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Peter Steinberg

"Ich will nicht mehr lieb sein"

Gegen alle Widerstände: Wie es ein Lindener nach gewaltsamer Kindheit zum Akademiker schaffte

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33 Jahre lang hat Peter Ferdinand Steinberg in Linden eine Zahnarztpraxis geführt. Dass er Akademiker wurde, gleicht allerdings einem Wunder. 

Peter Ferdinand Steinberg ist vier Jahre alt, als seine Mutter um sein Leben betteln muss. "Er ist doch noch so klein", fleht sie. "Bitte tu das nicht." Sein Vater steht im Schlafzimmer, mit einer Pistole in der Hand. "Kommt", sagt er. "Lass uns nach unten gehen und die Sache beenden."

Peter Steinberg

Der Vater lenkt am Ende ein und lässt von der Waffe ab. Doch Gewalt und Angst sind in Steinbergs Kindheit Alltag. Er wächst in den 50er Jahren in armen Verhältnissen auf einem Bauernhof im Vogelsberg auf, sein Großvater prügelt regelmäßig auf ihn ein. Dass er einmal studieren und 33 Jahre lang als Zahnarzt in Linden arbeiten würde - daran war nicht zu denken. Zu verdanken hat er diesen Lebensweg seiner Durchsetzungskraft, glücklichen Begegnungen. Und einem Moment tiefer Einsamkeit.

Steinberg ist heute 71 Jahre alt und in Pension. Und Buchautor. Auf 223 Seiten erzählt er in seinem kürzlich veröffentlichten Werk "Ich will nicht mehr lieb sein!" aus seinem Leben. Ursprünglich hat er das Buch für seine beiden Söhne und seine Enkelkinder geschrieben. Doch seine Biografie und wie er es schaffte, selbstbestimmt seinen Weg zu gehen, ist auch für Außenstehende durchaus lesenswert.

Früh setzt er sich zur Wehr

"In ersten Versionen war das Buch doppelt so dick", sagt Steinberg, während er in seinem Wohnzimmer in Großen-Linden sitzt. "Ich habe viele philosophische Gedanken herausgestrichen." Übrig bleibt vor allem ein Ratschlag und die Ermutigung, als Jugendlicher den eigenen Weg zu suchen. "Was Erziehung angeht, können Eltern gar nicht so viel tun", sagt der Vater zweier Söhne. "Außer zu versuchen, das Kind behütend zu begleiten, ihnen die Regeln des Miteinanders zu vermitteln und herauszufinden, welche Anlagen es hat."

Steinberg erzählt in den ersten Kapiteln seines Buchs, wie seine Mutter den Vater verließ und mit dem Sohn zurück zu den Großeltern zog. Den Opa beschreibt Steinberg als Tyrann, der den Jungen mit Stöcken verprügelte. Unter den Schlägen schrie das Kind so laut, dass Nachbarn ihn darauf hämisch ansprachen: Da sei ja der, der immer sage: "Ich will wieder lieb sein." Früh allerdings setzte sich Steinberg zur Wehr. Mit Kreide schrieb er einmal drei Worte an die Holztäfelung des Schlafzimmers seiner Großeltern: "Herz ohne Gnade".

Beatles, Kreidler und Mädchen

Mehr als ein Dutzend Mal zog die Mutter mit dem Jungen im Raum Nordhessen um, zwischenzeitlich kam dieser bei Pflegeeltern unter. Immer wieder geriet er in Schlägereien. Mit 16 Jahren brach er eine Lehre zum Elektroinstallateur ab. Im Rückblick war dies der Wendepunkt in seinem Leben. Denn das Jugendamt vermittelte ihm eine Ausbildung auf einem Bauernhof im nordhessischen Ottlar. Steinberg arbeitete von morgens halb sechs bis in den späten Abend, fütterte Kühe, melkte und entmistete. "Es war etwas Sinnvolles, es war abwechslungsreich und anstrengend zugleich", schreibt Steinberg. Abends saß er allein auf seinem Zimmer. "Ich war nichts, ich hatte nichts, und ich bedeutete nichts." Er verspürte tiefe Einsamkeit - und gleichzeitig eine wesentliche Veränderung. "Jetzt war ich zwar ganz alleine, ich war erst 16 geworden, aber von nun an wollte und konnte ich mein Leben selbst bestimmen, konnte entscheiden, ob ich diesen oder jenen Weg einschlagen soll."

Ab diesem Zeitpunkt erinnert seine Lebensgeschichte plötzlich an viele andere aus dieser Zeit. Er tanzt zur Musik der Beatles, fährt eine Kreidler, trifft sich mit Mädchen. Freunde sind es schließlich, die ihn dazu bewegen, eine Aufnahmeprüfung beim Hessenkolleg in Wetzlar zu absolvieren, um das Abitur nachzuholen. Dies tut er mit Erfolg, zunächst ohne Ambitionen. Doch später tritt er gar - wiederum wie einige seiner Freunde - ein Studium der Zahnmedizin in Gießen an. Er wird außerdem Vater und heiratet. "Konnte ich das schaffen, obwohl mein bisheriges Leben dafür nun wirklich keine Voraussetzungen mit sich gebracht hatte?", fragt er sich in dieser Zeit.

"Es gab nur die Zukunft"

Am Ende schimmert durch, dass ausgerechnet die überwundene harte Kindheit ihm in seiner Karriere hilfreich war. Er blieb auf seinem Lebensweg niemals stehen, um beispielsweise Erfolge zu genießen. ""Es gab keine innere Ruhe, keine Zufriedenheit", schreibt er. "Es gab nur die Zukunft."

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