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Von Linden nach Derby - Dorian Kröhl lebt heute mit seiner Familie in einer englischen Grafschaft. Von dort sind es mit dem Auto etwa zwei Stunden in die Metropole London. FOTO: PM

Zuhause in der Ferne

"Ich fühle mich als Europäer"

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"Eigentlich vermisse ich nur Freunde und Familie", sagt Dorian Kröhl - und vielleicht eine deutsche Bratwurst. Seit mehr als zehn Jahren lebt der gebürtige Lindener in der Nähe von London.

Schlechtes Wetter, ungenießbares Essen und unattraktive Frauen: Das waren die Vorurteile, mit denen der gebürtiger Lindener Dorian Kröhl 2005 nach Großbritannien reiste. Ein Jahr sollte er sich dort im Rahmen des Studiums auf seine Lehrtätigkeit vorbereiten. Eines der Vorurteile wurde dann sehr schnell entkräftigt. Kröhl lernte eine attraktive Britin kennen - heute ist er mit ihr verheiratet.

"Es war eigentlich klar, dass ich irgendwann auswandern würde", sagt der 37-Jährige. In den zwei Jahren nach seiner Heimkehr flog er mindestens einmal im Monat nach London. "Auch für meine Familie und Freunde war das dann keine Überraschung mehr", sagt er, "auch wenn sie darüber natürlich etwas traurig waren."

Zunächst lebte das Paar etwa ein Jahr in getrennten Wohnungen. "Wir wollten es ganz traditionell angehen", sagt Kröhl und lacht. "Weil die Wohnungen so teuer waren, haben wir dann zunächst gemeinsam in einer Art WG gelebt."

Kosmopolitisch speisen

Heute wohnen Dorian und seine Frau Sara (38) mit ihren Kindern Maia (4) und Noah (6) in einem kleinen Haus in Derbyshire, einer Grafschaft in den East Midlands von England. Etwa zwei Stunden nördlich von London.

"Die Kindheit meiner Kinder ist hier fast so wie die meine in Linden", sagt Kröhl. Die Landschaft in seiner neuen Heimat sei ähnlich ländlich. Zehn Minuten Autofahrt würden in alle Himmelsrichtungen fast nur über Wald und Wiesen führen. Zusätzliches Plus: "Fast die gesamte Familie meiner Frau lebt dort." Dass Dorian Kröhl sich recht schnell heimisch fühlte, ist also nicht überraschend.

"Eigentlich vermisse ich nur Familie und Freunde", sagt Kröhl, "alles andere habe ich mir hier ziemlich schnell angewöhnt." Selbst das Essen? Kröhl lacht: "Das ist auch ein Vorurteil, das ich heute nicht bestätigen kann." Ähnlich wie die Kebab-Kultur in Deutschland, sei in England das Curry stark verbreitet. "Das kommt durch den Commonwealth. Die vielen Nationen hier machen das Essen sehr kosmopolitisch. Verschiedene Currys sind hier quasi das Nationalgericht."

Deutschland und Großbritannien: Wer Dorian Kröhl zuhört, bekommt das Gefühl, dass sich Deutsche und Briten gar nicht so sehr voneinander unterscheiden.

Träumen und denken auf Deutsch

"So ist es auch", sagt Kröhl. Lebensansichten, Arbeitsstrukturen, Organisation - das alles sei auf der Insel nicht wesentlich anders, als in Deutschland. "In Spanien beispielsweise ist das nicht so", sagt Kröhl. Auch dort verbrachte er längere Zeit. Er hat spanische Wurzeln und Familie dort. "Spanien ist toll, aber leben möchte ich da nicht, beziehungsweise würde es mir dort viel schwerer fallen, mich heimisch zu fühlen", erklärt er.

Über zehn Jahre lang lebt der gebürtige Lindener bereits in Großbritannien. Ob er sich nach der Zeit wie ein echter Brite fühlt? "Nein", sagt er und lacht. Sein deutscher Wortschatz sei - obwohl er mit seinen Kindern nur Deutsch spreche - zwar etwas eingerostet, Träume und Gedankengänge würden aber auf deutsch erfolgen. "Ich bin noch immer deutsch", sagt er und fügt etwas nachdenklich noch hinzu: "Eigentlich fühle ich mich als Europäer."

Brexit macht keine Sorgen

Neben all dem Lob, das Kröhl für seine neue Heimat übrig hat, stört ihn eines ganz gewaltig: Die "isolare Denkweise", wie er es ausdrückt. "Die Briten sind oft unangebracht patriotisch", berichtet er. Selbst seine Frau sei schockiert über Gedankengut vieler ihrer Landsleute. "Dass sich die Briten so von der EU distanzieren wollen, manchmal denken, sie wären etwas besseres, das hat mich schon enttäuscht", sagt er.

Wegen des Brexit macht er sich dennoch keine Sorgen - trotz fehlender Staatsbürgerschaft. Rund 2000 Euro würde die aktuell kosten, einen Preis, den er nicht bereit ist zu zahlen: "Ich kann es mir leisten. Aber viele Familien, die das gleiche Recht hätten, nicht. Diese Exklusivität will ich nicht für ein Blatt Papier unterstützen."

Außerdem empfinde er die Spaltung zwischen arbeitender und gehobenerer Gesellschaft in Großbritannien viel extremer als in Deutschland. "Das zeigt sich auch bei vielen wohlhabenden Politikern, die scheinbar kein Gespür dafür haben, wie es dem Volk geht", sagt Kröhl. In London sei das noch schlimmer, wie etwa in Derby, wo es gemeinschaftlicher zugehe. "Geld und Status treten dort in den Hintergrund."

Land und Leute wie in der alten Heimat - das Gefühl, angekommen zu sein, verdankt er auch dem guten Zusammenhalt in seiner neuen Gemeinde. "Es gibt keine Vorurteile gegenüber mir. Allgemein ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Briten super", erklärt Kröhl. Oft würde er für seine britischen Freunde und Kollegen deutsche Weihnachtsfeiern mit Glühwein und Lebkuchen oder Bierfeste im Garten feiern. "Alle sind dann immer sehr aufgeschlossen und stellen Fragen zu den Traditionen", erzählt er.

Viel Deutsches in England

Es gebe übrigens auch immer mehr deutsche Weihnachtsmärkte in der Nähe, sagt er. "Eine deutsche Wurst in Birmingham essen, über diese deutschen Elemente freue ich mich sehr. Sie erinnern mich an die Heimat."

Es bleibt ein letztes Vorurteil - kann Kröhl auch das entkräftigen? Drei bis vier Mal im Jahr reist die Familie nach Deutschland, die Wetterverhältnisse dabei seien meist gleich. "Wir gehen bei Sonnenschein und kommen in Frankfurt bei Regen an", sagt Kröhl und lacht. Er lebe heute also völlig frei von Vorurteilen in seiner neuen Heimat. "Das ist doch ein Zeichen", sagt er, "es zeigt, dass wir als Menschen viel mehr auf unsere Gemeinsamkeiten als auf die Unterschiede achten sollten."

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