Nach sechs Wochen hat die Adolf-Reichwein-Schule wieder geöffnet - mit derzeit 70 statt 630 Schülern in den Klassen. FOTO: SRS
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Nach sechs Wochen hat die Adolf-Reichwein-Schule wieder geöffnet - mit derzeit 70 statt 630 Schülern in den Klassen. FOTO: SRS

Schulleiter ziehen erste Bilanz

So liefen die ersten Schultage nach dem Corona-Lockdown in Polheim und Linden

  • vonStefan Schaal
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An zahlreichen Schulen im Kreis kehrt wieder Leben ein - stiller als sonst, mit Abstand, unter außergewöhnlichen Bedingungen. Abschlussklassen der Haupt-, Real und Berufsschulen haben am Montag wieder den Unterricht aufgenommen. Schulleiter ziehen eine erste Bilanz. Gleichzeitig herrscht eine große Unsicherheit.

Lukas Saffo dribbelt auf dem Weg zur Schule. Der Zehntklässler kickt einen Fußball in Richtung des Eingangs der Adolf-Reichwein-Schule in Pohlheim. In der Pause wolle er mit Freunden spielen, sagt er. Es ist Dienstagmorgen, hinten hält ein Schulbus - und für einen Augenblick könnte man meinen, es ist ein ganz normaler Schultag. Dann aber, nur wenige Schritte vor dem Eingang, hält Saffo inne und zieht eine Maske über Mund und Nase.

Nach sechs Wochen Corona-Pause haben am Montag die Abschlussklassen der Haupt-, Real und Berufsschulen wieder den Unterricht aufgenommen. In den Gebäuden herrscht indes eine unwirkliche, gedämpfte Geräuschkulisse. Normalerweise sitzen, lernen, grübeln, streiten, lachen und tosen 630 Kinder und Jugend- liche in den Klassenzimmern der Adolf-Reichwein-Schule. In diesen Tagen sind es gerade einmal 70.

Er freue sich, wieder in die Schule gehen zu können, sagt Saffo. "Ich bin froh, dass ich die Leute wieder sehe." Sabah Darman, die die neunte Klasse der Schule besucht, hat nur eine Sache auszusetzen: "In den vergangenen Wochen konnten wir bis 10 Uhr ausschlafen. Heute musste ich um 6 Uhr aufstehen."

Die Schüler sind in kleine Gruppen eingeteilt, maximal ein Dutzend sitzt in Pohlheim in einem Klassenraum zusammen. Die Tische stehen weit auseinander. Außerdem sind die Gänge der Schule derzeit Einbahnstraßen, so sollen sich die Wege der Kinder und Jugendlichen nicht kreuzen. Die Schüler besuchen ihre Klassen in zwei Schichten für jeweils vier Stunden.

"Die ersten beiden Tage sind ohne Probleme verlaufen", berichtet Petra Brüll, die Pohlheimer Schulleiterin. Ein Großteil der Schüler komme zu Fuß oder mit dem Fahrrad, berichtet sie. Der weitgehend reibungslose Ablauf bisher sei erstaunlich angesichts des hohen Aufwands für die Vorbereitungen an der Integrierten Gesamtschule. In den ersten Tagen habe nicht so sehr der Fachunterricht im Mittelpunkt gestanden, "sondern das Miteinander", ergänzt Ralf Kuczera, der ebenfalls der Schulleitung angehört. Brüll erzählt: "Einige Schüler, die nicht zu den Absolventen zählen und derzeit noch zu Hause sind, haben mich angerufen und gefragt: Wann darf ich wiederkommen?" In der alten Klasse sitzen, Freunde wieder sehen: Die Anrufe machen eine Sehnsucht zumindest nach einem Hauch von Normalität deutlich.

Jeder fünfte Lehrer an der Adolf-Reichwein-Schule bleibt derweil zu Hause. Sie haben Atteste vorgelegt, weil sie aufgrund von Vorerkrankungen und wegen ihres Alters zur sogenannten Risikogruppe zählen. Eine kleine Umfrage unter weiteren Schulen ergibt, dass auch dort in der Regel 20 bis 25 Prozent der Lehrer dem Präsenzunterricht fernbleiben.

Brüll macht sich auch Gedanken um die Absolventen, für die nun bei aller Wiedersehensfreude der Ernst des Lernens ansteht, die Abschlussprüfungen sind zwischen dem 25. und 29. Mai. In Pohlheim unterrichten die Klassenlehrer jede Woche zusätzlich drei Stunden, um die Abgänger bei den Vorbereitungen zu unterstützen. Die Zeit der Prüfungen, der Abschluss und auch das Feiern am Ende werden überschattet von Corona. "Wir machen uns Gedanken, wie wir die Leistungen der Schüler angemessen würdigen können", erzählt Brüll, "vielleicht auch mit digitalen Mitteln".

Anspannung herrschte am Montag zum Schulstart nach dem Corona-Lockdown auch an der Anne-Frank-Schule in Linden. "Wir waren sehr nervös", berichtet Schulleiter Andreas Irle. "Wir haben eben auch eine hohe Verantwortung." An mehreren Stationen empfingen Lehrer die Schüler von der Bushaltestelle bis zum Schulgebäude, verteilten unter anderem Masken. "Diese sind nicht Pflicht", betont Irle. "Das Tragen wird aber empfohlen." Draußen hielt er eine Begrüßungsrede. "Ein Schulgebäude ohne Schüler ist keine Schule", sagte er.

Eltern hätten die Befürchtung geäußert, dass manche Schüler sich den Regeln widersetzen und beispielsweise andere rücksichtslos anrempeln könnten. "Nichts davon ist passiert. Das Verhalten der Schüler war toll."

Mit der Aufteilung der Klassen auf hessenweit maximal 15 Schüler und der Beschränkung auf die Schwerpunktfächer Deutsch, Mathematik und Englisch geraten Schulen allerdings schnell an Grenzen - personell und räumlich. Irle und seine Pohlheimer Kollegin Brüll sprechen eine große Unsicherheit an: Welche Lösungen könnten die Schulen finden, wenn weitere Lockerungen greifen und wenn der Unterricht für mehr Klassen geöffnet wird? Auf diese Fragen gebe es noch keine Antworten.

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