Der E-Bike-Markt boomt: Laut einer aktuellen Umfrage hat inzwischen jeder Zehnte ein E-Fahrrad. (Symbolfoto)
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Der E-Bike-Markt boomt: Laut einer aktuellen Umfrage hat inzwischen jeder Zehnte ein E-Fahrrad. (Symbolfoto)

Pedelecs

E-Bike-Boom im Kreis Gießen: Wie steht es um die Umweltbilanz?

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Das Image des Rentner-Rads ist das E-Bike längst los, sagt Andreas Habermann von der »e-motion e-Bike Welt« in Linden. Doch wie sieht es mit der Umweltbilanz und den Unfallzahlen aus? Und worauf sollte man beim Kauf achten?

Der Markt boomt: Mit 1,95 Millionen Exemplaren wurden im vergangenen Jahr laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) 43,4 Prozent mehr Elektrofahrräder verkauft als im Jahr 2019 - und der Ansturm lässt nicht nach. »Der Sommer letztes Jahr war total verrückt«, sagt Katrin Sommer von der »e-motion e-Bike Welt« in Linden, die 2020 ein Umsatzplus von etwa 30 Prozent verzeichneten. Doch die hohe Nachfrage ist nicht nur eine Folge der Pandemie, sie zeigt einen Trend. Bereits in den fünf Jahren zuvor hatte sich die Zahl der Haushalte mit einem E-Bike fast verdreifacht. Und die Prognosen für die kommenden Jahre sind ebenfalls rosig. Das Image des E-Bikes als Rentner-Rad? Es scheint so gut wie passé.

Kreis Gießen: Große Nachfrage bei »e-motion e-Bike Welt« in Linden

»Die Vorurteile kamen vor allem daher, dass E-Bikes früher hässlich waren«, meint »e-bike Welt«-Geschäftsführer Andreas Habermann. Doch das habe sich inzwischen grundlegend geändert. Die Meinung, dass Fahrräder mit Antrieb nur etwas für Unsportliche sind, will er ebenfalls nicht gelten lassen. Man müsse den Antrieb ja nicht nutzen - und wenn doch: »Statt auf 20 Kilometer kommen Sie dann vielleicht auf 50 Kilometer«, sagt Habermann. »Der Radius ist größer und man sieht mehr, aber am Ende hat man dann den gleichen Trainingseffekt.«

Auch für Paare mit unterschiedlichem Fitnesslevel oder für Menschen, die sich sonst nicht gerne auf den Sattel geschwungen haben, kann das E-Bike eine Option sein, die im besten Fall gleich zwei positive Effekte mit sich bringt: Bewegung an der frischen Luft und Umweltschutz. Einige Familien würden sogar ein Auto durch ein E-Lastenbike ersetzen, erzählt Sommer. Das gestiegene Umweltbewusstsein, es trägt seinen Teil zum gegenwärtigen E-Bike-Boom bei.

E-Bike-Boom: Wie steht es um die Umweltbilanz?

Doch über die Umweltbilanz von E-Bikes wird auch viel diskutiert. Klar ist: wenn das E-Bike nur als Freizeitvergnügen und Fahrradersatz genutzt wird, fällt sie nicht positiv aus. Dies liegt an den Akkus, für die - wie bei Smartphones und Co. - etwa Lithium, Nickel und Cobalt abgebaut werden, oftmals unter prekären Bedingungen. Zudem wird bei der Produktion CO2 freigesetzt, während die Emissionen durch die Nutzung der Akkus gering sind.

Doch wer das E-Bike auch für Auto-Strecken einsetzt, kann die Emissionen des Akkus ausgleichen: Laut Bundesumweltamt müssen dazu durchschnittlich 165 Kilometer Autostrecke mit dem E-Bike zurückgelegt werden. Eine Studie der Universität Heidelberg kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die Klimabilanz von E-Bikes auch gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln positiv ausfällt. »Wir werden es nicht ganz ohne Einsatz von Ressourcen schaffen, mobil zu bleiben«, sagt Habermann. »Einen Tod muss man sterben und zwar am besten den, der am wenigsten weh tut.«

Dass das seiner Meinung nach die E-Bikes sind, führt der Geschäftsführer auch auf das Recycling-Verfahren der Akkus zurück, deren Lebensdauer häufig zwischen fünf und sieben Jahren liegt. Händler sind verpflichtet, ausgediente Akkus anschließend zurückzunehmen. Wie gut der Recyclingprozess letztlich funktioniert, ist umstritten, doch auf dem Feld wird sich in den kommenden Jahren sicherlich noch einiges tun.

Dass die hessische Umweltministerin Priska Hinz gesetzlich vorschreiben will, dass E-Bike-Akkus austauschbar sein müssen, hält Habermann für Symbolpolitik. Seiner Einschätzung nach sind diese ohnehin fast nie fest verbaut. Verbindliche Richtlinien für die Qualität der Akkus hält er für wichtiger. Den Kunden rät er dazu, auf Langlebigkeit zu setzen. Habermanns Erfahrung nach achten viele jedoch eher auf die Reichweite. »Die Akkus werden immer teurer, größer und schwerer. Da geht die Entwicklung in die falsche Richtung.« Für die meisten Zwecke seien die Reichweiten längst ausreichend, da gehe es eher darum, mit den Bekannten mithalten zu wollen, meint er. »Der Nachbarfaktor spielt eine große Rolle.«

E-Bike-Akku: Händler aus Linden rät zu Langlebigkeit statt Langstrecke

Der Geschäftsführer rät dazu, stattdessen darauf zu achten, dass das E-Bike zum Anwendungszweck und zur eigenen körperlichen Verfassung passt. Sonst kann es schnell zu Unfällen kommen. Laut ADAC geschehen diese bei E-Bike-Fahrern nämlich häufig sogar ohne Fremdeinwirkung.

Im Kreis Gießen war das im vergangenen Jahr zwar nicht zu beobachten, nur vier der 26 E-Bike-Unfälle waren laut Polizei selbstverschuldet, Pressesprecher Jörg Reinemer weiß jedoch um die Problematik: Bis zu 25 km/h könne auf einem klassischen Fahrrad nicht jeder erreichen, sagt er. »Insbesondere Ungeübte können dabei in Schwierigkeiten geraten.« Nach Beratung, Probefahrt und Kauf sollten sich E-Bike-Fahrer laut Habermann daher zunächst mit ihrem Gefährt vertraut machen - vor allem mit den Bremsen. »Der Kunde muss das Rad beherrschen und nicht das Rad den Kunden«, sagt er.

E-Bike oder Pedelec?

Eigentlich sind etwa 99 Prozent der in Deutschland verkauften E-Fahrräder Pedelecs und keine E-Bikes. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass der Fahrer bis maximal 25 km/h beim Treten von einem elektrischen Antrieb unterstützt wird und sind rechtlich Fahrrädern gleichgestellt. Bei E-Bikes arbeitet der Elektromotor hingegen unabhängig vom Treten. Für sie sind unter anderem Zulassung und Führerschein verpflichtend. Gleiches gilt für S-Pedelecs, die bis zu 45 km/h erreichen. Im Sprachgebrauch wird der Begriff E-Bike allerdings oft für alle E-Fahrräder verwendet. Umfragen zufolge besitzt inzwischen jeder Zehnte ein E-Fahrrad. Der Durchschnittspreis lag 2020 laut ZIV bei 2975 Euro. (lkl)

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