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Für die hoch aggressive Elfjährige ist ab Ende Januar eine neue Einrichtung gefunden.

Betreuung ab Ende Januar

Neue Einrichtung für hoch aggressives Mädchen gefunden - Eltern schöpfen Hoffnung

Für ein hoch aggressives Mädchen aus Linden, das Pfleger, Erzieher und Ärzte überfordert und zum Teil schwer verletzt hat, ist eine neue Einrichtung gefunden. Die Elfjährige soll in häuslicher Umgebung in Brandenburg betreut werden. Die Eltern schöpfen Hoffnung.

  • Hoch aggressives Mädchen schlägt wild und wahllos um sich
  • Pfleger, Erzieher und Ärzte verletzt
  • Neue Einrichtung ab Ende Januar

Lich - Die Stimme klingt ruhig, tief. Und optimistisch. "Hoffnung ist das einzige, das uns noch bleibt", sagt der 39 Jahre alte Lindener. Seine elf Jahre alte Tochter ist hoch aggressiv, sie schlägt wild und wahllos um sich. Sie hat einem Erzieher einmal mit einem Pinsel das Trommelfell durchstochen. Die Familie hat eine Odyssee durch Krankenhäuser und soziale Einrichtungen hinter sich. Nun allerdings wurde eine neue, aus Sicht der Eltern vielversprechende Betreuung gefunden.

Ab Ende Januar soll das Mädchen in häuslicher Umgebung in Brandenburg untergebracht werden. Zwei Pfleger kümmern sich dort rund um die Uhr um die Lindenerin.

An der Entscheidung für den Umzug in eine neue Einrichtung sei das Jugendamt des Landkreises Gießen eingebunden gewesen, erzählt der Vater. Das Amt hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Mädchen.

Aggressives Mädchen: Vergangene Monate eher eingesperrt

In den vergangenen Monaten war die Elfjährige in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kassel-Wilhelmshöhe untergebracht. Allerdings war sie dort - wie in weiteren Kliniken und Einrichtungen zuvor - eher eingesperrt. Zu groß war das Risiko, dass sie andere Patienten oder Pfleger verletzt. Immer wieder bricht aus dem Mädchen die Gewalt heraus. Die Elfjährige verletzte Betreuer zum Teil schwer, zertrümmerte mit Faustschlägen Nasenbeine von Pflegekräften, rammte unvermittelt Spritzen und Nadeln in deren Körper. Das Mädchen gehöre zu den "schwersten Fällen überhaupt", sagte der Chefarzt der Greinberg-Klinik in Würzburg, wo die Lindenerin 20 Monate untergebracht war, der "Mainpost".

Ziel der Einrichtung in Brandenburg sei, das Verhalten und die Lebensgeschichte von Kindern und Jugendlichen zu verstehen und sie "zurück ins normale Leben zu führen", sagt der Vater. "Es geht also mehr als nur um Betreuung." Aus diesem Grund schöpfe er Hoffnung. Die Eltern bereiten sich darauf vor, ebenfalls nach Brandenburg zu ziehen. "Hier hält uns nichts mehr", sagt der Vater.

Aggressives Mädchen: Fall hochkompliziert

Hoffnung hat die Familie in den vergangenen Jahren schon häufiger verspürt. In Krankenhäusern und verhaltenstherapeutischen Behandlungen wurde aber bisher kein Weg gefunden, dem Mädchen zu helfen, die Wut und Aggression in den Griff zu bekommen. Für Ärzte ist die Lindenerin ein Rätsel. Ein Krankenhaus hat ihr eine "komplexe Entwicklungsstörung" attestiert. Das elf Jahre alte Kind ist wohlgemerkt nicht schwer behindert, es redet und spielt beispielsweise mit den Eltern auch ohne Auffälligkeiten. Hört es allerdings ein Nein, schlägt die Situation in einem Augenblick um - und das Mädchen schlägt zu. Die Eltern glauben, dass eine Hirnhautentzündung in der frühen Kindheit hinter der Gewalttätigkeit steckt. Belegen lässt sich dies nicht.

Der Fall ist hoch kompliziert, auch weil sich die Eltern immer wieder mit Vorwürfen auseinandersetzen müssen. Ein Pflegedienst hat sie einmal wegen körperlicher Misshandlung angezeigt, ein Strafverfahren wurde eingestellt. "Wenn wir sie in den Griff bekommen wollen, hat sie am Ende eben auch mal blaue Flecken", sagt der Vater.

Vorwürfe gegen die Eltern stehen weiterhin im Raum, auch im Rahmen eines Gerichtsverfahrens um das elterliche Sorgerecht für das Mädchen. Dieser Zeitung liegt ein Dokument vor, in dem die Direktorin einer Klinik, in der das Kind behandelt wurde, mutmaßt, dass die Mutter des Mädchens ihr Kind "höchstwahrscheinlich" körperlich und seelisch misshandelt habe. Dabei handelt es sich aber lediglich um Vermutungen, ohne diese ausreichend zu belegen.

Aggressives Mädchen: Ursache ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren

Die Eltern weisen die Vorwürfe von sich. Spekulationen, Verdächtigungen und ein verzweifeltes Rätseln nach den Hintergrunden der hohen Gewalttätigkeit des Mädchens prägen den hoch sensiblen Fall. Eine Einschätzung oder gar ein Urteil aus der Distanz verbietet sich ohnehin.

Zu den Ursachen der Aggressionen des Mädchens erklärt die Greinberg-Klinik in Würzburg, das Verhalten der elf Jahre alten Lindenerin sei auf ein Zusammenspiel aus körperlichen Faktoren, psychischen Belastungen und der jahrelangen Hospitalisierung zurückzuführen.

"Wenn 25 Leute an einem Kind arbeiten und immer wieder neue Einrichtungen es betreuen, macht es das nicht besser", sagt derweil Susanne Funck vom Verein für Psychosoziale Therapie in Laubach. Seit Jahrzehnten ist sie als Therapeutin beruflich mit verhaltensauffälligen Kindern beschäftigt. Geduld, klare Regeln und ein Eingehen auf die individuelle Situation des Mädchens seien notwendig, möglicherweise zumindest für eine Zeitlang auch eine Trennung von den Eltern.

Viel Zeit sei erforderlich. "Man kann nicht erwarten, dass das Problem nach einem halben Jahr weg ist", sagt Funck. "Das dauert fast so lang wie der Zeitraum, in dem der Patient die aggressiven Verhaltensweisen entwickelt hat, um sich zu schützen."

Aggressives Mädchen: Zunahme verhaltensauffälliger Kinder

Als Betreuer müsse man Empathie aufbringen und gleichzeitig dem Kind Grenzen aufzeigen. "Es kann eine wahnsinnige Machtposition haben." Dies könne Eltern und Betreuer vor gewaltige Herausforderungen stellen. Funck, 15 Jahre lang in der Jugendhilfe tätig, stellt eine deutliche Zunahme von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahren fest. "Psychiatrien sind voller kleiner Kinder", sagt sie. "Was ist da los?"

In häuslicher Umgebung, von Pflegern rund um die Uhr betreut wie nun in Brandenburg war das Mädchen aus Linden schon einmal untergebracht. Die Betreuung wurde aber nach sechs Tagen wieder eingestellt. "Die haben gekitzelt und gekuschelt", sagt die Rechtsanwältin der Familie. "Ich wusste sofort, dass das schiefgeht." So bleibt zu hoffen: dass das Kind nun in neuer Umgebung eine angemessene Betreuung erhält und vor allem Hilfe findet.

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