Sechs Monate lang waren 34 Schülerinnen und Schüler mit der "Thor Heyerdahl" unterwegs und wurden an Bord unterrichtet.
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Sechs Monate lang waren 34 Schülerinnen und Schüler mit der »Thor Heyerdahl« unterwegs und wurden an Bord unterrichtet.

Besonderes Schul-Projekt

Klassenzimmer unter Segeln: Zehntklässlerin aus Linden war sechs Monate lang mit einem Schiff unterwegs

  • Lena Karber
    vonLena Karber
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Unterricht auf einem Segelschiff statt Homeschooling: Während der sechs Monate an Bord der »Thor Heyerdahl« hat Melanie Groer aus Linden weit mehr gelernt als Vokabeln und Polynomdivision.

Dass am Abend vor Weihnachten einige Teilnehmer seekrank waren, tat den Vorbereitungen keinen Abbruch: Es gab ein Deko-Team, ein Koch-Team und ein Musik-Team. Sogar ein Weihnachtsbaum mit Kugeln wurde aufgestellt - auch wenn das wegen des Seegangs gar nicht so einfach war. Doch dann, zwischen Vorspeise und Hauptgang, musste plötzlich ein Mannöver gefahren werden. In feierlicher Kleidung statt Ölzeug eilten alle an Deck, um zu helfen. Melanie Groer aus Linden lacht. »So ein Weihnachten hat man auch nicht jedes Jahr«, sagt sie. »Da erinnert man sich lange dran.«

Ein halbes Jahr war die Zehntklässlerin an Bord der »Thor Heyerdahl« auf dem Atlantik unterwegs. Von Oktober bis April segelte sie mit 33 anderen Zehntklässlern aus ganz Deutschland sowie einer 16 Personen starken Stammbesetzung von Kiel über Helgoland, die Kanaren, die Kapverden und die Azoren zurück nach Kiel, während sich die Gesellschaft zu Hause im Lockdown befand. Der optimale Zeitpunkt für eine solche Reise, denn »Qurantänewochen« nach den Landaufenthalten machten Abstand, Maske und Co. obsolet. »Wir konnten jeden umarmen und knuddeln«, sagt Melanie. An Bord gab es schließlich kein Corona.

Unterricht auf einen Segelschiff: Zehntklässlerin aus Linden sechs Monate unterwegs

Über Wochen auf engem Raum und zahlreiche neue Herausforderungen, da muss es im Zwischenmenschlichen gut passen. Die erste Bewährungsprobe gab es bereits nach wenigen Tagen, als auf der Nordsee viele Teilnehmer seekrank wurden. »Obwohl wir uns noch kaum kannten, hat man gemerkt, wie groß die Hilfsbereitschaft bei allen war«, schwärmt Melanie, die darin einen Beleg für den Erfolg des Auswahlverfahrens sieht, zudem normalerweise ein Probetörn für 50 der Bewerber zählt.

Wegen Corona konnte dieser für ihren Jahrgang jedoch nicht stattfinden, alles lief online ab. Funktioniert habe es trotzdem, sagt Melanie, die von der Gemeinschaft begeistert war. »Man kann sich das wirklich wie eine Familie vorstellen«, sagt die Schülerin, die an Bord 16 geworden ist.

Von Oktober 2020 bis April 2021 segelte Melanie Groer mit 33 anderen Zehntklässlern aus ganz Deutschland sowie einer 16 Personen starken Stammbesetzung von Kiel über Helgoland, die Kanaren, die Kapverden und die Azoren zurück nach Kiel.

Schülerin aus dem Kreis Gießen nimmt an besonderem Projekt teil: Wachdienste und Posten

Auf der »Thor Heyerdahl« haben die Schüler Wachdienste und zahlreiche weitere Arbeiten übernommen. Im Laufe der Zeit konnten sie sich in unterschiedlichen Bereichen ausprobieren und für Posten bewerben, die sie übernehmen wollen. Melanie navigierte das Schiff als Steuerfrau ohne GPS. »Man lernt, Verantwortung zu übernehmen und mit Kritik umzugehen«, sagt sie. Das sei in dieser Form eine neue Erfahrung gewesen. »In der Schule hat man gar nicht so viele Sachen, die man falsch machen kann.«

Zusätzlich hatten die Schüler auch normalen Unterricht - und zwar nach dem bayrischen Lernplan. Nicht alle hessische Schulen hätten ihren Schülern die Teilnahme ermöglicht, sagt Melanie. Die August-Hermann-Francke-Schule in Gießen legte ihr jedoch keine Steine in den Weg.

Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, hat Melanie nicht - im Gegenteil. »Die Lehrer waren alle so fasziniert von ihrem Fach, dass es total Spaß gemacht hat«, sagt sie. Zudem sei das Lernen anschaulich und praxisnah gewesen. »Ich bin jetzt motivierter in der Schule, weil ich nicht mehr für Noten lerne, sondern weil es mich viel mehr interessiert - vor allem die Naturwissenschaften«, sagt sie.

Sextant statt GPS: An Bord hat Melanie Groer gelernt, das Schiff zu navigieren. 

Viele Highlights bei Segelreise: 16-Jährige aus Linden will Nautik studieren

Von der Vulkan-Wanderung auf Fogo (Kapverden), bei der die Schüler durch die Asche herunterrennen konnten, bis zu einem Ausflug mit einem Meeresbiologen - für Melanie hatte die Reise zahlreiche Highlights. Dennoch gibt es eine Erfahrung, bei der die 16-Jährige besonders ins Schwärmen kommt: den Aufenthalt auf São Jorge. In Kleingruppen durften die Schüler diesen selbst planen und gestalten. Aufsichtspersonen waren dabei, überließen den jungen Leuten jedoch das Kommando. »Wir sind viel getrampt«, erzählt Melanie. Das Ziel der Schüler: möglichst umsonst unterkommen.

Da Wildcampen auf den Azoren verboten ist, fragten die Schüler oft Bauern, ob sie auf deren Land campen dürfen. Einmal, nachdem sie stundenlang durch den Regen gelaufen waren und keiner mehr so richtig Lust hatte, trafen sie einen niederländischen Künstler, in dessen Atelier sie schlafen durften. »Der ist nach Hause gefahren und hat uns dort zwischen den ganzen Bildern schlafen lassen«, erzählt Melanie begeistert. Dieses Vertrauen zu erleben, sei etwas ganz besonderes gewesen.

Melanies Kindheitstraum, Pilotin zu werden, ist inzwischen dem Wunsch gewichen, zur See zu fahren - auch wegen der Umwelt. Dafür will die 16-Jährige später Nautik studieren - und zwar am liebsten mit zwei anderen Mitfahrern der »Thor Heyerdahl«, die den gleichen Plan haben.

Das Projekt: Klassenzimmer unter Segeln

»Klassenzimmer unter Segeln« (KUS) ist ein Projekt, das von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt wird. Sechs Monate lang lernen Zehntklässler an Bord der »Thor Heyerdahl«. Die Route führt normalerweise über den Atlantik bis in die Karibik und Mittelamerika. Mehr zu dem Projekt, den Kosten und Stipendiums-Möglichkeiten auf www.kus-projekt.de

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