1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen

»Lieber Quotenfrauen als keine Frauen«

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jonas Wissner

Kommentare

jwr_Mittertrainer_121121_4c
Mina Mittertrainer © pv

Gießen/Landshut (jwr). Warum sind Frauen in der Kommunalpolitik noch immer stark unterrepräsentiert - und wie lässt sich das verändern? Zu diesen Fragen forscht die Soziologin Mina Mittertrainer (Hochschule Landshut). Sie plädiert auch für Quoten.

Frau Mittertrainer, in kommunalen Gremien im Kreis Gießen ist der Frauenanteil teils erschreckend gering, zudem gibt es nur eine Bürgermeisterin. Überrascht Sie das?

Nein, vor allem nicht in einer eher ländlichen Region. Beim Bürgermeisteramt liegen wir deutschlandweit bei knapp zehn Prozent Frauenanteil, aber je weiter man in ländliche Regionen kommt, desto weniger Frauen sind vertreten.

Welche Gründe dafür zeigen Ihre Forschungsergebnisse aus Bayern?

Die Partizipation von Frauen hängt unter anderem mit politischen Strukturen zusammen, etwa bei parteiinternen Nominierungsprozessen: Wie wird entschieden? Wird weiblicher Nachwuchs gefördert? Außerdem geht es um Sitzungskultur: Wie laufen Sitzungen ab, fühlen Frauen sich dabei wohl? In Interviews haben wir gehört, dass Frauen oft deutlich weniger Redebeiträge haben und wenig positive Rückmeldung bekommen. Sie erfahren mehr Gegenwind als Männer, auch darüber muss gesprochen werden. Ein weiterer Punkt sind geschlechtsspezifische Rollenbilder. Von Frauen wird mehr Leistung erwartet, um auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Zudem hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Familienarbeit Frauensache sei.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um Frauen zu motivieren, sich politisch zu engagieren?

Bei unserem Forschungsprojekt wollen wir auch testen: Wie lassen sich Sitzungsregeln verändern? Eine Überlegung sind quotierte Redelisten, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen. Oft fällt auch hinten runter, dass gerade für jüngere Frauen Sitzungszeiten häufig schwierig sind, weil sie zum Beispiel abends Kinder ins Bett bringen. So was kann ohne Probleme geändert werden, zum Beispiel durch rotierende Termine. Wichtig ist auch eine straffe Sitzungsleitung.

Wie stehen Sie zu Frauenquoten in der Kommunalpolitik?

Studien zeigen: Wenn der Anteil in einem Parlament unter 30 Prozent liegt, dann werden Frauen oft als Repräsentantin für ihr ganzes Geschlecht angesehen. Sind es mehr, sieht man sie als individuelle Person. Die Quote funktioniert gut, das hat sich etwa in Frankreich gezeigt. Mitte der 90er lag der Frauenanteil in der Nationalversammlung bei unter zehn Prozent, nun sind es über 40 Prozent. Finanzielle Sanktionen, falls Parteien sich bei Aufstellungen nicht an die Quote halten, wurden schrittweise erhöht. Es gibt den berechtigten Einwand von Frauen, die sagen: Wir wollen es uns lieber selbst erarbeiten. Aber bei der aktuellen Benachteiligung von Frauen in der Politik würde ich sagen: Lieber Quotenfrauen als keine Frauen. FOTO: PRIVAT

Auch interessant

Kommentare