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Das 1970 errichtete Bauwerk ist seit der Nacht auf Samstag Geschichte.

Brücke zerfällt über Nacht zu Staub

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Jede Maschine ist 40 Tonnen schwer: Mit Baggern wurde in der Nacht auf Samstag die Autobahnbrücke zwischen Großen-Linden und Kleinlinden abgerissen. Überraschend war dabei, wie leise die Bauteile einstürzten - als würde ein Laster Kies abkippen.

Die Kraft der Bohrmeißel ist gewaltig. An den Spitzen der Baggerarme befestigt scheinen sie nahezu mühelos in den Beton einzudringen. Doch auf den Widerlagern der Brücke spürt man, welche Kraft dahinter steckt: Der Boden vibriert in dem Takt, in dem die vier Bagger auf die 50 Jahre alte Brücke einwirken.

1970 wurde die Brücke der Autobahn 485 über die Landesstraße zwischen Großen-Linden und Kleinlinden gebaut. Seit der Nacht auf Samstag ist sie Geschichte. Das Bauwerk, welches die Fahrbahn in Richtung Marburg trägt, wird durch ein neues ersetzt. Der Zwilling für die Fahrtrichtung Süden ist bereits ausgetauscht, er wurde vor wenigen Monaten fertiggestellt.

Zwischen dem Abrisskandidaten und der neugebauten Brücke liegt nur ein schmaler Spalt. Präzisionsarbeit für die rund 22 Bauarbeiter, die in zwei Schichten die Nacht zum Tag machen. Bereits am Montag soll hier wieder der Verkehr rollen, von den zirka 1100 Tonnen Schutt soll nichts mehr auf der Fahrbahn liegen.

Bereits nach einer Stunde sieht es für diesen Zeitplan gut aus: Zwischen den beiden Hauptträgern ist der Beton schon herausgemeißelt. Nun konzentrieren sich die vier Bagger auf den ersten Träger, schlagen tiefe Löcher in ihn hinein. Immer wieder kommt auch die Zange zum Einsatz. Zwischen ihren Klauen zerspringt massiver Beton in kleine Steine, zerbersten die Armierungseisen. Das Metall wird heraussortiert, erklärt Yasser Muhammad. Er überwacht in dieser Nacht die Bauarbeiten.

Der Betonschutt wird zunächst mit Lastern auf die gesperrte Seite der Autobahn gebracht und dort gelagert. "Je kleiner wir das direkt beim Abriss machen können, desto besser lässt es sich später abtransportieren", sagt Muhammad.

Rund zwei Dutzend Schaulustige verfolgen die Abrissarbeiten aus sicherer Entfernung. Einige machen Bilder von den beeindruckenden Maschinen. Ein Junge erzählt aufgeregt seiner Mutter, was er gerade sieht. Andere würden gern einmal selbst am Steuer solch eines Baggers sitzen. Muhammad schmunzelt. Dass die großen Maschinen neugierige Blicke anlocken, ist er gewohnt.

Um kurz nach elf Uhr haben die Meißel der jeweils 40 Tonnen schweren Bagger ordentliche Arbeit geleistet: Der Brückenträger ist fast durchtrennt, er hängt nur noch an einer handvoll Armierungen. Doch das Material ist robust. Erst nachdem es gezielt attackiert wird, gibt das Metall nach. Zuerst fällt der mittlere Teil der Brücke nach unten auf das Fallbett, mit einigen Augenblicken Verzögerung dann der Abschnitt zwischen Pfeiler und Widerlager. Das Ganze ist überraschend leise. Das Geräusch erinnert eher daran, als würde ein Laster Kies abkippen. Die Baggerfahrer halten kurz inne. Dann werden sofort die Positionen getauscht, die Pfeiler angebohrt, der Schutt weiter zerkleinert. In den frühen Morgenstunden geht es dann mit Pfeiler zwei weiter.

Baustelle bis Sommer 2020

Bereits am Montagmorgen heißt es auf der Landesstraße wieder freie Fahrt. Im Juni soll die neue Brücke fertiggestellt werden, die Bauarbeiten im Bereich der Landesstraße abgeschlossen sein. Bis die 30-Millionen-Euro-Baustelle auf der A 485 verschwindet, dauert es aber noch voraussichtlich bis Sommer 2020. Denn während der Abriss der Brücke über die Landesstraße nur ein Wochenende brauchte, wird die Demontage der zweiten Brücke über die Bahnstrecke Gießen-Friedberg wesentlich komplizierter und mehrere Wochen dauern.

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