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Thomas Drechsel vor dem World War II Memorial in Washington D.C. Der 34 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler aus Großen-Linden lehrt und forscht an der nahe gelegenen University of Maryland, College Park. FOTO: PRIVAT

Serie "Zuhause in der Ferne"

Von Linden nach Washington D.C.: Thomas Drechsel ist in der Welt der Wissenschaft zu Hause

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In Gießen geboren, in Linden aufgewachsen, in der Wirtschaftswissenschaft zu Hause: Thomas Drechsel hat schon früh den akademischen Weg eingeschlagen. Er führte ihn nach Paris, nach London und jetzt nach Washington D.C.

Manche Menschen suchen ein Leben lang ihren Weg. Andere finden schon früh heraus, was ihr persönliches Ding ist. Thomas Drechsel gehört offensichtlich zur zweiten Sorte. Schon zu Beginn seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt interessierte er sich für die großen Zusammenhänge. Und er merkte, dass er gerne tief bohrt. Die Makroökonomie wurde sein Thema, die wissenschaftliche Laufbahn sein Ziel. Fürs erste ist Drechsel angekommen. Seit August lehrt und forscht er als Assistant Professor an der University of Maryland. Von seinem Büro in College Park braucht er mit der Metro eine halbe Stunde zu seinem aktuellen Wohnort: Washington D.C.

Geboren in Gießen, aufgewachsen in Linden, Abitur an der Lio, Fußball in Leihgestern, Wieseck und Großen-Linden: Der gerade mal 34-Jährige ist in der Region tief verwurzelt. "Das hier bleibt meine Heimat, keine Frage", erzählt er. Das Weihnachtsfest mit der Familie hat er sich auch in diesem Jahr nicht entgehen lassen. Doch dann musste er bald wieder aufbrechen, zu einer Konferenz in San Diego. Wer zum akademischen Betrieb gehört, muss mobil sein.

Von Linden nach Washington D.C.: Steile Wissenschaftskarriere

Drechsel kann davon ein Lied singen, er ist in den vergangenen zehn Jahren immer wieder umgezogen, hat in interessanten Städten gelebt und an renommierten Institutionen gelernt und geforscht. An der Pariser Elitehochschule Science Po zum Beispiel, an der er ein Auslandssemester absolvierte. Am University College in London, an dem er seinen Master machte. An der EZB in Frankfurt, in deren Forschungsabteilung er als Research Trainee anheuerte. Und an der London School of Economics, die den jungen Mann aus Linden in ihr weltweit renommiertes Promotionsprogramm aufnahm. "Das war wirklich ein Traum", sagt Drechsel mit Blick auf die vorzüglichen Studienbedingungen an der LSE. Kleine Lern- und Arbeitsgruppen. Intensiver Austausch nicht nur mit dem Doktorvater oder der Doktormutter, sondern auch mit anderen Professoren. Die Möglichkeit, noch während der Promotion zu publizieren. "Keine einsame Insel wie beim Lehrstuhl-Modell", beschreibt Drechsel den Vorteil dieses Programms, das er mit dem PhD, also dem angelsächsischen Doktorgrad, abschloss.

Dass seine nächste Station Washington D.C. und die University of Maryland sein würden, hat der junge Wissenschaftler dem Economics Job Market zu verdanken, über den angesehene Fakultäten weltweit ihr Personal rekrutieren. Was der 34-Jährige davon erzählt, klingt nach einem Riesenrummel. Alle Bewerber und alle potenziellen Arbeitgeber treffen sich stets Anfang Januar zu einer ersten Interviewrunde in einer amerikanischen Stadt, in Drechsels Fall war es Atlanta. "Da sitzen dann die Profs, die einen Kollegen suchen, vor einem", erzählt er. 30 Bewerbungsgespräche in vier Tagen hat er absolviert.

Von Linden nach Washington D.C.: Alte Bekannte wiedergetroffen

Immerhin: Die Mühe hat sich gelohnt. Er schaffte es ins Fly-Out; das ist die zweite Runde, in der die Bewerber jeweils ein oder zwei Tage an ihrer möglicherweise künftigen Uni verbringen und dort ihre Forschung vorstellen. Mit 13 Einladungen in der Tasche jettete Drechsel im Februar und im März 2019 um die Welt. "Ich habe sieben Wochen lang nicht in meinem Bett geschlafen", erinnert er sich an diese turbulente Zeit. Er hätte nach Barcelona gehen können, nach Zürich, nach San Francisco und einige andere Unis, doch am Ende entschied er sich für die University of Maryland in College Park, zehn Meilen nördlich von Washington D.C, das mit der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds, der US-amerikanischen Zentralbank und vielen Think Tanks eine echte Szenestadt für Wirtschaftswissenschaftler ist. Drechsel hat hier viele alte Bekannte wiedergetroffen, die er schon aus London oder von der EZB kannte. "Mein Freundeskreis ist international."

Im August ist er umgezogen. Jetzt, vier Monate später, hat er sich gut eingelebt. "Ich habe darin ja einige Übung." Eines ist allerdings grundlegend anders. Nach all den Jahren in Wohnheimen und WG-Zimmern - mehr war mit dem Promotionsstipendium nicht drin - hat der frisch gebackene Professor seine erste eigene Wohnung im quirligen Stadtteil Petworth bezogen.

Auch wenn eines seiner Themenfelder "Macro Finance" heißt, vermittelt er nicht den Eindruck, dass es ihm vorrangig ums große Geld geht. "Was ich mache, mache ich total gerne", sagt er und erzählt ein bisschen vom Alltag als Assistant Professor. Was ihn von seinen arrivierten Kollegen, die sich Associate Professor bzw. Full Professor nennen, unterscheide, sei der "Tenure Track" mit einem zunächst auf sechs Jahre befristeten Arbeitsvertrag. Ansonsten habe er die gleichen Aufgaben: er lehrt, er forscht, er publiziert. Und wenn er sich in den kommenden Jahren bewährt, winkt die Festanstellung. Eine Habilitation, wie in Deutschland noch vielfach üblich, gibt es bei US-amerikanischen Ökonomen nicht. Aber so weit denkt der Lindener nicht. "Mein Zeithorizont sind die nächsten sechs Jahre."

Von Linden nach Washington D.C.: Ein bisschen wie Frankfurt

In London hat Drechsel immer viel Besuch aus Deutschland bekommen. Das wird jetzt, wo ihn acht Stunden Direktflug von der Familie, seinen alten Schulfreunden oder den Fußballkumpels trennen, nicht mehr so einfach möglich sein. Den Kontakt will er aber in jedem Fall halten. "Das ist mir wichtig und die moderne Technik erleichtert vieles, aber Mühe muss man sich schon geben."

Immerhin: Die ersten Gäste haben sich in seinem neuen Zuhause schon blicken lassen. Er hat ihnen dann Washington gezeigt, das ihn ein bisschen an Frankfurt erinnert. "Es ist keine Mega-Metropole wie London, hat aber viel zu bieten", sagt er mit Blick auf die Theater, die Museen, die vielen coolen Restaurants und ein junges Publikum, das gerne ausgeht. Demnächst wird der Lindener seine Streifzüge ausdehnen können. Er will sich ein Auto kaufen, das erste seit langer Zeit. Die letzte eigene alte Karre fuhr er vor bald 15 Jahren - als Zivi am Balserischen Stift.

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