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Im Ausweis von Bernhard Theisebach prangt ein großes J für Jude. Kurzzeitig war er im KZ Buchenwald, konnte dann aber mit seiner Familie in die USA fliehen. FOTO: ARBEITSKREIS

Flucht vor den Nazis

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Linden(con). Normalerweise stehen bei den monatlichen Treffen des Heimatkundlichen Arbeitskreises Großen-Linden Geschehnisse im Mittelpunkt, die Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte zurückliegen. Diesmal lag der Fokus auf einem aktuellen Anlass: Die im Gedenken an die ermordeten jüdischen Mitbürger im vergangenen November verlegten Stolpersteine (die Gießener Allgemeine Zeitung berichtete). Darüber fertigten Mitglieder des Arbeitskreises einen Film an, der nun vorgestellt wurde.

Im Nachgang der Stolpersteinverlegung konnte Helmut Faber Kontakt mit einigen der Nachfahren aufnehmen und die weitere Familiengeschichte ermitteln. Für Klara Marx wurde bereits 2008 ein Stolperstein in Linden gesetzt. Einer ihrer Nachfahren, ihr Enkel Georg Marx, wurde von seiner nichtjüdischen Mutter, der Allgemeinmedizinerin Else Marx, 1937 nach Brasilien geschickt. So konnte er den Nazis entgehen. In Brasilien heiratete er, bekam vier Kinder und lebte in Sao Paulo, berichtete Faber.

In der Bahnhofstraße 2 lebte die Familie Bernhard und Henrietta Theisebach mit ihren Töchtern Hildegard und Beate sowie der Schwester von Henrietta, Lina Simon. Am 24. März 1939 floh die Familie Theisebach nach Amerika, Lina Simon sollte nachkommen. Dies gelang nicht mehr. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und ermordet.

24 Stunden in Keller eingesperrt

Beate Israel (geb. Theisebach) lebt heute noch in Hartford/Connecticut und wurde 2018 als "Frau der Tapferkeit" geehrt. Die Theisebachs, deren Familienangehörigen in den USA lebten, waren gerade dabei, sich Papiere für die Ausreise zu beschaffen, als in der sogenannten Reichskristallnacht organisierte Übergriffe auf Juden und jüdische Geschäfte erfolgten.

Diese Nacht veränderte Beate Theisebachs Leben: Gemeinsam mit anderen Juden aus dem heutigen Linden wurden sie für 24 Stunden in einen Keller in der Bahnhofstraße gesperrt, ohne Essen, Wasser oder Badezimmer. Ihr Vater Bernhard wurde nach Buchenwald geschickt.

Als sie wieder nach Hause zurückkehren durften, fanden sie und ihre Familie ihr Zuhause geplündert und verwüstet vor. Noch heute ist das Bild eines Porträts ihrer Großeltern in ihrem Gedächtnis lebendig: "Sie haben das Glas zerschmettert und ihre Augen ausgestochen. Wir waren am Boden zerstört", berichtete sie zu einem früheren Zeitpunkt.

Einige Monate später kehrte ihr Vater aus Buchenwald zurück, und die Familie bestieg ein Schiff in die USA. In der Wäsche versteckte ihr Vater eine Thora, einen Schofar (ein aus einem Widderhorn gefertigtes Musikinstrument) und eine Ner Tamid (ein ewiges Licht, dass den Toraschrein beleuchtet). Hätte man diese Gegenstände bei einer Kontrolle gefunden, wäre die Familie wohl niemals in die USA gekommen.

1943 wurde Beate Theisebach US-Bürgerin und änderte ihren Namen in Beatrice. 1948 lernte sie ihren späteren Ehemann Kurt Israel kennen - ebenfalls ein Deutscher und Überlebender von Auschwitz. Gemeinsam hatte das Paar zwei Söhne, mittlerweile haben sich vier Enkelkinder und zwei Urenkelkinder der Familie angeschlossen.

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