srs-plakatwand_220221_4c
+
Turbulenzen um Wahlkampf in Linden: Unbekannte haben sämtliche Plakate des Ausländerbeirats abgerissen.

Kommunalwahl

Rassismus: „Schande für Linden“ – Alle Wahlplakate des Ausländerbeirats abgerissen

  • vonStefan Schaal
    schließen

Unbekannte haben gezielt sämtliche Wahlplakate des Ausländerbeirats in Linden abgerissen. Der Vorsitzende des Gremiums brachte sie ein zweites Mal an - am nächsten Tag waren sie erneut komplett entfernt. Die Mitglieder des Ausländerbeirats sind entsetzt.

Abraham Abrahamian streicht mit einer Hand über das Plakat. »Nur wer wählt, zählt«, steht darauf in großen Lettern geschrieben, Hände in mehreren Hautfarben recken auf dem Plakat, das auf die Wahl zum Ausländerbeirat aufmerksam macht, in die Höhe. In Abrahamian brodelt indes die Wut. »Dass der Rassismus so weit geht«, sagt der Vorsitzende des Ausländerbeirats in Linden, »das hätte ich nicht gedacht.«

Zweimal schon hat Abrahamian hier, an der Volkshalle, in den vergangenen Tagen Plakate des Ausländerbeirats an eine Holzwand getackert. Nicht nur hier, auch an weiteren Orten in Leihgestern und Großen-Linden. Doch an sämtlichen zwölf Stellen, an denen die Parteien und der Ausländerbeirat in Linden während des Wahlkampfs plakatieren dürfen, haben Unbekannte die Poster wieder entfernt.

Kommunalwahl in Linden: „Gezielter Angriff“ auf Ausländerbeirat

Klar, sagt der 67 Jahre alte Leihgesterner, einzelne Plakate der kandidierenden Parteien würden an den zwölf Orten der Stadt ebenfalls immer wieder zerstört und abgerissen. »Dass ich alle Plakate des Ausländerbeirats jetzt aber ein zweites Mal anbringen musste und sie am nächsten Tag schon wieder komplett entfernt sind, das ist dann ein gezielter Angriff auf uns.«

Knapp zwei Wochen ist es her, als Abrahamian die Plakate erstmals aufgehängt hat. In Linden verzichten die Parteien in diesem Jahr im Wahlkampf auf Werbung an Straßenlaternen, Bäumen und Bauzäunen, stattdessen haben sie sich auf zentrale Stellwände mit jeweils 18 nummerierten Flächen für Plakate geeinigt, der Ausländerbeirat bekam die Nummer 15 zugeteilt.

Kommunalwahl in Linden: „Wir müssen uns wehren“

Beim Spazierengehen habe er festgestellt, dass am nächsten Tag das Plakat an der Volkshalle fehlte, erzählt Abrahamian. Er fuhr zu weiteren Stellwänden, am Rathaus beispielsweise, am Freibad und in der Bismarckstraße. Überall war die Nummer 15 frei, die Wahlplakate des Ausländerbeirats waren nicht zu finden. Sie waren eindeutig abgerissen worden, nur die Tackerklammern steckten noch in den Holzwänden. »Wir haben die nähere Umgebung nach den Plakaten durchsucht«, berichtet Abrahamian. »Ohne Erfolg.« Nur am Heimatmuseum in Leihgestern habe eine Bekannte die Überreste eines Plakats zehn Meter von der Stellwand entfernt auf dem Boden entdeckt.

Verdächtigungen, wer hinter dem Abreißen der Poster stecken könnte, will der Vorsitzende des Ausländerbeirats nicht äußern. In seinem Ärger hat er auch Bürgermeister Jörg König (CDU) aufgesucht. »Wir müssen uns wehren«, sagt Abrahamian. Ausländerfeindlichkeit als eindeutiges Motiv will König zunächst nicht im Entfernen der Plakate sehen. Zerstörungswut richte sich gegen alle Parteien, erklärt der Bürgermeister.

Abgerissene Wahlplakate in Linden: „Es ist eine Provokation“

Es gehe nicht um das Abreißen einzelner, sondern sämtlicher Plakate, betont Abrahamian. »Es ist eine Provokation«, pflichtet ihm Mira Strok bei, die ebenfalls im Ausländerbeirat sitzt. »Das ist eine Schande für Linden.« Möglicherweise handle es sich auch um die Tat eines Einzelnen, sagt Abrahamian. Dennoch sorge sie unter den Mitgliedern des Ausländerbeirats für große Verunsicherung und bringe sie zum Grübeln.

Er sei Kritikern gegenüber immer gesprächsbereit, sagt der im Iran geborene Armenier. »Wir haben hier jahrelang viele Kontakte aufgebaut und fühlen uns wohl in Linden.« sagt er. »Das wird durch solch eine Aktion kaputt gemacht.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare