Der Motor kämpft. Doch am Ende erobern Heidi und Christian Jebens über die Hochalpenstraße den Großglockner. FOTO: PM
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Der Motor kämpft. Doch am Ende erobern Heidi und Christian Jebens über die Hochalpenstraße den Großglockner. FOTO: PM

Goldener Moment mit Oldie

In alter Ente auf den Großglockner: Wie ein Ehepaar aus Linden die Hochalpenstraße eroberte

  • vonStefan Schaal
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Die Golden Oldies werden Heidi und Christian Jebens an diesem Wochenende nicht besuchen können, das Festival fällt wegen Corona aus. Dennoch haben die beiden Lindener vor zwei Wochen einen goldenen Moment mit einem Oldtimer erlebt. In einer alten Ente tuckerten sie im ersten Gang auf den Großglockner. Wenige Kilometer vor dem Ziel rief ihnen der Fahrer eines Protzautos noch zu: "Das schaffen Sie nicht."

Im Schneckentempo tuckert das Paar aus Großen-Linden über die Hochalpenstraße nach oben, in Richtung Edelweißspitze. Heidi Jebens schaut durch das offene Verdeck der knallroten Ente in den blauen Himmel, sieht Gipfel ringsum. Neben ihr sitzt ihr Mann Christian am Steuer, zu ihren Füßen fläzt in aller Seelenruhe Paula, eine Shih-Tzu-Hündin, während der Motor des Oldtimers gewaltig kämpft.

Hinten, auf der Rückscheibe der Ente, steht in weißen Lettern ein Spruch geschrieben. "Ich muss kein altes Auto fahren", ist zu lesen - und ein entscheidender Zusatz: "Ich will aber." Gut zwei Wochen ist es her, dass das Paar den Großglockner mit dem 30 Jahre alten Fahrzeug erobert hat. Die Formulierung, die Heidi Jebens im Rückblick wählt, ist vielsagend. Sie erklärt nicht etwa: "Wir haben es geschafft." Sondern: "Sie hat es geschafft." In einem Fall, räumt Jebens lachend ein, wäre sie allerdings sauer gewesen. "Wenn uns das erste Fahrrad überholt hätte."

An diesem Wochenende würden die Jebens unter Tausenden weiteren Menschen bei den Golden Oldies durch Krofdorf-Gleiberg schlendern, an unzähligen klassischen Fahrzeugen entlang. Wäre nicht Corona dazwischen gekommen. "Es ist schade", sagt Christian Jebens, Vorsitzender der Oldtimerfreunde Mittelhessen. "Aber es war die einzige mögliche Entscheidung, das Festival ausfallen zu lassen."

Erinnerungen an die Golden Oldies und Bilder von Oldtimern bringen Jebens zum Schwelgen. "Es ist die Technik", sagt er. "Man kann an ihnen schrauben", er habe früher in seinem VW Käfer den Motor auch mal selbst ausgewechselt. "Wir fahren heute auch einen BMW X5. Da steckt so viel Elektronik drin, dass man nicht mehr durchblickt."

Sein erstes Auto hatte er mit 17, als Erster in der Familie, noch bevor er den Führerschein hatte. "Es war ein weißer Fiat 500 mit schwarzem Schiebedach, gekauft für 500 Mark." "Durch das unsynchronisierte Getriebe hat man jeden kleinen Fehler gehört", sagte der 73-Jährige.

Die Jebens sitzen zu Hause in ihrem Wohnzimmer in Großen-Linden, aus dem Radio klingt Bob Dylan. Christian Jebens ist in Nordfriesland geboren und aufgewachsen, auf der Halbinsel Eiderstedt. "Zur Schule sind wir zweieinhalb Kilometer mit dem Rad gefahren", erzählt er. Wenn es regnete, brach er allerdings nicht in Tränen aus. Dann nämlich fuhr ihn die Nachbarin, in einem roten Käfer zur Schule. Ein Käfer, Baujahr 1979, steht heute auch in seiner Garage. Und so sind es vor allem Erinnerungen, die für sie die Faszination ausmachen. "Eine Ente war mein allererstes Auto", erzählt Heidi Jebens. "Bei Bahnübergängen hat es manchmal die Achse rausgehauen. Ich musste sie dann mit einer Brechstange wieder zurechtrücken."

Mit Freunden unternimmt das Lindener Paar regelmäßig Oldtimer-Spazierfahrten. "Vor kurzem haben wir einen Freund eingeladen", erzählt Heidi Jebens. "Er hat einen Morris, Baujahr 1936." Doch der Freund habe absagen müssen. "Nicht wenn es regnet", war seine Begründung. Der Oldtimer ist aus Holz, auch bei Niesel würde das Material aufweichen. Auch wenn die Spazierfahrt ausgefallen ist - es sind derartige Erfahrungen und Erlebnisse mit ungewöhnlichen Fahrzeugen, die das Lindener Paar faszinieren.

Trotz seiner 73 Jahre arbeitet Christian Jebens als selbstständiger Maurer. Mindestens drei Monate im Jahr aber nimmt er Urlaub. "Dann packen wir den Oldtimer auf den Anhänger und fahren durch die Weltgeschichte." Anfang des Jahres kurvten sie an der Amalfi-Küste entlang.

"Dass man das alte Blech noch bewegen kann", begeistere ihn, sagt Christian Jebens. Zum Stehen sei im Urlaub bisher noch keiner ihrer Oldtimer gekommen. "Den letzten Platten, den wir hatten, das war bei uns im Hof in Linden." Sie liebe das gemütliche Fahren in alten Wagen, sagt seine Frau. Wenn andere mit modernen Autos und PS protzen, antworte sie: "Meine Ente hat eine Klimaanlage. Da drehe ich vorne ein Rädchen hoch, dann kommt Wind rein."

Vor zwei Wochen, auf der Hochalpenstraße, seien sie einem Erlkönig von Audi begegnet. "Der Fahrer hat unsere Ente fotografiert und gemeint: Auf den Großglockner mit dem alten Wagen? Das geht nicht." Das Lindener Paar antwortete: "Wir versuchen es." Wenig später kam die Ente auf der Franz-Josefs-Höhe an, später auf der Edelweißspitze, die Lindener feierten mit einem Festessen. Und sie schmieden schon neue Pläne. Im Herbst soll es an die Nord- und Ostsee gehen. Auf die Frage, von welchem Reiseziel sie noch träumen, sagt Heidi Jebens: "Von einer Tour mit einem Oldtimer-Traktor nach Monaco."

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