Erderwärmung

Klimawandel gefährdet auch die Apfelernte

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  • Patrick Dehnhardt
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Die Temperaturen steigen. Welche Folgen die Erderwärmung auf die Pflanzenwelt haben könnte, erforscht der Deutsche Wetterdienst in Linden.

Einen Frühling wie in diesem Jahr haben sie in 25 Jahren in Linden nicht beobachtet. Während sonst die Forscher auf der Pflanzenphänologischen Forschungsanlage bei Leihgestern problemlos im Kopf behalten können, welche ein, zwei Sorten gerade zu blühen beginnen, war es diesmal alles gleichzeitig. "Es war im Vergleich zu den Vorjahren außergewöhnlich lang kalt und dann direkt 25 Grad warm", erklärt Biologe Dr. Gerald Moser die Ursache. "Im April war die Mitteltemperatur sechs Grad über dem Normalwert", ergänzt Professor Ludger Grünhage. Zusammen mit Professor Christoph Müller erforschen sie hier im Auftrag des Deutschen Wetterdienstes und der Justus-Liebig-Universität den Einfluss des Klimawandels auf die Pflanzen.

Globales Forschungsprojekt

Es handelt sich um ein globales Forschungsprojekt. Vorgegebene Sorten stehen in den 20 Versuchsanlagen, von kleinen Nutzpflanzen und Blumen und Gräsern wie dem Wiesenfuchsschwanz bis hin zu Obstbäumen wie der Süßkirsche. Damit es keine Abweichungen aufgrund verschiedener Pflanzenqualität gibt, stammen alle Pflanzen aus einem Muttergarten. Einmal pro Tag kontrolliert der Gärtner, in welcher Phase sich die Pflanzen gerade befinden – also etwa, ob sie zu Blühen beginnen oder die Früchte reif werden. Damit dies weltweit vergleichbar ist, gibt es eine genaue Definition, wann eine Phase beginnt. Bei der Salweide ist etwa die Blüte erreicht, wenn sie an drei Stellen am Baum Pollen auswirft. Alle Informationen werden in einer Internationalen Datenbank erfasst.

Frostgefahr im Mai bleibt

Ein langer Winter wie 2018 – spricht das nicht gegen den Klimawandel? US-Präsident Donald Trump sieht das jedenfalls so. In Linden könnten die Forscher bei solchen Aussagen verzweifeln. "Wenn es ein paar Tage kalt ist, ist das Wetter", sagt Grünhage. Das Klima hingegen erfasst die Durchschnittswerte über einen langen Zeitraum. Werte von 30 Jahren werden dabei miteinander verglichen. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Der Frühling beginnt hessenweit früher, der Spätherbst kommt später, die Vegetationsruhe wird kürzer. Im Vergleich von 1951 bis 1980 zu 1981 bis 2010 ist die Vegetationszeit 14 Tage langer geworden. In Geisenheim sind es sogar 31 Tage mehr. Prognosen rechnen in Gießen für den Zeitraum um 2050 mit bis zu 60 Tagen mehr.

Längere Vegetationszeit – das klingt zunächst einmal gut. Ist es aber nicht, wie sich beispielsweise im Obstbau zeigt. Denn wenn es hier recht früh für lange Zeit warm ist und die Sonnenscheindauer bereits lang genug ist, dann fangen die Apfelbäume zu blühen an. Im Vergleich sind die Bäume bereits eine Woche früher als noch vor 50 Jahren dran. Nur: Mit dem Klimawandel sinkt nicht die Wahrscheinlichkeit für Spätfröste. "Auch bei drei Grad Temperaturerhöhung im Durchschnitt kann es bis zu den Eisheiligen zu Spätfrösten kommen", sagt Grünhage. "Das hängt von der Wetterlage ab." Kommt nun – wie im vergangenen Jahr – eine kalte Nacht mit Temperaturen bis zu unter 10 Grad Minus, erfrieren Blüten und junge Früchte. Eine Missernte bis hin zum Totalausfall können die Folge sein.

Wenn der Kältereiz fehlt

Doch auch die milden Winter selbst sind ein Problem, erklärt Grünhage. Denn viele Bäume und manche Getreidesorten brauchen den Frost als Kältereiz. Ohne ihn wissen sie nicht, wann sie sich aufs Wachsen und Blühen vorbereiten müssen. Die Bäume fangen an, asynchron – also nicht gleichzeitig – zu blühen. Geschieht dies über mehrere Jahre ist dies für die Bäume purer Stress: Sie werden schneller alt und liefern weniger Früchte. "So etwas lässt sich nur vermeiden, wenn die globale Temperaturerhöhung bis 2100 nur zwei und nicht sechs Grad beträgt", sagt Grünhage.

In Gießen ist die Durchschnittstemperatur bereits von 1961 bis 2000 um ein Grad gestiegen. Nach aktuellen Prognosen könnten es bereits bis zur Mitte des Jahrhunderts 2,3 Grad sein.

Da der Klimawandel auch mehr Wetter-Extreme wie lange Trockenheit oder Unwetter mit sich bringt, geraten die Pflanzen zudem stärker in Stress. Auch Schadstoffe in der Luft sorgen für Stress. Dies hat direkte Folgen für Allergiker: "Bei Pollen geht man davon aus, dass der Stress zu mehr und aggressiveren Pollen führt", sagt Moser.

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