Symbolfoto: dpa
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Wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei

Ex-Freundin aus Linden tagelang entführt: Täter saß plötzlich auf der Rückbank ihres Autos

  • vonStefan Schaal
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Ein 32 Jahre alter Mann hat seine Ex-Partnerin entführt und lieferte sich mit der Polizei eine Verfolgungsjagd bis nach Würzburg. Nun musste er sich vor Gericht verantworten.

Gefesselt, entführt und bedroht: Tagelang war eine 29 Jahre alte Lindenerin in der Gewalt ihres ehemaligen Lebenspartners, bis die Tortur nach einer wilden Verfolgungsjagd mit der Polizei endete. Nun ist der Entführer zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

Der Mann muss für sechs Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Angesichts der angeklagten Taten ist dies allerdings ein vergleichsweise mildes Urteil. Der 32-Jährige musste sich vor der Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts auch wegen mehrerer Vergewaltigungen verantworten, wurde in diesen Fällen aber freigesprochen. Er soll sich, so schilderte die Ex-Freundin, während der Entführung immer wieder an ihr vergangen haben. Der Angeklagte äußerte hingegen, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Die Kammer erklärte am Ende, eine Vergewaltigung sei dem Mann nicht zweifellos nachzuweisen.

Aufgrund einer seelischen Erkrankung des Opfers sei eine Falschbelastung nicht auszuschließen, hieß es zudem. Wegen Angst- und Panikzuständen - wohlgemerkt infolge der Entführung - musste sich die Frau, die vor Gericht als Nebenklägerin auftrat, in psychiatrische Behandlung begeben.

Gießen/Linden: Täter saß plötzlich auf der Rückbank

Die Lindenerin hatte sich im Februar 2018 von dem Angeklagten getrennt und ihn aus der gemeinsamen Wohnung hinausgeworfen. Er war gewalttätig, kurz nach der Trennung prügelte er einmal auf sie ein, zertrümmerte ihren Fernseher und schlug eine Scheibe ihres Autos ein. Sie zeigte ihn daraufhin an. Wenige Wochen später kam es schließlich zur Entführung.

An einem Morgen im März 2018 stieg die Frau in ihr Auto und machte sich auf den Weg zur Arbeit in Richtung Lich, als sich während der Fahrt hinten auf der Rückbank plötzlich ihr Ex-Freund bemerkbar machte. Er bedrohte sie und zwang sie, zu einem nahe gelegenen Waldstück zu fahren, dann fesselte er sie. Der 32-Jährige hatte die Tat geplant. In dem Waldstück stand ein gestohlener Mercedes Sprinter bereit.

Bis an die niederländische Küste entführte der Mann seine Ex-Partnerin. Zwischenzeitlich befreite er sie von den Fesseln, bisweilen saß sie auch am Steuer. So war es auch für die Strafkammer während des Gerichtsverfahrens schwierig zu bewerten, ob es sich in der gesamten Zeit um eine Entführung handelte.

Auf der Rückkehr eskalierte die Situation dann aber weiter. Der 32-Jährige erklärte, er werde nicht nach Linden fahren, scheinbar ziellos ging es auf der Autobahn weiter. In Unterfranken wurde allerdings die Polizei auf den gestohlenen Transporter aufmerksam, sie versuchte, den Wagen anzuhalten. "Dass in dem Wagen auch eine gefesselte Frau saß, haben die Beamten nicht geahnt", berichtet der Würzburger Polizeisprecher Michael Zimmer.

Der Entführer hielt nicht an, es kam zu einer wilden Verfolgungsjagd. Der Mann rammte auf der Autobahn bei einer Geschwindigkeit von 150 km/h mehrere Streifenwagen, immer wieder wich er aus oder schnitt Polizeifahrzeuge, es entstanden Schäden an den Fahrzeugen von rund 30 000 Euro.

Gießen/Linden: 15 000 Euro Schmerzensgeld

Bei Würzburg verließ er die Autobahn, kurz darauf gelang es der Polizei schließlich, das Auto zum Anhalten zu bringen. Auch die Lindenerin sei nach dem Anhalten des Transporters zunächst aus dem Wagen gestiegen und in Panik geflüchtet und weggerannt, berichtet ein Polizeisprecher. "Als sie dann die Beamten gesehen hat, ist sie aber stehen geblieben."

Der Täter wurde wegen gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, Raub, Freiheitsberaubung, räuberischer Erpressung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sowie Einbruchdiebstahl und Verkehrsdelikten verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre Haft für den Angeklagten gefordert. Auch eine Sicherungsverwahrung stand während des Prozesses im Raum. Weil er bisher noch nicht im Gefängnis saß, sah die Kammer davon allerdings ab.

Der Verteidiger hatte auf drei Jahre Gefängnis plädiert und vor allem die Aussagen des Opfers in Zweifel gezogen. Der Entführer muss der Lindenerin ein Schmerzensgeld in Höhe von 15 000 Euro zahlen.

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