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Seit 2015 ist Ulrich Lenz (l.) Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Linden-Warabi.

"Japan ist uns in Teilen sehr ähnlich"

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Lindens ehemaliger Bürgermeister Ulrich Lenz engagiert sich seit Jahrzehnten für die deutsch-japanische Freundschaft. Gestern wurde er dafür von Japans Generalkonsulin geehrt. Ein Gespräch über den Reiz Fernost, den größten Fauxpas und die Veränderungen der vergangenen Jahre.

Ehrungszeremonien kennt Dr. Ulrich Lenz zur Genüge. Immerhin war er einst Bürgermeister in Linden. Dennoch war der gestrige Freitag für ihn ein ganz besonderer Tag. Bei einem Empfang in Frankfurt wurde ihm von der japanischen Generalkonsulin Setsuko Kawahara der Orden mit dem hübschen Namen "Kaiserlicher Orden der aufgehenden Sonne am Halsband, goldene Strahlen" verliehen. Jene Auszeichnung erhalten Ausländer, die sich um das Ansehen Japans verdient gemacht haben. Und das ist für Lenz ein besonderes Anliegen, seit 2015 ist er Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Linden-Warabi (DJG). Die Städtepartnerschaft zwischen dem Ort im Gießener Land und der 74 000-Einwohner-Stadt unweit Tokios besteht seit 15 Jahren und wird von beiden Seiten intensiv gelebt.

Herr Lenz, mal abgesehen von Sushi, Kirschblüten und Kimono: Was macht den Reiz Japans aus?

Ulrich Lenz:Japan ist zwar weit entfernt, sicherlich auch ganz anders als Deutschland - aber doch in Teilen sehr ähnlich. Die Japaner werden nicht umsonst scherzhaft auch als die Preußen Asiens bezeichnet. Es ist immer wieder interessant, Unterschiede festzustellen und in die uns zunächst fremde Kultur einzutauchen. Das fängt beim Essen an und geht über die Umgangsformen bis hin zum Leben im Alltag. Egal ob Teezeremonie oder die Kampfsportarten Judo oder Kendo: Die japanische Kultur ist sehr reichhaltig und durchaus faszinierend.

Den Japanern wird nachgesagt, dass sie sehr diszipliniert und höflich seien. Hand aufs Herz, stimmt das wirklich?

Lenz:Ja, Japaner sind in der Tat diszipliniert und höflich - und wenn man sie kennt vor allem sehr herzlich!

Wie klappt den die Verständigung? Immmerhin ist Japanisch nicht gerade eine einfache Sprache.

Lenz:Mein Japanisch beschränkt sich auf Redewendungen. Ich kann Menschen begrüßen und mich verabschieden, Danke und Bitte sagen und vor allem auch guten Appetit wünschen! Wenn kein Dolmetscher vor Ort ist und man mit Englisch nicht weiterkommt, verständigen wir uns mit Händen, Füßen und Gebärdensprache. Das ist nicht immer einfach, aber es funktioniert. Wir verstehen uns!

In Warabi sind die Lindener Austausch-Teilnehmer bei einheimischen Familien untergebracht. Es heißt, Japaner öffnen ihr Haus nur zögerlich für Fremde und es gibt zahlreiche Fallstricke zu beachten. Über welche Fauxpax lachen Sie noch heute?

Lenz:Unsere Partnerschaft ist ziemlich einmalig in Deutschland. Wir praktizieren "Home-Stay", sowohl beim Austausch der Jugendlichen als auch der Erwachsenen. Nur so lernt man ein Land und die Menschen kennen. Das schlimmste Vorkommnis war in der Tat ein Klassiker: Ein Lindener strapazierte mit Straßenschuhen die Tatamimatte, auf der er schlafen sollte. Er wurde höflich belehrt!

Sie waren 1981 das erste Mal in Japan und kennen das Land nun schon seit mehr als 30 Jahren. Was hat sich verändert?

Lenz:Die gesellschaftlichen Veränderungen in Japan waren vor allem in den letzten Jahren rasant. Als ich 2013 nach langer Pause nach Japan gereist bin, ist mir besonders ins Auge gestochen, dass der einst eher abgeschlossene Inselstaat sich gegenüber anderen Ländern und Gesellschaften geöffnet hat. Insgesamt hat der westliche Einfluss viele Traditionen verdrängt. Ein konkretes Beispiel: Zum Anfang des Austausches haben wir bei unseren Gastgebern immer auf dem Boden geschlafen. Inzwischen schlafen wir dort meistens in normalen Betten.

Wirtschaftlich gesehen spielt China für Deutschland inzwischen eine viel größere Rolle als Japan. Warum ist ein Austausch mit Japan weiter sinnvoll?

Lenz:Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Japan und Deutschland hat nach Abschluss des Freihandelsabkommens neuen Auftrieb erfahren, auch wenn China ein größerer Handelspartner für beide Länder ist. Es gibt eben Wirtschaftsbereiche, bei denen die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Japan prächtig funktioniert. Ich denke an die Autoindustrie oder die Informationstechnologie. Aber man sollte Austausch nicht nur an wirtschaftlichen Daten festmachen. Japan und Deutschland verbindet seit über 150 Jahren ein Freundschaftsvertrag - dieser Vertrag wird durch Partnerschaften und gegenseitige Besuche wie unsere mit Leben gefüllt.

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