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Lieber im Unterricht

  • Armin Pfannmüller
    vonArmin Pfannmüller
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Ja, am Anfang hat sie sich gefreut auf die lange Phase ohne Unterricht. Doch so richtig genießen konnte Emilie Hanstein die schulfreie Zeit nur kurz. "Ich gehe tatsächlich gerne zur Schule, das habe ich schnell gemerkt", sagt die Schülerin der Clemens-Brentano-Europaschule und erzählt von der Sehnsucht, endlich wieder Freunde zu treffen und Klassenkameraden zu sehen.

Das "Home Schooling" an der CBES in Lollar habe nach einer kurzen Phase der Verwirrung sehr gut geklappt, "es war intensiv und produktiv". Im Zweifelsfall zieht die 18-Jährige aber Präsenzunterricht vor. "Es ist schöner, wenn der Lehrer im Klassenraum steht als sich Dinge autodidaktisch zu vermitteln", sagt die junge Frau, die in ihrer Freizeit bei den Fußballerinnen von Eintracht Lollar kickt.

Während der Zeit zu Hause habe sie sich gut betreut gefühlt, die Schule habe Online-Unterricht und Videokonferenzen angeboten und dabei auch auf die jeweiligen häuslichen Bedingungen Rücksicht genommen. So sei einer Mitschülerin ohne Computer von der Schule ein Laptop zur Verfügung gestellt worden. "Meine Lehrer haben ihr Bestes gegeben", fasst die 18-Jährige zusammen.

Dennoch: "Lernen zu Hause ist kein Präsenzunterricht", sagt sie und nennt als Beispiel für die Schwäche des digitalen Lernens Textinterpretationen im Deutschunterricht. Viele inhaltliche Aspekte und Anregungen entwickelten sich erst durch die Diskussion mit anderen Schülern und Impulse durch den Lehrer.

Insofern ist Emilie Hanstein froh, dass sie als Schülerin des Jahrgangs zwölf zu den ersten gehörte, die eine Woche nach den Osterferien wieder zur Schule gehen durften. Zunächst standen bei reduzierter Stundenzahl Leistungskurse - sie belegt Physik, Deutsch und Sport - und Hauptfächer auf dem Plan, später kamen Politik/Wirtschaft, eine weitere Fremdsprache sowie eine Naturwissenschaft dazu.

Obwohl der Jahrgang 12 als erster Oberstufenjahrgang wieder in der Schule präsent war, sind Emilie und viele ihrer Klassenkameraden im Hinblick auf das Abitur im kommenden Jahr "ein bisschen verunsichert". Im Vergleich zum herkömmlichen Unterricht gebe es bei der digitalen Wissensvermittlung "gewisse Lücken".

Auch deshalb sieht sie den Jahrgang 12 stärker von den Auswirkungen der Pandemie betroffen als die aktuellen Abiturienten. "Wir haben vielleicht bis zu den Prüfungen im nächsten Jahr Unterricht unter Corona-Bedingungen. Der jetzige Abi-Jahrgang hatte wenigstens noch eine vernünftige Vorbereitung."

Auch wenn bei manchen mitunter ein bisschen "jugendlicher Leichtsinn" im Spiel ist, halten sich die meisten Schüler an die Abstands- und Hygieneregeln. "Wir sehen das nicht als mutwillige Einschränkungen der Freiheit", bekräftigt Emilie Hanstein. Zudem ist sie davon überzeugt, dass die aktuellen Umstände auch zu vielen positiven Neuerungen führen können - sei es im schulischen Rahmen oder außerhalb. FOTOS: DPA/PM (2)/KUHN-GECK/SCHEPP

Eine lange Zeit ohne Präsenzunterricht geht heute für Anna-Maria Dern zu Ende. Die Drittklässlerin darf nun wieder in die Grundschule Langgöns - allerdings nur einmal wöchentlich. Am meisten freut sich die Achtjährige darauf, ihre Freunde zu sehen. "Die habe ich richtig vermisst." Vermisst hat sie auch den Unterricht. Nach all den Wochen ohne Lernen im Klassenzimmer fällt ihr Urteil eindeutig aus: "In der Schule gefällt es mir besser."

Das bestätigt auch ihre Mutter. "Lehrer haben schon ihre Daseinsberechtigung", sagt Isabell Dern, die die lange Zeit des Unterrichts in den eigenen vier Wänden als "große Herausforderung" bezeichnet. Lob gibt es aber auch für die Lehrkräfte, die die Aufgaben zunächst per Wochenübersicht und nach den Osterferien als Tagesplan zugeschickt haben. Manche haben Videos weitergeleitet, ansonsten wurde die Plattform I-Serv genutzt. Zum Glück beinhaltete der Lernstoff nicht nur Mathe und Deutsch, sondern auch ihr Lieblingsfach Kunst.

