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Friseurmeister Rafaele Sommerlatte (r.) verwandelt sich in »Doktor Sommerlatte«. Der von ihm und Jochen Korn (l.) geführte Salon »Creativ-Team Sommerlatte« ist nun Bürger-Teststelle des Landkreises.

Anerkannte Bürger-Teststelle des Landkreises

Container vor dem Geschäft: Warum ein Friseur in Linden Corona-Schnelltests anbietet

  • vonStefan Schaal
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Neben Dauerwellen, Haarschnitten und Tönungen bietet ein Friseursalon in Großen-Linden ab dem heutigen Dienstag Corona-Schnelltests an. Das Geschäft ist nun eine anerkannte Bürger-Teststelle des Kreises. Friseurmeister Rafaele Sommerlatte und Mitinhaber Jochen Korn nehmen die Abstriche selbst vor. Geld verdienen sie dabei nicht, es ist eher ein Minusgeschäft.

Doch sie treibt eine andere Motivation an.

Die Pandemie wirft den Alltag aller über den Haufen. Und gleichzeitig sorgt sie - wie nun in Großen-Linden - für ungeahnte Nebentätigkeiten.

Rafaele Sommerlatte legt Schere und Kamm zur Seite. Der Friseur verlässt sein Geschäft und betritt draußen einen weißen, vor dem Salon stehenden Container. Drinnen begrüßt er einen Kunden, der auf einem schwarzen Ledersessel Platz genommen hat. Sommerlatte schlüpft in einen gelben Kittel, legt gelbe Gummihandschuhe an und zieht eine FFP2-Maske und ein Visier aus Plexiglas über das Gesicht. Friseurmeister Sommerlatte verwandelt sich in »Doktor Sommerlatte«.

Der Container ist freilich keine Arztpraxis. »Gefühlte Schönheit« steht an der Wand auf einem Plakat, das für Kosmetikprodukte wirbt. Sommerlatte ist auch kein Mediziner. Und doch ist er im Dienst der Gesundheit tätig. Vorsichtig hält er ein Wattestäbchen in die Nasenlöcher des Kunden. Nach jeweils fünf kreisförmigen Bewegungen ist der Abstrich vorgenommen. In einer Viertelstunde, wenn das Ergebnis des Antigen-Schnelltests vorliegt, weiß der Kunde, ob er mit SARS-CoV-2 infiziert ist oder nicht. Sommerlatte und Jochen Korn, die beiden Inhaber des Geschäfts »Creativ-Team Sommerlatte« in Großen-Linden und Ehepartner, führen den ersten Friseursalon im Gießener Land, der als Bürger-Teststelle des Kreises anerkannt ist. Ab heutigem Dienstag bieten sie Tests kostenfrei jedem an, der sich in ihrem Salon dafür anmeldet.

Geld verdienen sie durch die Schnelltests nicht. »Wir bekommen sechs Euro pro Test von der Kassenärztlichen Vereinigung«, sagt Korn. Doch sechs Euro koste für sie auch jeder Test im Einkauf. »Es gibt billigere«, räumt Korn ein. Diese seien allerdings weniger zuverlässig und daher keine Alternative. Die Kosten für Schutzkleidung, Masken und die Einrichtung des 6000 Euro teuren Containers werden nicht erstattet. Aus finanzieller Sicht ist ihr zusätzliches Angebot ein Minusgeschäft.

Für Korn und Sommerlatte geht es aber um mehr. »Wir wollen unseren Beitrag leisten, die Pandemie zu bekämpfen«, sagt Korn. »Wenn jeder den Schnee vor seiner Haustür schippt, schaffen wir die Straße gemeinsam frei.«

Sommerlatte hat im März vergangenen Jahres eine Corona-Erkrankung am eigenen Leib erlebt, hat längere Zeit unter Nachwirkungen gelitten. Für ihn und Korn ein wesentlicher Beweggrund, nun die Schnelltests durchzuführen.

Korn erinnert daran, wie hart die Pandemie Friseure getroffen hat. Als während zweier Lockdowns aus Tagen voller Ungewissheit Wochen wurden. Und aus Wochen Monate, geplagt von Existenzängsten. »Wir haben im ersten Lockdown vor einem Jahr zu Hause gesessen und haben geweint«, erzählt Korn. Dass sie die Miete für ihren Laden zahlen konnten, verdankten sie auch ihren Stammkunden, die Gutscheine für Friseurtermine bei ihnen kauften.

»Viele Kunden haben sich während der Schließung gemeldet«, erzählt Korn. Auch weil viele Menschen gemerkt haben, wie wichtig der Besuch beim Friseur für sie ist. »Es ist eine Sache der Hygiene und der Gesundheit«, sagt Sommerlatte. Eine 87 Jahre alte Kundin, erzählt er, könne sich alleine nicht die Haare waschen, besuche daher regelmäßig den Salon in Großen-Linden. »Auch für sie war der Lockdown eine qualvolle Zeit.

Corona-Schnelltests führen Korn und Sommerlatte nach einer Schulung bereits seit Anfang März bei ihren Mitarbeitern jeden zweiten Tag durch. Bei den Mitarbeitern, die täglich die Haare ihrer Kunden schneiden und pflegen und dadurch in Kontakt mit vielen Menschen kommen, tragen die Tests zu einem Sicherheitsgefühl bei, sagt Korn.

Der Container draußen vor dem Eingang des Salons dient indes auch als Warteraum. Kunden, die gerade beispielsweise eine Tönung erhalten haben, nehmen in einem der beiden Zimmer Platz. Lichterketten strahlen über den Fenstern, neben den Ledersesseln stehen große Kerzenhalter.

Dass hier nun Schnelltests durchgeführt werden, hat viel mit dem beruflichen Hintergrund Korns zu tun. Für Unternehmen organisiert er Seminare und Schulungen unter anderem im Bereich der Notfallmedizin. Im Dezember, während des zweiten Lockdowns, entschlossen sich er und Sommerlatte, an einer Schulung für die Durchführung der Schnelltests teilzunehmen.

Auch heute prägen Existenzängste ihren Alltag, erzählen die Inhaber. Um Abstände zu wahren, können derzeit nur sechs statt zwölf Kunden gleichzeitig den Salon besuchen, der Umsatz betrage etwa die Hälfte im Vergleich zur Zeit vor Corona. »Wir haben Überbrückungsgeld beantragt«, erzählt Korn. »Wir warten seit fünf Wochen auf eine Antwort. Unsere Liquidität ist weiter in Gefahr.«

Und so ist die Entscheidung, Schnelltests anzubieten, auch ein Weg, während der Corona-Krise Initiative zu ergreifen. Im zweiten Lockdown, sagt Korn, seien keine Tränen mehr geflossen. »Wir tun etwas. Wir sind aktiv.«

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