Alternate hat vor wenigen Tagen in Linden das inzwischen vierte Logistikgebäude des Unternehmens fertiggestellt. "Hätten wir diese Fläche in der Stadt nicht gefunden, hätten wir Linden verlassen müssen", sagt Alternate-Sprecherin Juliane Kolb.	FOTO: AGE
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Alternate hat vor wenigen Tagen in Linden das inzwischen vierte Logistikgebäude des Unternehmens fertiggestellt. »Hätten wir diese Fläche in der Stadt nicht gefunden, hätten wir Linden verlassen müssen«, sagt Alternate-Sprecherin Juliane Kolb.

Landkreis Gießen

Versandhändler Alternate in Linden: Der unscheinbare Riese aus dem Kreis Gießen

  • vonStefan Schaal
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Der Versandhändler Alternate in Linden ist einer der größten Betriebe der Region. Der Gründer tritt öffentlich nicht in Erscheinung, das Unternehmen gibt sich unscheinbar. Das soll sich nun ändern.

Linden – Mehr und mehr kehren Leben und Bewegung ein in das 150 Meter lange und 82 Meter breite Gebäude am nördlichen Rand Großen-Lindens. Surrend hieven Kräne Paletten aus einem Hochregallager, in dem 10 000 Produkte Platz finden. Das inzwischen vierte Logistikgebäude des Online-Versandhändlers Alternate ist seit Ende Januar fertiggestellt.

Für das Unternehmen - und für die Region - hat der Bau im Lückebachtal hohe Bedeutung. »Hätten wir diese Fläche in der Stadt nicht gefunden, hätten wir Linden verlassen müssen«, sagt Juliane Kolb, Unternehmenssprecherin bei Alternate. Für Linden wäre dies nach den Abwanderungen der Firmen Klarna und Computech der GAU gewesen. Gleichzeitig ist nun der Neubau ein Bekenntnis Alternates zum Standort Linden.

Versandhändler Alternate hat 850 Mitarbeiter am Standort Linden

Das riesige, schlicht und funktional gestaltete Gebäude ist charakteristisch für ein Unternehmen, das selbst ein unscheinbarer Riese ist. Alternate beschäftigt in Linden 850 Mitarbeiter, international sind es insgesamt mehr als 1000, das Unternehmen setzt jedes Jahr rund 560 Millionen Euro um. Doch nur selten tritt Alternate in der Region als lokaler, nahbarer Betrieb öffentlich in Erscheinung. Der Gründer, der sich in strategischen Fragen weiterhin einbringt, hält sich im Hintergrund, sein Name taucht in keiner Veröffentlichung des Unternehmens auf. Die Zurückhaltung in der Kommunikation nach außen ist wohlgemerkt bewusst gewählte Firmenphilosophie. Der Gründer lehnt jeglichen Personenkult ab. Kolb sagt: »Das Unternehmen soll im Vordergrund stehen.«

Die Philosophie hat viel mit den Anfängen Alternates zu tun. Mit den Ursprüngen in den 100 Quadratmeter großen Räumen einer Mitfahrzentrale vor 29 Jahren. Anfang der 90er Jahre, in einem Hausflur in der Bahnhofstraße in Gießen nahe des Flutgrabens stapeln sich Pakete, Päckchen und Briefe. Festplatten, Grafikkarten und Monitore befinden sich darin, die das Start-up verkauft. Der Postbote bekommt die Lieferung in seinem Transporter kaum in einer Fuhre unter. Vorher hat er eine ähnliche Zahl von Paketen in der Gießener Wohnung abgegeben. Drinnen herrscht Stimmengewirr. Pizzakartons liegen im Wohnzimmer herum. Ein gutes Dutzend Menschen arbeitet hier, die meisten sind Studenten. Sie telefonieren, nehmen Bestellungen entgegen. Es ist eng, die Mitarbeiter sitzen Rücken an Rücken. In einem kleinen Raum hat sich die Buchhalterin eingerichtet, ansonsten dient die Wohnung als Lager. Auf der Toilette funkelt und glitzert es silberfarben, Tausende CD-Rohlinge stapeln sich hier, die Alternate damals zu einem Preis von 20, 25 Mark pro Stück verkauft.

