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Seit fünf Jahren ist Klarna in Linden ansässig, anfangs mit 50 Mitarbeitern. Die Zahl der Beschäftigten hat sich inzwischen verdoppelt, im kommenden Jahr zieht das Unternehmen daher nach Gießen. (Foto: vrk)

Klarna weg

Zu groß für Linden: Klarna und Computech ziehen weg - Mit Folgen

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Zwei Big Player verlassen Linden. Die Firmen Klarna und Computech wandern in Richtung Gießen ab. Linden verliert deshalb Einnahmen in Millionenhöhe. Gegen den Bürgermeister werden Vorwürfe laut.

Steil nach oben sind die jährlichen Einnahmen Lindens aus der Gewerbesteuer zuletzt angestiegen – von 2,7 auf 13,4 Millionen Euro innerhalb von sechs Jahren. Nun dürfte es in dieser Erfolgskurve eine Delle geben. Mit Klarna und Computech wandern zwei Schwergewichte aus der Stadt ab. Beide ziehen nach Gießen und werden in prestigeträchtigen Gebäuden ansässig: in der Alten Post und in der ehemaligen Filiale der Bundesbank. Beiden Unternehmen ist es in Linden zu eng geworden.

Unser Plan A war: Wir bleiben hier in Linden

Frank Dutenhöfer, Klarna

Ihre Entscheidungen, Linden zu verlassen, sind Hiobsbotschaften für Bürgermeister Jörg König. "Es tut im Herzen weh", sagt er. Firmen mit enormem Entwicklungspotenzial kehrten der Stadt den Rücken. "Aber für die wachsenden Unternehmen fällt der zusätzlich benötigte Platz leider nicht vom Himmel."

Millionenbetrag geht verloren

Gegen Bürgermeister König werden Vorwürfe laut – aus den Reihen der politischen Gegner und aus dem Umfeld der zwei umziehenden Unternehmen: Die Stadt habe sich nicht ausreichend um zusätzlichen Platz für Büroflächen gekümmert, man hätte sich von Seiten der Unternehmen mehr Entgegenkommen und Kommunikation gewünscht. Auf die Vorwürfe angesprochen antwortet König: "Die Unternehmen sind auch nicht auf mich zugegangen." Im Fall von Klarna habe sich lediglich der Vermieter an ihn gewandt. König versichert, mit dem Vermieter stehe er nun in Kontakt, um frühzeitig zu wissen, wer als Nachfolger Klarnas in die Büroräume auf 2000 Quadratmetern Fläche auf vier Etagen einziehen will.

Linden verliert durch die beiden Umzüge zwei aufstrebende und moderne Unternehmen, ansässige Arbeitskräfte – und viel Geld. Klarna hat, wie der Niederlassungsleiter bestätigt, im vergangenen Jahr einen Millionenbetrag an Gewerbesteuer in die Kasse Lindens gespült. In Gießen liegt der Hebesatz für die Gewerbesteuer mit 420 übrigens deutlich höher als in Linden mit 380.

Computech platzte aus allen Nähten

Auch Computech war für die Stadt ein bedeutender Gewerbesteuerzahler. Seit Anfang April aber hat das Unternehmen – nach 22 Jahren in Linden – seinen Sitz in Gießen. "Wir platzen aus allen Nähten", begründet Geschäftsführer Manfred Ulmer den Umzug. Im früheren Gebäude der Bundesbank sind 40 Beschäftigte tätig. "Wir wollen die Zahl weiter erhöhen", sagt Ulmer. In den neuen Räumen gibt es Platz für rund 65 Mitarbeiter.´Eine Sanierung der 1100 Quadratmeter großen Bürofläche des bisherigen Firmensitzes in der Kurt-Schumacher-Straße wäre nötig gewesen. "Das hätte Staub und Krach während der laufenden Geschäftsbetriebs bedeutet", hält Vermieter Ralf Paul fest. Computech bietet Netzwerktechnologie, IT-Sicherheit, Servermanagement und Software an.

In Gießen beziehen die beiden Firmen nun hoch repräsentative Gebäude, die auch die Bekanntheit der Unternehmen in der Region steigern dürften. "Auf Messen mussten wir bisher immer erklären, warum wir in Linden ansässig sind", sagt Klarna-Niederlassungsleiter Frank Dutenhöfer.

Idee eines Anbaus verworfen

Bereits Ende 2017 wurde es Klarna, einem international tätigen Zahlungsanbieter im Bereich E-Commerce, in der Konrad-Adenauer-Straße zu eng. Für die inzwischen 103 Mitarbeiter wurde damals zusätzlich im Gebäude nebenan eine halbe Etage angemietet. Aus einem Besprechungsraum wurden außerdem Büros. Doch dies waren nur kurzfristige Behelfsmaßnahmen. In der Alten Post in Gießen kann das Unternehmen nun ab Juni kommenden Jahres mehr als 300 Menschen beschäftigen. "Auch eine spätere Vergrößerung ist möglich", sagt der Niederlassungsleiter.

Der Umzug sei "keine Entscheidung gegen Linden", betont Dutenhöfer. "Unser Plan A war: Wir bleiben hier." Eine Idee, auf dem Grundstück des Großparkplatzes am Rathaus anzubauen, wurde allerdings wieder verworfen. Allein der politische Weg mit Aufstellungsbeschluss und weiteren Verwaltungsschritten hätte ein Jahr gedauert, schätzt Bürgermeister König. "Und dann wäre noch nichts gebaut gewesen."#

Mitarbeiterzahl verdoppelt

Vor dem Hintergrund, dass Klarnas Mietvertrag in Linden im Juni 2020 ausläuft, griff Plan B: der Umzug nach Gießen. "Ein Mitarbeiter hat die Alte Post vorgeschlagen." Man habe daher bereits den damaligen Besitzer des historischen Gebäudes in Gießen nach Möglichkeiten gefragt, dort einzuziehen – ohne Erfolg. Nach dem Kauf der Alten Post durch Kai Laumann im September vergangenen Jahres habe man aber die Anfrage erneuert – und nun für einen Mietvertrag über zehn Jahre den Zuschlag erhalten.

Klarna war vor fünf Jahren aus Wetzlar nach Linden gezogen, damals mit rund 50 Beschäftigten. Dutenhöfer erklärt: In der Stadt und im Kreis Gießen gebe es eine geringe Auswahl an Bürogebäuden für Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern. Die Beschäftigten sind zum überwiegenden Teil aus dem Raum Gießen, Wetzlar und Marburg. Dutenhöfer betont: "Dass wir in der Region bleiben, stand von Anfang an fest."

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