Lieder und Lernpäckchen

  • Armin Pfannmüller
    vonArmin Pfannmüller
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Gießen/Lich(pd). Not macht erfinderisch. Und in der durch Corona veränderten Schulsituation der letzten Monate hat sich das Kollegium der Martin-Buber-Schule in Gießen als besonders erfinderisch erwiesen. An der Förderschule in Trägerschaft des Landkreises wurden Arbeitsblätter verschickt, Rätsel gestellt, Kinder zu Hause besucht, Spaziergänge unternommen und Päckchen mit Lern- und Spielmaterialien überbracht. Für manche Schüler gab es Massagematten, für andere Geräte, die die Kommunikation unterstützen. "Eine Kollegin hat jeden Tag für ihre Kinder ein Lied gesungen und per WhatsApp verschickt", berichtet Dr. Gabriele Kremer.

Die Konrektorin der Schule für geistige Entwicklung mit Abteilung für körperliche Entwicklung berichtet von der heterogenen Struktur ihrer Schülerschaft, die bis zu schwerstmehrfachbehinderten Kindern reicht und deshalb eine starke Differenzierung erfordert. "Viele können weder Abstandsregeln noch Niesetikette einhalten", sagt Kremer. Dennoch seien im Zuge der ersten Öffnungsphase der Schulen von den 160 Schülern nur etwa 50 ausgeschlossen worden.

"Nach und nach haben wir viele wieder reingeholt." Für die letzten zwei Wochen vor den Ferien war auch die komplette Grundstufe wieder im Präsenzunterricht. Dass sämtliche Schutzmaßnahmen eingehalten werden können, hält sie für eine Illusion. "Man kann sich hier nicht schützen. Sie können nicht mit eineinhalb Metern Abstand füttern oder wickeln."

Wegen der angespannten Raumsituation an der Schule und aufgrund der Tatsache, dass relativ viele Kollegen Risikogruppen angehören, beantwortet Gabriele Kremer die Frage, ob es an der Martin-Buber-Schule nach den Sommerferien normal weitergehen kann, kurz und knapp: "Das halte ich für unrealistisch."

So wie Kremer geht es auch Kollegen anderer Förderschulen. Rainer Berk etwa lobt wie die Gießener Konrektorin die gute Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt in den zurückliegenden Monaten. "Ich habe mich immer ausreichend informiert gefühlt", sagt der Leiter der Licher Anna-Freud-Schule. Optimistischer ist Berk mit seiner Prognose für das neue Schuljahr: "Ich bin sicher, dass wir nach den Ferien stabil weitermachen können."

Der Leiter der Schule für Lernen, emotionale und soziale Entwicklung hat in der Phase des kompletten Lockdowns vor allem auf analoge Arbeitsmaterialien gesetzt. "Wir haben in dieser Zeit Portokosten gehabt, die normalerweise für zwei Jahre reichen", erklärt Berk: "Viele Eltern sind per E-Mail nicht erreichbar."

Ein Großteil der Schülerschaft besitze zudem nicht die Grundkompetenz, selbstständig zu arbeiten. "Unsere Kinder waren dankbar, dass sie wieder in der Schule sein durften", beschreibt er die Zeit nach der Öffnung Ende April. Da auch Hygiene- und Abstandsregeln weitgehend eingehalten worden seien, fällt Berks Bilanz für die vergangenen Monate positiv aus. "Ich hätte mir den Ablauf viel schwieriger vorgestellt."

Ein grundsätzliches Lob für heimische Förderschulen und ihren Umgang mit der Krise hat auch Inge Holler-Zittlau parat. Die Hochschullehrerin aus Marburg, die an der Gießener Justus-Liebig-Universität am Institut für Förderpädagogik und Inklusive Bildung arbeitet, bescheinigt nicht nur den meisten Förderschullehrern, sich engagiert und differenziert um die Kinder zu kümmern, auch Kultusministerium und Schulämter hätten mittlerweile die Förderschulen im Blick.

"Zunächst hatte das Ministerium die Bedürfnisse, die Kinder mit wirklichen Entwicklungseinschränkungen haben, nicht auf dem Schirm", sagt die Vorsitzende des Sonderpädagogik-Landesverbands Hessen. Diese Botschaft sei inzwischen in Wiesbaden angekommen. Gerade in Situationen wie denen des Homeschoolings brauchten Kinder besonders intensive Rückmeldungen seitens ihrer Lehrer, "weil sie unerfahren und unsicher sind". Diese Unterstützung sei an den Förderschulen vorhanden.

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