Gerhard Zörb mit seinem Sohn Matthias, der seit 2002 das Unternehmen "zörb acustic" führt.
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Gerhard Zörb mit seinem Sohn Matthias, der seit 2002 das Unternehmen »zörb acustic« führt.

Großen-Linden

Liebeserklärung an den guten Klang

  • Norbert Schmidt
    VonNorbert Schmidt
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Gerhard Zörb hatte zahlreiche Größen aus Kultur, Politik und Wirtschaft vor dem Mikrofon. Nun veröffentlicht der 78 Jahre alte Großen-Lindener seine berufliche Biografie. Das 180-Seiten-Werk ist ein Rückblick auf 60 Jahre Tontechnik, gespickt mit Anekdoten.

Dass man eigentlich zweimal lebe, einmal in der Wirklichkeit und das zweite Mal in der Erinnerung - diesen Sinnspruch des Schriftstellers Honoré de Balzac hat Gerhard Zörb aus Großen-Linden während der vergangenen vier Jahre immer wieder für sich realisiert. In dieser Zeit arbeitete der agile 78-Jährige nämlich an seiner (Berufs-)Biografie.

Belege, Notizen und Bilder sichtend und gewichtend, das Erinnerte zu Papier bringend, das Wesentliche herausfilternd, mit Freunden und Bekannten die Produktion eines Buches vorbereitend. Eine Mammutaufgabe, auch und gerade emotional. Rational nicht minder, denn wer naturwissenschaftlich veranlagt ist, will einfach keine Fehler machen, duldet keinen Schlendrian. Nun liegt das Ergebnis vor. »60 Jahre Tontechnik« heißt das 180-Seiten-Werk, das auf jeder Seite zeigt, wie sehr dieser über die Region hinaus geachtete Mensch in sich ruht, und das vor allem belegt, wie zufrieden er angesichts der Rückschau ist, weil »aus meinem Hobby mein Beruf wurde«, und weil aus dieser Berufung nun wieder ein Hobby geworden ist.

Der gebürtige Großen-Lindener, Jahrgang 1943, wuchs in einer einfachen und musikalischen Familie auf. Zunächst lernte er am Physikalischen Institut der Universität Gießen Feinmechanik, war mit 23 Meister seines Fachs. Dann hängte er ein Elektrotechnikstudium an und arbeitete nach der staatlichen Anerkennung (und bis 2003) im Strahlenzentrum der Uni an einem Elektronen-Linearbeschleuniger, wurde Operateur der Anlage.

Zörb im Jahr 1975 mit Max Greger

Das ist die eine, ohnehin schon respektable Seite des Gerhard Zörb, die des Mannes im Brotberuf, die im Buch allerdings nicht weiter vertieft wird. Daneben steht die des Tontechnikers, des »Beschallers« von Ereignissen und Veranstaltungen jeder Art, des Tüftlers, der sich erste Bauteile vom Philips-Schrottplatz in Wetzlar holte. Ein vom Hessischen Rundfunk 1950 beschallter Marathon im Dorf hatte erstmals diese Talente in ihm geweckt. Dass sie ihm jenseits der Jugend zur Passion wurden, dass es ihm gelang, sie auszuleben, das hing viel mit privatem Glück zusammen:

Ehefrau Brigitte hängte ihren Job als Sekretärin bei der Uni an den Nagel und übernahm die Geschäftsführung der neu gegründeten Firma »zörb acustic«. Jahre später war es der Junior, Matthias, der ihm von Kindesbeinen an zur Seite stand, bevor er selbst das elterliche Geschäft übernahm.

Das reich bebilderte Buch ist wie eine Zeitreise durch die vergangenen sechs Jahrzehnte gehalten, ist eine Retrospektive, die sich vor allem an den technischen Bedingungen und Veränderungen der Übertragung von Gesang und Musik orientiert. Beginnend mit Blick auf eine Fastnachtssitzung im Rebstock-Saal 1958, mit dem 15-jährigen Gerhard, dem Sohn des Sitzungspräsidenten, am selbst gebauten Mischpult. Zörb beschreibt den sukzessiven Aufbau des eigenen Tonstudios (mit MC- und CD-Produktion) und der mobilen Tontechnik-Gerätschaften.

