Der Prozess findet am Landgericht Gießen statt.
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Der Prozess findet am Landgericht Gießen statt.

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Erst Spitzensport, dann Drogensucht - Prozess vor dem Landgericht Gießen

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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In Linden kontrolliert die Polizei im Januar einen 27-Jährigen, findet bei ihm Crystal Meth und eine Machete. Nun steht er wegen des Verdachts auf bewaffneten Drogenhandel vor Gericht.

Es ist die Geschichte eines gescheiterten Lebensentwurfs, die am Mittwoch vor der Strafkammer in Gießen aufgerollt wurde. Auf der Anklagebank: ein 27 Jahre alter Slowake. Die Anklage: bewaffneter Handel mit Betäubungsmitteln.

Noch vor zehn Jahren blickte T. einer hoffnungsvollen Zukunft entgegen. Er besuchte ein Sportgymnasium, wurde nach eigenen Angaben drei Mal slowakischer Meister im Sprint, stand im Nationalkader. Als 17-Jähriger habe er dann erstmals Kontakt mit Drogen gehabt, unter anderem Ecstasy und Crystal Meth ausprobiert. Da er jedoch seine Sportlerkarriere nicht gefährden wollte, habe er danach nichts mehr genommen.

Erst Spitzensport, dann Drogensucht: Bis zu ein Gramm Crystal Meth täglich

Nach dem Abitur zerschlugen sich die Träume für eine Karriere als Leichtathlet. T. schlug sich mit verschiedenen Jobs durch, war mal Taxifahrer, mal Postbote, kurzzeitig selbstständig. Nach rund vier Jahren ohne Drogenkontakt habe er angefangen, Crystal Meth zu nehmen. Die Dosis habe sich über die Jahre gesteigert, zuletzt habe er bis zu ein Gramm täglich geraucht. Richter Heiko Söhnel merkte an, dass die therapeutische Dosis bei 25 Milligramm liege.

Im Sommer 2019 entschieden der Angeklagte und seine Freundin, nach Deutschland zu gehen. »Es lässt sich nicht genug Geld in der Slowakei verdienen«, sagte er am Mittwoch. Zunächst arbeiteten beide in Franken im Lager eines Kaffeehändlers, seit Dezember für einen Autozulieferer in Herborn. Das Paar bezog eine Mietwohnung, T. fuhr seit Dezember einen slowakischen Mietwagen.

Am dritten Januarwochenende beschloss T., rund 700 Kilometer nach Humpolec in Tschechien zu fahren, um dort an einer Tankstelle seinen Stammdealer zu treffen. Seine Freundin nahm er mit.

Erst Spitzensport, dann Drogensucht: Freundin über Drogensucht verärgert

Die 21-Jährige sagte später aus, er habe ihr gesagt, sie würden einen Ausflug machen. Sie habe nicht hinterfragt, wohin es gehe, da sie sich nach einem Streit zwei Tage zuvor noch angeschwiegen hätten. Als ihr das Ziel des Ausflugs klar geworden sei, sei sie nicht begeistert gewesen. Der Drogenkonsum ihres Freundes sei schon lange ein Streitpunkt in der Beziehung. Mit 50 Gramm Crystal Meth im Gepäck ging es zurück nach Deutschland.

Am 22. Januar traf sich das Pärchen abends mit einem Bekannten. T. brauchte dessen Hilfe: In Tschechien habe er nur einen Teil der Drogen bezahlt, musste nun die Restsumme über einen Bezahldienst überweisen.

Danach habe man am Mühlberg in Linden einkaufen wollen. Auf dem Weg dorthin fiel der ausländische Wagen einer Polizeistreife auf. Der Beamte schilderte, bei der anschließenden Kontrolle sei ihm die Nervosität von T. sofort aufgefallen. Als er dann in der Beifahrertür ein aufgeklapptes Cutter-Messer gesehen habe, sei er alarmiert gewesen.

Die Polizei durchsuchte den Wagen, stieß im Kofferraum auf eine verrostete Machete. In einem in einem Rucksack versteckten Sockenbündel verbargen sich 45 Gramm Crystal Meth. In dem Wagen wurden zudem eine Brechstange, eine Feinwaage, eine Pfeife sowie rund 400 Euro gefunden. Die angeordnete Blutprobe ergab, dass T. bei der Fahrt unter Drogen stand.

T. sagte aus, die Machete nur dazu verwendet zu haben, bei seiner Oma im Garten Büsche zu schneiden. Dass diese noch im Kofferraum lag, habe er vergessen. Das Cutter-Messer habe er beruflich zum Auspacken von Paketen benutzt.

Bei der ersten Vernehmung hatte T. angegeben, die Drogen in Bratislava (Slowakei) abgeholt und nach Linden transportiert zu haben, wo er sie übergeben sollte. Vor Gericht erklärte er nun, diese in Tschechien zum Eigenkonsum gekauft zu haben.

Ein Drogenspezialist der Kriminalpolizei sagte, dass sich dies mit den Ermittlungen der Polizei decken würde: Die Auswertung der Handydaten habe ergeben, dass der Angeklagte in Tschechien war. Gegen die Version des Drogenkuriers spreche zudem, dass der Angeklagte kein Geld erhalten, sondern selbst überwiesen habe. Crystal Meth sei in Mittelhessen derzeit eher selten zu finden: »Zum Glück haben wir nur geringe Erfahrung damit.«

Erst Spitzensport, dann Drogensucht: Crystal Meth bei Wehrmacht und Bundeswehr beliebt

Gutachter Frank Paulmann attestierte, dass der Angeklagte voll schuldfähig sei. Crystal Meth wirke leistungssteigernd, nicht benebelnd. Zur Historie der Droge sagte er, dass sie bereits im Zweiten Weltkrieg als Aufputschmittel für deutsche Soldaten zum Einsatz kam. Später war sie als »Panzerschokolade« bei der Bundeswehr bekannt: Sie wurde Soldaten bei langen Übungen verabreicht, um sie leistungsfähig zu halten, erläuterte der Gutachter.

Als ein Problem für eine Drogentherapie sieht er die Sprachbarriere. T. habe nur rudimentärste Deutschkenntnisse. Dies stehe einer sinnvollen Therapie in Deutschland entgegen.

Der Prozess wird kommende Woche fortgesetzt.

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