Als der Versandhändler Alternate aus Linden noch ein Start-up war

Mehrere der Studenten, die damals in dieser Bude arbeiteten, sind auch heute noch im Betrieb tätig. Auch Markus Bau, der jetzige Logistikchef, zählte ab 1995 zum Team. »Das Bewerbungsgespräch fand in dieser Wohnung statt«, erinnert er sich. »Nach zehn Minuten hatte ich den Job.«

Bei einer Tasse Kaffee redet Sprecherin Kolb über die alten Zeiten. Als Alternate noch ein Start-up war. Als ein Psychologiestudent in Gießen einen Laden für Atari- und PC-Rechner eröffnete - und schnell realisierte, dass vor allem der Versandhandel hervorragend lief. »Wir hatten jedes Jahr Wachstumsraten im dreistelligen Bereich«, erzählt Kolb. »Deshalb war es immer auch leicht chaotisch.« Sie stellten mehr und mehr Mitarbeiter ein - und 1996 kam es zum großen Schritt: Das Start-up zog nach Linden ins Lückebachtal, investierte dafür eine Million Mark aus eigenen Mitteln. Bis heute greift Alternate nur sehr selten auf externe Hilfe zurück, verlegte in Linden eine Glasfaserverbindung für Hochgeschwindigkeitsinternet kurzerhand selbst und betreibt ein eigenes Call-Center. Banken schauen bei Alternate höchstens vorbei, um Visitenkarten hereinzugeben.

Versandhändler Alternate in Linden: Meilenstein Onlineshop

Ein wichtiger Meilenstein der Firmengeschichte war 1997 die Einrichtung eines Onlineshops. Auf die Frage, ob man auch mal falsche Entscheidungen getroffen habe, kommt Kolb auf Versuche im Ausland zu sprechen. Die Gründung einer Dependance in Spanien beispielsweise ist in Zeiten der schweren Wirtschaftskrise gescheitert. Ein Ladengeschäft in Österreich habe nicht geklappt. Erfolgreich allerdings laufen zwei Dependancen in den Niederlanden und Belgien.

Mehr als 10 000 Pakete verlassen das Unternehmen in Linden täglich. Das Sortiment ist breiter geworden in den vergangenen Jahren. Neben Computern und Computerteilen verkauft Alternate inzwischen auch Grills und Barbiepuppen. So könne man eine Delle in den Sommermonaten ausgleichen, sagt Kolb. Computer-Hardware ist außerdem ein Massengeschäft geworden, mit fallenden Preisen und kurzen Lebenszyklen. Mit Ware aus Asien konnte man vor 20 Jahren mit guten Geschäftsbeziehungen noch Geld verdienen, heute kann sie sich jeder per Luftpost bestellen, innerhalb von 24 Stunden ist das Päckchen zuhause.

Versandhändler Alternate aus Linden will sich öffnen

Und in einem weiteren Gebiet verändert sich Alternate. »Wir wollen uns öffnen, wollen in der Region nahbarer werden«, sagt Kolb, auch wenn man mehr als 90 Prozent des Umsatzes bundesweit mit dem Online-Geschäft erziele. Ein Grund: Der allgemeine Fachkräftemangel macht dem Lindener Unternehmen zu schaffen, auch wenn Alternate jedes Jahr etwa 30 neue Lehrlinge ausbildet. Ziel sei, in der Region als attraktiver Ausbildungsbetrieb bekannter zu werden. Alternate präsentiert sich beispielsweise auf heimischen Schulmessen. Der Lindener Riese will heraustreten aus der Unscheinbarkeit.

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