denn dieser stand gerade vor der Tankstelle. Die Täter hielten den 24-Jährigen - zutreffenderweise - für einen dort Beschäftigten und forderten ihn wiederholt auf, die Kasse zu öffnen. Doch der Tankstellen-Mitarbeiter griff zur Notlüge, er arbeite nicht dort. Er wirkte anscheinend sehr überzeugend. Überrascht zogen die Täter wieder ab - ohne Beute. Und offenbar auch, ohne die Messer zu zücken und den Mitarbeiter zu bedrohen.

Der junge Mann informierte umgehend die Polizei. Einer der Zwillinge, die vor der Tankstelle gewartet hatten, wurde kurz darauf gestellt. Zwar verpfiff er seinen Bruder nicht, allerdings konnte die Polizei ihn anscheinend rasch ermitteln. Die Zwillinge brachten die Beamten dann auf die Spur der beiden Mittäter.

Da alle Angeklagten Jugendliche beziehungsweise Heranwachsende sind, wurde besonderes Augenmerk auf ihr soziales Umfeld gelegt. Wie eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe berichtete, sind alle erst seit einigen Jahren in Deutschland. Verfahren gegen sie wegen anderer Delikte wurden teils eingestellt, Vorstrafen stehen bislang nicht zu Buche. Insbesondere für die beiden Zwillinge fiel die Sozialprognose positiv aus: Beide hätten noch die Möglichkeit, die Schule mit einem Hauptschulabschluss zu beenden. Auch habe deren Vater bei den Ermittlungen einen guten Eindruck hinterlassen, das familiäre Umfeld lasse auf eine positive Entwicklung hoffen. 

Gescheiterter Tankstellenraub: Verteidiger fordern Freisprüche

Nach der Beweisaufnahme schien auf den ersten Blick alles klar zu sein. Im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft plädierten die Verteidiger jedoch allesamt auf Freispruch. "Was sich dort abgespielt hat, ist der klassische Fall eines freiwilligen Rücktritts", sagte ein Anwalt. Da die Angeklagten zwar mit der Tatausübung begonnen, sie aber aus eigenem Antrieb heraus aufgegeben hätten, seien sie laut Gesetz nicht zu bestrafen. Schließlich hätten sie freiwillig darauf verzichtet, die Kasse aufzubrechen.

Das sah das Gericht anders. Die Täter hätten geplant, auf einen Mitarbeiter zu treffen und ihn die Kasse öffnen zu lassen. "Das, was sie vorhatten, war so nicht mehr umsetzbar", sagte Richterin Maddalena Fouladfar in der Urteilsbegründung. Sie hätten nicht infolge eines Umdenkens das Weite gesucht, sondern weil der Plan aus ihrer Sicht gescheitert sei. Daher handle es sich um einen strafbaren fehlgeschlagenen Versuch statt um einen freiwilligen Rücktritt.

Die Zwillinge wurden zu je zwei Wochen Dauerarrest verurteilt, die beiden anderen Täter zu je vier Wochen Dauerarrest. Dies sei ein geeignetes Mittel, um erzieherisch einzuwirken, sagte Fouladfar. "Sie sollen merken, wie es sich anfühlt, wenn man eingesperrt ist. Damit sie ein Gefühl dafür kriegen, dass man sich nicht alles erlauben kann." Immerhin sei die Tat "keine Bagatelle" gewesen.

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