An dieser Stelle, mit einem herrlichen Blick auf Dünsberg, Gleiberg und Vetzberg spielt sich eine Schlüsselszene in Dieter Petersens neuem Roman ab. 
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An dieser Stelle, mit einem herrlichen Blick auf Dünsberg, Gleiberg und Vetzberg spielt sich eine Schlüsselszene in Dieter Petersens neuem Roman ab. 

Hobbyschriftsteller mit neuem Roman

"Ich küsse deine Tränen weg": Hemmungsloser Kitsch in Petersens neuem Roman

  • vonStefan Schaal
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Dieter Petersen hat jahrelang Gabelstapler in ganz Deutschland verkauft und später als Nachtwächter im Frankfurter Bankenviertel gearbeitet. Als Hobbyschriftsteller verknüpft der Lindener Lokalkolorit mit hemmungslosem Kitsch. Der Titel seines neuen Romans: "Ich küsse deine Tränen weg".

Was für ein herrlicher weiter Blick auf das Gießener Land, auf Dünsberg, Gleiberg, Vetzberg. "Wenn ich da oben bin, kann ich träumen, grübeln, nachdenken", sagt Dieter Petersen. "Das ist mein Wallfahrtsort." Hier, auf dem Müllberg in Gießen-Allendorf, spielt eine Schlüsselszene in einem soeben veröffentlichen Roman des Hobbyschriftstellers. Die Hauptfigur, ein in Heuchelheim lebender Notarzt, liest hier während eines Picknicks einen Brief. "Ich habe mich in dich verliebt", heißt es darin. "Aber ich bin nicht von dieser Welt."

Wer bei Kitsch die Nase rümpft, wird nach den 267 Seiten keine gerade Nase mehr haben. Bereits der Titel deutet auf hemmungslosen Herzschmerz hin: "Ich küsse deine Tränen weg". Der Notarzt Dr. Martin Weisenfeld verliebt sich bei einem Autounfall in das gerade aus dem Wrack befreite Opfer, das allerdings wenige Minuten später an den Verletzungen stirbt. Doch die tote, bildschöne Frau hat eine Zwillingsschwester - Dr. Weisenfeld kommt also doch noch zum Zug. Als er und die Zwillingsschwester im Bett landen, schreibt Petersen: "Eine emotionale Granate platzt in beiden Menschen gleichzeitig. Die Splitter der Gefühle, der Gedanken, der Nebel der Situation, alles ist weit ab der Realität." Der Holzrahmen des Betts ächzt. "Die Welt hat angehalten und steht mit eingeschalteter Warnblinkanlage mitten auf der Kreuzung des Lebens." Puh.

"Ich küsse deine Tränen weg": Hobbyschriftsteller träumt von Reise nach Asien

Dr. Weisenfeld begegnet außerdem einem Engel. "Die gibt es", ist Petersen überzeugt. Einmal saß der Lindener auf einem Ausflugsdampfer an der Flensburger Förde. "Mir saß ein fürchterlich hässlicher Mann gegenüber", erzählt er, "mit einer riesigen dunkelroten Nase." Dieser habe ihn pausenlos mit einem stechenden Blick angeschaut. "Wir sind nicht voneinander losgekommen." Als sie aus dem Schiff gestiegen seien, habe sich der Mann immer wieder umgedreht und ihm nachgeschaut. Petersen ist sich sicher: "Das war mein verstorbener Vater. Er hat sich in den Körper des Mannes hineingebeamt. Auch wenn ich es nicht beweisen kann."

Dieter Petersen

Petersen sitzt in seinem Büro in Großen-Linden. Auf dem Schreibtisch plätschert ein kleiner Brunnen. Oben an der Wand hängt ein riesiges Foto der Skyline von Hongkong. Irgendwann wolle er nach Asien reisen, sagt der Hobbyschriftsteller. Der 66-Jährige hat beruflich ein Leben voller Umbrüche hinter sich. Beim Kamerahersteller Minox hat er eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert. Viele Jahre hat er für ein schwedisches Unternehmen im Außendienst Gabelstapler verkauft. "Ich war jeden Tag bis zu 400 Kilometer unterwegs, ich habe auf der Autobahn gelebt." Er ist Lkw gefahren, drei Monate hat er einmal jede Nacht Post nach Erfurt transportiert.

