Ein grausamer Mensch

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Linden(con). Am 1. April 1945 ergreifen ehemalige Kriegsgefangene in Langgöns einen Mann, binden ihn an ein Auto und schleifen ihn so lange durch die Straßen des Ortes, bis er tot ist. Heinrich Engel, NSDAP-Mitglied und Meister der Gendarmerie mit Sitz in Großen-Linden, hatte es sich selbst verschuldet. So berichtet Werner Reusch in seinem Buch "Flugplatz Kirch Göns - Ayers Kaserne". Das Buch stand nun auf dem Programm des Treffens des Heimatkundlichen Arbeitskreises Großen-Linden. Dabei berichtete Helmut Faber vor allem aus den Abschnitten, die auch Großen-Linden betreffen.

Am 6. März 1901 in Lohra geboren wurde Heinrich Engel 44 Jahre und 26 Tage alt. Auch wenn man in Langgöns wohl gerne von Heinrich Engel aus Großen-Linden berichtet, so war er kein Großen-Lindener, sondern nur hierher versetzt, sagte Faber. Gerade seine letzten Lebensjahre sind von furchtbaren Taten geprägt: Als Polizist sorgte nach vielen Berichten alleine sein Name für Angst und Schrecken in den umliegenden Orten, berichtet Reusch nach Augenzeugenberichten in seinem Buch. "Halt besser deinen Mund, sonst kommst du nach Dachau", bekam damals manch ein Andersdenkender zu hören. Engel verfasste Meldungen über seine Mitmenschen, etwa über kritische Äußerungen über die NSDAP, Schwarzschlachtungen oder die seiner Meinung nach zu humane Behandlung von Zwangsarbeitern. Gerade letztere erfuhren auch nicht selten Prügel durch den Polizisten:

Hatte ein Zwangsarbeiter nicht nach den Vorstellungen gearbeitet, wurde Engel gerufen. Er war bekannt dafür, Männer und Frauen brutal zu schlagen - nicht selten brachte er sie dafür in einen geschlossenen Raum, damit sie nicht fliehen konnten.

Von einem besonders furchtbaren Vorfall berichtet Gerhard Weiß aus Linden in Reuschs Buch: Weiß’ Großvater, Förster Georg Seipp, lebte im Forsthaus und hatte hier die Aufsicht über mehrere polnische Zwangsarbeiter. Eines Tages kam Engel dorthin, um aus seiner Sicht "für Ordnung im Wald zu sorgen". Einer der Zwangsarbeiter hatte das Holz nicht vorschriftsgemäß gestapelt und wurde deshalb von Engel vor aller Augen erschossen. "Ich sehe meinen Opa Seipp heute noch im Wohnzimmer vom Försterhaus mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck sitzen, wie er über die Erschießung des Polen durch Engel erzählt", sagt Weiß.

Jedoch standen auch erfreulichere Geschichten auf der Tagesordung des Treffens am Mittwoch: Das Stadtrecht in Linden ist wohl deutlich älter als man denkt. 2005 feierte die Stadt Linden ihre 400 Jahre Stadtrechte - so ganz gestimmt hat das wohl nicht: "Ich sollte damals eine Rede zu dem Thema halten und ich wusste schon damals, dass das nicht stimmt", meinte der Vorsitzende des Arbeitskreis Faber während des Treffens.

Stadtrechte älter als gedacht

Dass das wohl so zutrifft, merkt man auch an weiteren Funden: Bereits vor zwei Jahren fand Faber einen Beleg, dass Linden bereits im Jahr 1542 über die Stadtrechte verfügte. In den letzten Monaten hat Faber aber noch weitere Funde gemacht, die das Ganze noch einmal gut 100 Jahre früher ansetzen. "Anhand eines Rüstungsregisters des Landgrafen Heinrich des III. über Heerzüge in den Jahren 1474 und 1476 haben wir Linden gefunden", berichtete Faber. "Aufgelistet sind die Forderungen des Landgrafen an die Städte und Dörfer in seinem Gebiet". Dabei stehen unter den Städten und ihren Abgaben Namen wie Marburg, Gießen, Ulrichstein, Alsfeld - aber auch Großen-Linden. "Es gab also bereits 1474 Stadtrechte Linden."

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