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Gern gesehen, gern gehört: Der Shanty-Chor des GV Harmonie Großen-Linden war auf dem Marienmarkt ein ständiger Gast. FOTO: SE

Alle Sänger gehen von Bord

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Linden(se). Mehrmals haben die Verantwortlichen im Shanty-Chor Großen-Linden SOS gefunkt, doch die Hilferufe in schwerer See blieben ungehört. Nun steht der Chor, der seit knapp 25 Jahren in Linden und darüber hinaus mit seinen Auftritten ein breites Publikum erfreut hat, vor dem Aus. Denn dem Chor gehen die Sänger aus.

Die demografische Entwicklung, aber auch das vergleichsweise geringe Interesse jüngerer Sänger sorgten dafür, dass die Stärke ständig abnimmt. Nach zuletzt 15 Sängern wurde die Zahl der "blauen Jungs" noch geringer. Günter Seth, so etwas wie Anchorman des Chors, bekannte angesichts der immer geringer werdenden Zahl der Sänger: "Dann lassen wir es lieber sein."

Der Abschied wird am 18. Januar gefeiert, standesgemäß maritim und mit einer gehörigen Portion an schwarzem Humor: Der Shanty-Chor zelebriert mit einer Titanic-Party im Vereinslokal "Lindener Hof" den eigenen Schiffbruch. Allerdings, ein Matrose hofft immer, dass irgendwann wieder Land in Sicht sein wird. "Wenn durch irgendeinen Zufall doch noch weitere Sänger dazukommen, könnte es weitergehen", macht sich Seth ein wenig Mut. Nachdem aber in der Vergangenheit mehrfach das Auswerfen des Rettungsrings nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat, geht er aber nicht mehr von einem Wunder aus. "Wenn nicht bald ein paar Bootsleute dazukommen, wird unser Schiff untergehen", hatte der Chor bei einer seiner Rettungsaktionen gefunkt. Nun ist es ganz offensichtlich so weit.

330 Auftritte in knapp 25 Jahren

Die Geschichte des Chors sei untrennbar mit Hermann Stroh verbunden, berichtet Seth. Stroh habe als Gründer Reiner Sommerlad als Dirigent ins Boot geholt, der den Chor über die gesamten fast 25 Jahre durch alle Untiefen geführt hat. Im kulturellen Leben der Stadt hat(te) der Shanty-Chor, übrigens einer der Chöre des Gesangvereins Harmonie Großen-Linden, einen festen Platz, wobei Seth die Gastspiele im Seniorenheim der Stadt hervorhebt. Es gab Auftritte auf dem Marienmarkt, dem Stadtfest, logischerweise beim eigenen "maritimen Frühschoppen" im Vereinslokal.

Dreimal trat der Shanty-Chor bei den "Golden Oldies" in Wettenberg auf, gab auf der Insel Rügen, im Rheingau, in Kassel und auch in Maintal Gastspiele und gestaltete im Jahr 2000 das Shanty-Konzert auf dem Schiffenberg zugunsten der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mit. Fast 330 Auftritte mit 54 verschiedenen Sängern zählte Seth in den knapp 25 Jahren - Auftritt 329 liegt mit Gesang in der Großen-Lindener Kirche erst kurz zurück.

Zum Repertoire des Shanty-Chores gehörten nicht nur Seemannslieder, sondern auch Schlager, Volks- und Weihnachtslieder sowie Oldies. Wenn man so will, war für fast jeden etwas dabei. Bei der "Titanic-Party" will Seth die verbleibenden CDs an die Chormitglieder verteilen. Auch ehemalige Seeleute befinden auch unter den Chormitgliedern: Ein Sänger gehörte der Handelsmarine der DDR an, ein weiterer stammt ursprünglich aus Nordfriesland.

Wenn der Gesangverein Harmonie am 21. März sein 170-jähriges Bestehen feiert, dann wird der Shanty-Chor wohl nicht mehr existieren. Möglicherweise hat der eine oder andere Sänger dann in einem anderen Chor des Gesangvereins seine musikalische Heimat gefunden.

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