Außerdem war er als Nachtwächter im Frankfurter Bankenviertel tätig. "In einer Silvesternacht um drei Uhr morgens", erzählt er, "habe ich einmal auf einer Großbaustelle Fußspuren im Schnee entdeckt. Da haben Sie als Sicherheitsmann ein Problem." Er habe sich sofort in einem Container eingeschlossen und die Polizei gerufen. "Die Beamten haben niemanden gefunden. Die Spuren sollen nicht von Menschen, sondern von großen Tieren gestammt haben."

"Ich küsse deine Tränen weg": Interessante und kuriose Anekdoten

Petersen hat so einige interessante und kuriose Anekdoten zu erzählen. Interessante Geschichten oder Szenen enthält sein Buch "Ich küsse deine Tränen weg" indes eher weniger. Der von lokalem Kolorit geprägte Roman, der sich in Gießen und Heuchelheim abspielt, ist gut recherchiert. Petersen legt zum Beispiel die Abläufe und das Handeln der Einsatzkräfte nach Autounfällen, die in dem Buch zentrale Rollen spielen, authentisch dar.

Doch häufig greift er auf eine Sprache zurück, die nicht literarisch ist. Der von Gefühlen übermannte Notarzt Dr. Weisenfeld merkt einmal beim Autofahren, "dass er gehirntechnisch gar nicht wirklich am Steuer sitzt." Und im Kitsch stecken immer wieder störende Floskeln. "Die Welt steht für einen Augenblick still, und der Himmelsbus fährt gerade Wolke sieben an."

Seit knapp zehn Jahren schreibt Petersen Bücher, überwiegend Krimis. "Ich küsse deine Tränen weg" ist sein siebtes Werk. "Ich habe beim Lesen bekannter Krimis gemerkt, dass ich sie sterbenslangweilig finde. Ich habe mir gesagt: Dann musst du es selbst machen." Sein erstes Buch, "Insellösung", hat er 2012 über einen Verlag veröffentlicht. "Ich musste 800 Euro hinblättern, da war das Buch noch gar nicht gedruckt. Ich bin böse abgezockt worden." Inzwischen veröffentliche er seine Werke als E-Books über Amazon. Wahrgenomen werde man auf diesem Weg als Autor aber nicht. "Klar, wenn dort jeden Tag Tausende neue Krimis erscheinen."

"Ich küsse deine Tränen weg": Als Freiwilliger Polizeihelfer tätig

Petersen erzählt gerne und wortreich. "Wenn Sie sich im Ruhestand hinsetzen und den Erdbeeren beim Rotwerden zuschauen, sterben Sie sieben Jahre vorher als wenn Sie Bücher schreiben, fotografieren, reisen und spazieren", sagt er. Petersen ist bis zu sechs Mal im Monat als Freiwilliger Polizeihelfer in Linden und Heuchelheim tätig. Für den Verein Ehrenamt Gießen gibt Petersen Senioren Vorträge zum Schutz vor Enkeltrick-Betrügereien. Regelmäßig schiebt er in einer Kirche in Großen-Linden Wache.

Und er hat ein Fernstudium zum psychologischen Berater abgeschlossen. "Ich helfe Menschen, die in großen Lebenskrisen stecken, die fertig mit der Welt sind." Er biete eine mobile Praxis an, nehme 40 Euro die Stunde. "Ich bin mit Leuten, die mich kontaktiert haben, zum Beispiel zum Gespräch um das Licher Waldschwimmbad und an der Grillhütte in Leihgestern gelaufen." Petersen hat dann einen Block um den Hals hängen, macht sich Notizen, hört zu und gibt Ratschläge.

Es ist kurzweilig, sich mit Petersen zu unterhalten. Der 66-Jährige kann erzählen. Und so sollte man irgendwann einen Blick in sein nächstes Buch wagen, an dem er bald schreiben wird und dessen Titel bereits feststeht. "Der letzte Schuss." Petersen erklärt, es gehe um einen Scharfschützen, der sich in sein Opfer verliebt. Der Lindener lacht. "Das kommt nicht so gut, wenn Sie abdrücken wollen."

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