Vor dem bisherigen Haupteingang des Seniorenzentrums entstehen ab September ein neues Haus und ein Verbindungsbau inklusive Cafeteria. FOTO: SRS
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Vor dem bisherigen Haupteingang des Seniorenzentrums entstehen ab September ein neues Haus und ein Verbindungsbau inklusive Cafeteria. FOTO: SRS

Bis Februar 2023

Bauarbeiten starten: Seniorenzentrum in Linden wird für 20 Millionen Euro umgebaut

  • vonStefan Schaal
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Es ist eines der größten Bauprojekte im Gießener Land. Für 20 Millionen Euro wird ab September das Seniorenzentrum in Linden umgebaut und erweitert. Der Altbestand sei nicht mehr zeitgemäß, sagt der Geschäftsführer der Trägergesellschaft, Matthias Barho - und weist auf deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Kreis Gießen bei der Belegung von Pflegeheimen hin.

Ein Bagger schaufelt dröhnend Erde vor dem Seniorenzentrum in Leihgestern. Vor wenigen Tagen haben hier erste Bauarbeiten begonnen, sie werden mindestens bis Februar 2023 andauern. Das Pflegeheim wird umgebaut und erweitert - auch weil sich der Träger, die Gesellschaft für diakonische Altenhilfe Gießen und Linden, unter Zugzwang sieht.

Spricht die Vorsitzende des Trägervereins, Marianne Wander, von dem Lindener Bauvorhaben, fällt immer wieder ein Satz. "Wir wollen Hemmschwellen abbauen", sagt sie. Wander, deren Verein das Seniorenheim in Linden und das Johannessstift in Gießen trägt, macht auf einen eklatanten Unterschied bei der Belegung von Pflegeheimen zwischen Stadt und Kreis aufmerksam. Auf dem Land, erklärt sie, ziehen Senioren wesentlich später und dadurch in der Regel auch mit einer höheren Pflegebedürftigkeit in ein Heim. Das hat nachvollziehbare Gründe: Außerhalb der Stadt sind Senioren deutlich häufiger in ihren Familien eingebunden. Und auch allein leben ältere Menschen gerade in Dörfern oft bis ins hohe Alter bevorzugt in ihren eigenen Häusern in vertrauter Nachbarschaft.

Christa Hofmann-Bremer, Leiterin der Einrichtung in Linden, weist auf eine Kennziffer hin, aus der herauszulesen ist, wie hoch der Anteil von Menschen mit den höchsten Pflegegraden 4 und 5 in einem Heim ist. In Gießen im Johannesstift liege diese Pflegekennziffer mit rund 160 im mittleren Bereich, in Linden sei sie deutlich höher bei etwa 180. "Im Durchschnitt sind die meisten Bewohner in Gießen eher dem Pflegegrad 3 zuzuordnen. In Linden dagegen sind wesentlich mehr Senioren in den Pflegegraden 4 und 5."

Um so wichtiger sei es, sagt Wander, in Linden ambulante Angebote und eine Betreuung begrenzt auf wenige Tage oder Wochen zu schaffen, um Senioren frühzeitig zu begleiten. "Wir wollen verstärkt Familien unterstützen, die zu Hause ihre Angehörigen pflegen."

Bisher konzentriert sich das Angebot im Lindener Seniorenzentrum vor allem auf vollstationäre Pflege, nun will man sich breiter aufstellen. "Senioren sollen sich langsam an uns herantasten können", sagt Wander.

Die Trägergesellschaft nimmt für das Vorhaben mit 20 Millionen Euro viel Geld in die Hand. Sie hat von der Stadt Grundstücke mit einer Fläche von knapp 2700 Quadratmetern erworben und dabei auch die Straße vor dem derzeitigen Haupteingang des Heims erworben, die nun zurückgebaut wird. An dieser Stelle entsteht in den kommenden Monaten ein Neubau. Im Erdgeschoss sind dort 16 Plätze für Tagespflege geplant, während im ersten Stock zwölf Wohnungen für Kurzzeitpflege gebaut werden, Wander nennt es "Wohnen auf Zeit". Senioren können dort zeitweise wohnen, "ohne dass dabei die Häuslichkeit verloren geht."

Im zweiten Stock des Neubaus sollen zwölf Seniorenwohnungen vermietet werden. "Ursprünglich waren Sozialwohnungen angedacht", berichtet Wander. In diesem Fall aber hätte man nicht selbst entscheiden können, wer in die Wohnungen einzieht. Dabei wolle man mit dem Angebot bevorzugt Lindener ansprechen. "Außerdem müssen wir an Rentabilität denken. Wir können nichts verschenken." Man werde allerdings bezahlbares Wohnen anbieten.

In einem Verbindungsbau zwischen dem neuen Haus und dem Altbestand ist ein Foyer mit einer Cafeteria geplant, die als Begegnungsstätte dienen soll. An der Südseite des Seniorenzentrums soll außerdem ein Anbau mit 23 Einzelzimmern für vollstationäre Pflege entstehen.

Ab April 2022 beginnen schließlich Umbau und Renovierung des Altbestands mit einer Diakoniestation und einem Café. Die Häuser werden saniert und 24 Zweibettzimmer zu Einzelzimmern umgebaut. "Nach Doppelzimmern gibt es keine Nachfrage mehr", sagt Wander. Maßgeblich wegen des Umbaus dieser Räume wird sich die Zahl der Bewohner in dem Pflegeheim trotz Neu- und Anbau nicht vergrößern, sie wird sich gar von 105 auf 101 reduzieren.

Eines der größten Bauprojekte im Kreisgebiet startet somit in diesen Tagen. Die Trägergesellschaft stand zu Beginn des Vorhabens unter starkem zeitlichen Druck, weil nach einer neuen hessenweiten Regelung Einzelzimmer in Pflegeheimen nun 14 statt bislang 12 Quadratmeter groß sein müssen, das Bad ist darin nicht mitgerechnet. Ein durchschnittliches Einzelzimmer in Linden sei mit Bad und Flur jeweils 22 Quadratmeter groß, erklärt Matthias Barho, Geschäftsführer der Trägergesellschaft. Im Altbestand müssen die Zimmer zwar nicht vergrößert werden, die neue Regelung gewährt den Pflegeheimen einen Bestandsschutz. Planen sie aber wie aktuell in Linden eine Renovierung und einen Neubau, müssen der Bauantrag und die Arbeiten unter Fristen erfolgen, sonst entfällt der Bestandsschutz.

Unter Zugzwang sieht sich die Trägergesellschaft unterdessen vor allem, um sich für die Zukunft zu rüsten und sich auf eine neue Nachfrage nach ambulanter und Kurzzeitpflege einzurichten. Barho betont: "Ohne die Erweiterungsbauten und Modernisierungen im Altbestand werden wir in Zukunft nicht mehr konkurrenzfähig sein."

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