Mit laut und leise ist es nicht getan

Was gab es daneben in der Szene? Mit welchen Anlagen verschafften sich Black Shadows und Misfits Gehör? Welche Boxen und welches Beiwerk brachten Roy Black oder etwa Max Greger mit? Wie gestaltete sich die Entwicklung von Mikrofonen, Mischpulten, Effektgeräten, Verstärkern? Worauf war und ist zu achten beim akustischen Auskleiden eines Großzeltes oder eines Bürgerhauses, einer Arena wie jener in Wetzlar oder einer Philharmonie? Nicht zu vergessen »open air« in allen Größenordnungen; darunter 15 Jahre für den Hessischen Rundfunk. Immer mit der Frage: Wie kann ich Akteuren und Zuhörenden gleichermaßen ein Hörerlebnis verschaffen? Mit laut und leise ist es nicht getan.

Mit Selbstzufriedenheit genauso wenig. Zörb, auch das ist im Buch zu lesen, kümmerte sich mit engagierten Kollegen um Definition und Anerkennung des Ausbildungsberufes Veranstaltungstechniker.

Wo wird man fündig?

Das in einer Auflage von 300 Exemplaren im Eigenverlag erschiene Buch »60 Jahre Tontechnik« von Gerhard Zörb ist zum Preis von 20 Euro erhältlich bei der Firma »zörb acustic« im Gewerbegebiet Großen-Linden, Gottlieb-Daimler-Straße 15. Telefon 06 40 3/97 60 80. Internet-Bestellung via www.acustic.de. Ersatzweise auch beim Autor privat in Linden, Otto-Schulte-Straße 1. Verkaufsstellen in Gießen: Musikhaus Schönau im Schiffenberger Tal, Schuhhaus Darré am Selterstor. (no)

Die in Linden gedruckte Abhandlung »60 Jahre Tontechnik« ist zudem ein Dankeschön an die Weggefährten, darunter die Tüftlerfreunde und die Mitarbeiter, ohne die das Lebensglück nicht hätte gelingen können. Alle sind sie erwähnt und abgebildet. Die technisch und akustisch Versierten ebenso wie die treuen musikalischen Begleiter, namentlich die Rebläus, die er 1962 als Musiker mitgegründet hatte. Und nicht zu vergessen die zahlreichen Prominenten, die bei Zörb vor dem Mikrofon standen - aus Politik und Wirtschaft, aus allen Genres der Unterhaltungsmusik, Klassik bis Chorgesang, Jazz bis Volksmusik, Schlager bis Rock und Pop. Selbst ein Bundeskanzler war darunter.

Zörb garniert die nüchtern dargelegten technisch-akustischen Abhandlungen mit etlichen, dann wiederum locker verfassten Anekdoten. Amüsant etwa die Erinnerungen an Hans Weiß-Steinberg, den namhaften, mit seiner Kritik am Tontechniker aber vollends irrenden Komponisten und Chorleiter, oder an Montserrat Caballé, die in Wetzlar stimmlich nicht ihren besten Tag gehabt hatte.

Gerade wegen seiner inhaltlichen Breite und Tiefe verdient es das Buch, das eine unbedingte Liebeserklärung ist an den guten Klang ebenso wie an den Kulturraum Oberhessen, in einer öffentlichen Veranstaltung mit Lesung und Gespräch vorgestellt zu werden. Dass die dann optimal beschallt und musikalisch garniert sein dürfte, versteht sich von selbst. Und Gerhard Zörb würde schmunzelnd darlegen können, warum aus einem Lautsprecher nur besser rauskommen kann, was zuvor gut ins Mikro reingegangen ist. Oder, wie es ein befreundeter Gastwirt einmal zu ihm gesagt habe: »Aus Hackfleisch kann ich kein Rumpsteak machen!«

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