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Jugendliche sprechen Texte für Senioren ein

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Linden(con). Das Coronavirus bedeutet für alle Menschen eine vollkommene Umwälzung des Alltags. Aber diejenigen, die zum Beispiel in Senioreneinrichtungen leben, trifft es massiv: Keine Besuche mehr, Routinen fallen weg, das Verlassen der Einrichtung ist nicht mehr möglich. Diesem Problem entgegenzuwirken, war das Ziel eines Projekts, das in der Gymnasialklasse 10f der Anne-Frank-Schule in den vergangenen Wochen Gestalt annahm.

Eigentlich fing es mit einer spontanen Idee an: Bei einem Telefonat mit Verwandten entstand bei Lehrerin Susanne Wissner der Gedanke, ein Vorleseprojekt für Senioren während der Zeit der coronabedingten Kontaktbeschränkungen zu starten. "Ein Großonkel und eine Großtante von mir sind im selben Altersheim und können sich nicht besuchen", berichtet die Lehrerin in einem Telefonat. "Und da wir gerade im Unterricht ›Der Vorleser‹ von Bernhard Schlink durchgenommen haben, haben sich da zwei Themen einfach verknüpft."

Die Umsetzung der Idee zu einem Vorleseprojekt gestaltete sich dann aber schwieriger als zuerst gedacht. Da derzeit kein regulärer Unterricht stattfindet, mussten die Schüler selbstständig eine ganze CD mit Texten besprechen. "Als ich das in der WhatsApp-Gruppe angesprochen habe, waren aber alle gleich dabei", erzählt Wissner. Zu größten Teilen übernahmen die 18 Schüler die Organisation selbst. Der heimische Buchbestand wurde studiert, das Internet durchforstet, Gedichte, Romanauszüge und Kurzgeschichten gesucht, verworfen, schließlich gefunden - oft auf Empfehlung von Eltern und Großeltern, die so auch einen wichtigen Beitrag leisteten. Das Resultat ist eine Zusammenstellung, die berührt. 15 Aufnahmen laden zum Erinnern, Träumen, Mitfiebern, Schmunzeln und Lachen ein. Jede Einzelne ist mit einer persönlichen Widmung der Vorleser versehen. In ihnen machen die Jugendlichen klar, wie sehr sie die älteren Menschen wertschätzen.

Unter den Aufnahmen finden sich unter anderem Märchen wie "Goldlöckchen und die drei Bären", Texte von Heinz Erhardt, Auszüge aus Romanen wie "Robinson Crusoe" sowie ein Gleichnis aus der Bibel.

Die Schüler gingen das Projekt mit Ehrgeiz an, berichtete Wissner. Sie haben ihre Aufnahmen selbst geschnitten und häufig sogar mehrmals aufgenommen, um ein möglichst gutes Ergebnis zu bekommen. "Es hat bei allen gut funktioniert - und das, obwohl die Jugendlichen gewissermaßen ins kalte Wasser geworfen wurden - denn im Unterricht konnten wir uns ja nicht darauf vorbereiten."

Es haben sich übrigens auch einige Eltern gemeldet. Sie würden sich gerne an dem Projekt beteiligen, sollten nicht genug Texte zusammenkommen.

Jetzt übergab Susanne Wissner zehn CDs an das Seniorenzentrum in Linden, wo die Texte nun angehört werden können. FOTO: CON

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