Anna-Maria und ihre Eltern hätten sich gefreut, wenn es bis zu den Ferien mehr Präsenzunterricht gegeben hätte. Was sie von Corona hält, hat die Achtjährige so zusammengefasst: "Mama, können wir das Jahr 2020 bitte streichen?"

Ein bisschen so, "als ob man aus den Ferien kommt", hat sich Paul Ole Schepp gefühlt, als er in der vergangenen Woche erstmals seit über zwei Monaten wieder das Schulgelände in der Gießener Bismarckstraße angesteuert hat.

Der 17-Jährige aus Wißmar besucht die Einführungsphase der Liebigschule und hat sich zum Start nach langer Pause vor allem darauf gefreut, seine Freunde wiederzutreffen.

Aber auch die gewohnte Struktur eines Schultages kommt dem Oberstufenschüler, der nach dem Schuljahr in die Qualifizierungsphase wechselt, entgegen. "In der Schule ist der Organisationsrahmen vorgegeben, das fällt mir leichter."

Doch auch mit dem "Home Schooling" hat sich Paul Ole nach einer kurzen Eingewöhungsphase arrangiert. Die Menge der Hausaufgaben für den heimischen Schultag war größer, "dafür ging es vor allem um die Wiederholung des Stoffes". Nur in Mathematik stand ein neues Thema auf dem Plan. Hier ist er mit eigener Recherche und dankt YouTube fündig geworden. Auf die Qualifizierungsphase nach den Sommerferien fühlt sich der 17-Jährige gut vorbereitet. "Lieber wäre es mir allerdings gewesen, wenn wir die Einführungsphase ohne Corona-Einschränkungen durchlaufen hätten."

Die Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln funktioniert an der Lio sehr gut, schildert er seine Erfahrungen. In den Klassenräumen stehen Desinfektionsspender, es herrscht Maskenpflicht auf Treppen und Gängen. "Die meisten halten sich besser dran als so manche ältere Leute."

Manche durften die Schule schon eine Woche nach den Osterferien wieder besuchen. Für andere hat die coronabedingte Pause länger gedauert. Wie erleben Kinder und Jugendliche diese Zeit? Nachgefragt bei Schülern aus dem Landkreis - von der Grundschule bis zur Oberstufe.

VON ARMIN PFANNMÜLLER

Die 16-jährige Annelie absolviert die Realschulprüfung, ihre 14-jährige Schwester Julie die Hauptschulprüfung. Die dritte im Bunde ist Marie, die ebenso wie ihre Schwestern die Pohlheimer Adolf-Reichwein-Schule (ARS) besucht, aber keine Prüfung vor sich hat. Und dann gibt es im Haushalt der Dorf-Güller Familie Schöps noch Enie. Die Zehnjährige geht ins vierte Schuljahr der Regenbogenschule in Holzheim und wechselt nach den Ferien ebenfalls an die integrierte Gesamtschule in Watzenborn-Steinberg. Vier Kinder, die wochenlang von zu Hause aus beschult worden sind. "Das ist auch für die Eltern sehr viel", betont Corina Schöps, die gemeinsam mit ihrem Mann Bernd nicht nur die Hausaufgaben betreut, sondern dem Quartett bei Bedarf auch neuen Schulstoff vermittelt hat.

Da kam es den Eltern nicht ungelegen, als eine Woche nach den Osterferien der Präsenzunterricht an der ARS für die beiden ältesten Töchter wieder begann.

Als "reine Prüfungsvorbereitung" bezeichnet Annelie den Unterricht der vergangenen Wochen mit den Schwerpunkten Mathematik, Deutsch und Englisch. "Von zu Hause aus wäre das alles viel schwieriger geworden", unterstreicht die 16-Jährige, die nach dem Realschulabschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Garbenteicher Limeswerkstatt absolviert, dass das Lernen in der Schule für sie effektiver ist. "Ich habe mich ziemlich auf die Schule gefreut", sagt auch Julie. Die 14-Jährige legt die Hauptschulprüfung "zum Üben und Testen" ab, um anschließend die Klasse 10 der ARS zu besuchen.

Lernen in der Schule ist effektiver

Lieber noch ein bisschen länger zu Hause geblieben wäre Marie. Die Elfjährige war nach eigenen Angaben "gerade im richtigen Rhythmus", um ihre Aufgaben über die Lernplattform I-Serv zu absolvieren. Per Elternpost erhielt Enie zunächst ihr wöchentliches Pensum. Später wurden die Aufgaben immer montags an der Schule in Holzheim verteilt. Die Viertklässlerin hat sich gefreut, als sie am 18. Mai wieder die Schule besuchen durfte.

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